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Vor 30 Jahren ...

Nachdenken und Innehalten - Wissenschaftler entsagt IVF

Hamburg (g.id.) -Der führende Spezialist für In-vitro-Fertilisation in Frankreich, JacquesTestart, ist aus dem Wettrennen um den Ausbau der Methode ausgestiegen. Zugleich forderte der Mediziner ein Moratorium: „Wissenschaftler aller Länder und aller Disziplinen haltet inne und denkt nach!" An den Erfolg seines Aufrufs glaubt Testart, der am Pariser Hospital Antoine-Beclere arbeitet, allerdings selbst nicht so recht. „Ich veröffentliche das, um das Problem zu unterstreichen. Aber ich habe keine Illusionen. Ich werde allein sein", sagte er einem Reporter des französischen Magazin „Le Nouvel Observateur" (Ausgabe vom 15. September). Testart, der seinen Schritt als „wissenschaftlichen Selbstmord" bezeichnete, will nach einem Bericht des Wissenschaftsmagazins nature (Val. 323, S. 385) die In-vitro-Fertilisation nicht völlig aufgeben. Denn um unfruchtbaren Paaren zu einem Kind zu verhelfen, hat die Methode nach seiner Ansicht durchaus Sinn. Er fürchtet jedoch die zukünftigen „Perversionen" der Technik. In zehn Jahren fordere jedermann diese Methode für sich, die es dann ermögliche, das Geschlecht des Kindes zu wählen und Erbkrankheiten bereits im Frühstadium der Schwangerschaft zu diagnostizieren. „Wenn wir diese Techniken haben, können wir sie für viele Dinge gebrauchen", so Testart. „Ich denke, es ist besser, die Methode aufzugeben, als dieses Risiko einzugehen." Nach Auffassung des Mediziners, der 1982 Frankreich zu seinem ersten Retorten-Baby verhalf, schafft die Weiterentwicklung der In-vitro-Fertilisation „einen neuen Bedarf und neue Ängste", anstatt Unfruchtbarkeit zu behandeln. Seine Gedanken über das Thema veröffentlichte Testart vor kurzem in dem Buch „L'oeuf transparent" (auf deutsch „Das durchsichtige Ei"). Enttäuscht war der Arzt über die geringe Resonanz, die sein Aufruf bei den Kollegen fand. Keiner der Wissenschaftler aus den bei der IVF führenden Länder, Großbritannien und Australien, habe reagiert. „Ich registrierte großes Interesse von Journalisten, Soziologen und Philosophen, aber keines von Wissenschaftlern." Wahrscheinlich reiben sich seine Kollegen heimlich die Hände aus Freude darüber, einen Konkurrenten um Forschungsgelder und den wissenschaftlichen Lorbeer für die vollkommen technisierte Reproduktion loszusein.

240
Februar 2017
S. 39