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Rezension: Wessen Selbstbestimmung?

Ein breites Feld will dieses Buch dem eigenen Anspruch nach beackern und mit praxisorientierten Zugängen die Bereiche geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung beleuchten. Die Auswahl der konkreten Themen und die inhaltliche Schwerpunktsetzung sind jedoch mehr als ungewöhnlich: Sie wirken willkürlich. Den ersten und größten Teil des Sammelbandes machen unter der Überschrift „Geschlechtliche Selbstbestimmung“ Beiträge zu Inter- und Transsexualität aus. Diese sind von recht unterschiedlicher Qualität. Asexualität und Sexualität unter Haftbedingungen sind die einzigen Themen in dem thematischen Block zu „Sexueller Selbstbestimmung“ und zwar mit je zwei beziehungsweise drei Texten. Redundanzen bleiben nicht aus und auch die Frage nicht: Sind das die Hauptprobleme, die es auf dem Feld der sexuellen Selbstbestimmung gibt? Die Herausgeber_innen erklären diese sehr eigenwillige Auswahl in der Einleitung nicht. Die dringend notwendige strafrechtliche Neudefinition von Vergewaltigung, die anstehende Reform des Prostitutionsschutzgesetzes, das Recht von Menschen mit Behinderung auf Sexualität, die gerade im letzten Jahr wieder hochgekochte Pädophiliedebatte: nichts davon ist auch nur eine Erwähnung wert. Schließlich dann das Themenfeld „reproduktiven Selbstbestimmung“: Recht auf Abtreibung, behinderte Menschen und LGBTs mit Kinderwunsch sind die Themen der letzten drei Texte. Dieser Abschnitt ist bedauerlicherweise mit Abstand der kürzeste. Katja Krolzik-Matthei thematisiert in ihrem Beitrag zu Abtreibung und Selbstbestimmung zwar ausführlich das Problem der pränatalen Diagnostik, sie versäumt es aber, zwischen einer ungewollten Schwangerschaft und einer durch PND ungewollt gewordenen Schwangerschaft zu unterscheiden und postuliert, „eine feministische Perspektive [könne] keine andere als die der ungewollt Schwangeren sein“. Dem würde im ersten Fall auch keine Feministin widersprechen: Der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft muss ohne Probleme und Schikanen möglich sein. Im zweiten Fall kann eine feministische Position sehr wohl die Perspektive der gewollten Schwangeren einnehmen, die die Frau vor wenigen Wochen war und in Frage stellen, ob die in der Zwischenzeit stattgefundenen Diagnosespirale so besonders selbstbestimmt war. Eine feministische Perspektive kann darüber hinaus eine intersektionale sein, die die Verstärkung des negativen Bildes von Behinderung durch die normalisierte pränatale Suche nach Abweichungen problematisiert.

Kirsten Achtelik

➤  Michaela Katzer, Heinz-Jürgen Voß (Hg.): Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge. Psychosozial-Verlag (2016), 358 Seiten, 36,90 Euro, ISBN 978-3-8379-2546-3.

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Juni 2016
S. 44