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Ethische Gespensterdebatte

Die Jahrestagung des Deutschen Ethikrates zum Thema „Zugriff auf das menschliche Erbgut. Neue Möglichkeiten und ihre ethische Beurteilung“ war gut besucht aber leider inhaltlich frustrierend.

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Der neue Vorsitzende des Ethikrates, der Theologieprofessor Peter Dabrock wollte die Frage, ob Veränderungen an menschlichen Keimzellen mit der Genome Editing Technik CRISPR-Cas „verboten bleiben, erlaubt werden oder […] gar geboten“ sein sollten, gerne „kritisch, was nichts anderes heißt als unterscheidungssensibel“ diskutiert sehen.1 Für einige bedeutet Kritik ja mehr als Unterscheidungssensibilität, nämlich Beanstandung oder Bemängelung eines Sachverhaltes, doch diese Stimmen blieben auf der Tagung marginal.

Jörg Vogel, Biochemiker und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina war in seinem Eingangsvortrag sichtlich darauf bedacht, mögliche Bedenken gegenüber den Techniken zu zerstreuen. Statt auf die vielfältigen Gefahren des Verfahrens hinzuweisen, führte er lieber mögliche Sicherheitsmechanismen an. Im weiteren Verlauf der  Tagung wurde daraus ein „Schalter“, den man mit in das Genom einbauen könne um unerwünschte Effekte wieder „auszuschalten“. Diese Rhetorik kann, wie Dabrock ausführte, praktischerweise „große Befürchtungen, die man mit Blick auf Keimbahninterventionen hat, deutlich zurücknehmen“. Ob das realistisch ist, scheint dann zweitrangig zu sein. Das Reden vom „Schalter“ passte dann auch hervorragend zum Bild der angeblich präzisen „Genschere“.

Den negativen Höhepunkt der Tagung setzte das ehemalige, langjährige Ethikrat-Mitglied Jochen Taupitz von der Universität Mannheim, der mit einer „kreativen“ Interpretation des Embryonenschutzgesetzes aufwartete: Dessen Lücken seien so eklatant, dass sie Experimente an menschlichen Keimzellen auch heute schon nicht verböten. Ethisch-moralisch müsse man - zur Verhinderung schwerer Krankheiten und Behinderungen - sogar von einem Zulassungsgebot ausgehen. Zustimmung erhielt er in dieser Einschätzung von Jurist und Ethikratsmitglied Reinhard Merkel. Dieser offenbarte allerdings eine derart schauerliche Ahnungslosigkeit simpelster Vererbungsvorgänge - in einem inzwischen entfernten Tweet wurde dies mit „Merkel gegen Mendel 0:1“ kommentiert - dass man sich fragen musste, ob der Mann überhaupt weiß, wovon er spricht.

Wenig unterscheidungssensibel auch die Sprache: eine vermeintlich technisch-neutrale, tatsächlich aber simplifizierte und pseudo-anschauliche Ausdrucksweise zog sich durch die ganze Tagung. Ständig war von „schwersten Erbkrankheiten“ die Rede, die man mittels Genome Editing verhindern beziehungsweise „eliminieren“ könne. Das Reden über Behinderung war fast durchgängig von Defizitdenken und der Gleichsetzung mit vermeidbarem Leiden geprägt. „Unterscheidungssensibel“ wäre es hingegen gewesen, ein zeitgemäßes Bild von Behinderung in die Debatte zu implementieren. Versuche aus dem Publikum in diese Richtung, unter andrem auch von GeN-Mitarbeiterin Uta Wagenmann, wurden jedoch eher abgewehrt als aufgenommen.

Leute, denen das Führen einer Debatte schon als Sternstunde der Kritik gilt, waren erwartungsgemäß begeistert von der diesjährigen Ethikratstagung. Andere, denen Inhalte und wirkliche Kritik etwas bedeuten, blieben in der Minderheit und waren deutlich unprominenter platziert. Als „Geisterdebatte“ bezeichnete die Hamburger Politologieprofessorin Ingrid Schneider die Fokussierung auf Keimzellenveränderungen und mahnte an, man müsse eigentlich über „die somatische Gentherapie, über Gene Drive, darüber, ob man ganze Populationen von Malariamücken ausschalten kann und soll, oder über Eingriffe an Pflanzen“ als wesentlich drängendere Fragestellungen diskutieren. Eine Verteidigung der Sprachpolitik nahm Andrea Esser, Professorin für Praktische Philosophie in Jena vor. Sie wies darauf hin, dass es bei Sprachpolitik keineswegs um etwas rein Äußerliches gehe, vielmehr präge man „mit dem Gebrauch bestimmter Worte […] auch Vorstellungen, Bilder und Meinungen“. Dies sei gerade bei der Verwendung einer „starken Metaphorik“, wie sie in der Debatte üblich sei, höchst problematisch.

Kirsten Achtelik ist Sozialwissenschaftlerin und freie Journalistin.
237
August 2016
S. 33