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Bayer kauft Monsanto

Jetzt ist es fast soweit: Der Chemiekonzern Bayer wird den Gentech-Branchenprimus Monsanto übernehmen, sobald AktionärInnen und Kartellbehörden ihre Zustimmung gegeben haben.

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In der globalen Agrarwirtschaft jagt eine Übernahme die andere. Schon Ende 2017 könnten aus den großen sechs Konzernen - BASF, Bayer, Dow, Dupont, Monsanto und Syngenta - die großen drei geworden sein. Am 14. September haben Hugh Grant, Vorstandschef des US-Konzerns Monsanto und Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, nach einem fünfmonatigen Poker bekannt gegeben, dass sie eine bindende Fusionsvereinbarung unterzeichnet haben - de facto die Übernahme des US-Gentechkonzerns Monsanto durch Bayer für knapp 60 Milliarden Euro. Damit findet der Konzentrationsprozess im Saatgut- und Pestizidgeschäft seinen vorläufigen Höhepunkt. Kommt das Geschäft zustande, wird Bayer zum neuen globalen Marktführer in diesen Bereichen. Bereits im vergangenen Jahr hatten die US-amerikanischen Konzerne Dupont und Dow ihre Fusion und der chinesische Staatskonzern ChemChina die Übernahme des schweizerischen Agrarkonzerns Syngenta angekündigt.1 Was diese Entwicklung für die globalen Saatgut- und Pestizidmärkte bedeutet, ist heute nur bedingt abschätzbar. Schon jetzt sind die Märkte extrem konzentriert, nicht zufällig wird seit Jahren von den Big Six gesprochen.2

Der neue Konzern wird ungefähr ein Drittel des weltweit gehandelten Saatgutes verkaufen - so ist es aktuell in der Presse zu lesen. Schätzungen gehen davon aus, dass höchstens etwa zwanzig Prozent des Saatgutes überhaupt auf den Markt kommen. Der Rest wird von den Bäuerinnen und Bauern aus den eigenen Ernten zurückbehalten oder von NachbarInnen oder aus anderen Quellen bezogen.3 Bleiben also bis zu etwa sieben Prozent für den Marktführer. Ob das ein kleines, ein großes oder ein zu großes Stück vom Kuchen ist, ist nebensächlich. Wichtiger ist vielmehr, dass der Anteil am Saatgut, der gar nicht erst gehandelt wird, erhalten bleibt; oder besser noch: wenn er zunehmen würde. Dazu gibt es keine Alternative, wenn eine gewisse Unabhängigkeit von den großen Konzernen gewahrt bleiben soll.

Bei den Pestiziden ist dies ungleich schwieriger (ausgenommen die ökologische Bewirtschaftung, bei der gleich ganz auf deren Einsatz verzichtet wird).  Nach dem Zusammenschluss von Bayer und Monsanto wird das neue Unternehmen etwa ein Viertel des globalen Pestizidmarktes kontrollieren.4

Die beiden Protagonisten bei der Monsanto-Übernahme durch Bayer, Grant und Baumann, formulieren  die Ziele des neuen Konzerns folgendermaßen: „Gemeinsam werden wir mit aller Kraft daran arbeiten, eine der größten Herausforderungen der Gesellschaft zu bewältigen: eine stark wachsende Weltbevölkerung auf ökologisch nachhaltige Weise zu ernähren.“ Und weiter: „Die Vision für den Zusammenschluss ist genau aus diesem Wunsch heraus entstanden: Es Landwirten zu ermöglichen, mehr mit weniger zu produzieren.“

Eine der großen Fragen dieser Übernahme ist, ob Monsanto für Bayer tatsächlich auch als Technologie-Konzern interessant ist. Glyphosat, das wichtigste Produkt von Monsanto im Pestizidbereich, steht nicht nur in Europa in der Kritik. Hier ist die dauerhafte Zulassung weiter zweifelhaft. In anderen Ländern, nicht zuletzt in den USA, steht die Zunahme von resistenten Unkräutern im Zusammenhang mit dem Einsatz von Glyphosat im Zentrum massiver Auseinandersetzungen. Nichtsdestotrotz sind glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel gegenwärtig noch die weltweit am häufigsten eingesetzten Pestizide ihrer Art. Auch Monsantos gentechnisch veränderte Pflanzen haben ihre beste Zeit womöglich bereits hinter sich. Denn die meistensind tolerant gegenüber glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmitteln. Somit gerät auch dieser Geschäftszweig unter Druck. Zudem spricht heute alle Welt über neue Gentechnik-Verfahren, insbesondere über das Verfahren CRISPR-Cas. Monsanto ist nicht gerade die Speerspitze bei der Entwicklung von Pflanzen, die mit derartigen Veränderungen hergestellt worden sind.

Angesichts dieser Umstände ist es wahrscheinlicher, dass es in diesem Geschäft um etwas anderes geht. Infrage kommt - in der Konkurrenz zu den permanenten Wettläufen um den Einsatz neuester Technologien zwischen den Agrarkonzernen aktuell eher unterschätzt - das nicht gentechnisch veränderte Saatgut. Monsanto ist in den vergangenen Jahren berühmt und berüchtigt geworden, weil der Konzern weltweit ein Saatgutunternehmen nach dem anderen aufgekauft hat. Zusammengekommen ist so eine Sammlung von landwirtschaftlichen Sorten, die vermutlich ihresgleichen sucht. Dieser Pool an genetischen Ressourcen ist für die zukünftige Zucht neuer Nutzpflanzen von entscheidender Bedeutung.

Gleiche Investoren auf beiden Seiten

Gemessen an dem ausgehandelten Betrag geht es hier um die größte Übernahme, die ein deutscher Konzern jemals getätigt hat. Bayer muss einen Großteil des Kaufpreises über Kredite finanzieren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es sich um eine Offerte handelte, die in bar zu zahlen sein wird. So wird dieser Deal, wie in der Wirtschaftspresse schon im Sommer zu lesen war, interessant für die Großinvestoren von Monsanto. Ein Blick in die Eigentümerstrukturen von Bayer und Monsanto bringt aber noch etwas anderes zutage: „Mit dem Chemie- und Pharmakonzern aus Leverkusen und dem amerikanischen Saatgut-Spezialisten gehen Unternehmen zusammen, die nur auf den ersten Blick selbständig sind. In Wirklichkeit gehören sie schon jetzt weitgehend denselben amerikanischen Finanzinvestoren.“

Diese Lesart der Fusion der beiden Konzerne präsentiert Kathrin Werner in der Süddeutschen Zeitung.5 Und weiter: „Man kann sagen, eigentlich verhandeln die Aktionäre auf beiden Seiten, die Eigentümer auf beiden Seiten, mit sich selbst.“ Dass Großaktionäre die einzig wahren Entscheider hinter dem Deal seien, sei allerdings übertrieben. Laut Zacharias Sautner, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, sei das „auch ein großes rechtliches Problem“, die Entscheidungen über Fusionen müssen die Vorstände treffen, „im Interesse der Unternehmen und der Gesamtheit der Aktionäre, nicht im Interesse der Großinvestoren, die an beiden beteiligt sind“.6 Die gemeinsame Eigentümerschaft führe zunächst dazu, dass sich die Unternehmen weniger Konkurrenz machen - ein Phänomen, dessen Ursachen nicht ganz klar seien. Nochmal Sautner: „Zum Teil dürfte es vorauseilender Gehorsam der Vorstände sein“ und „die extremste Art, sich weniger Wettbewerb zu machen, ist ein Zusammenschluss“.

Derartige Logiken, die sich der Beteiligung von Bäuerinnen und Bauern vollständig entziehen, sind für diese ein weiterer Grund, sich von den Konzernen unabhängiger zu machen.

  • 1. Siehe dazu zum Beispiel den Artikel „Agrarkonzerne: Wer kauft wen?“, GID 235, April 2016, S. 37 f, im Netz unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/3259.
  • 2. Für Details bezüglich der Anteile der verschiedenen Konzerne an den globalen Geschäften siehe „Breaking Bad: Big Ag Mega-Mergers in Play Dow + DuPont in the Pocket? Next: Demonsanto?“, Dezember 2015. Im Netz unter www.etcgroup.org oder www.kurzlink.de/gid238_4.
  • 3. Um den Anteil des kommerzialisierten Saatguts am weltweit genutzten Saatgut abzuschätzen, hat der Autor - aufgrund fehlender offizieller Zahlen - verschiedene ExpertInnen befragt. Unbenommen des weltweiten Anteils wird die Übernahme von Monsanto durch Bayer auf manchen regionalen oder nationalen Märkten bestimmter Nutzpflanzen zu monopolartigen Verhältnissen führen.
  • 4. Siehe Fußnote 2.
  • 5. Süddeutsche Zeitung, 21.09.16.
  • 6. Siehe Fußnote 5.
Christof Potthof ist Redakteur des GID und Mitarbeiter im Gen-ethischen Netzwerk.
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Oktober 2016
S. 41 - 42