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Rezension: Digitale Selbstkontrolle

Was treibt Menschen dazu, sich der schrittweisen Demontierung von Datenschutz und Privatsphäre nicht nur passiv zu fügen, sondern sie aktiv voranzutreiben? Warum vermessen sich Menschen akribisch selber und mit welcher Motivation teilen sie ihre selbsterhobenen Daten freizügig mit anderen Menschen sowie privatwirtschaftlichen und staatlichen Institutionen? Was für eine Gesellschaft fördert diese Praktiken und welche Konsequenzen haben sie? Diesen Fragen rund um das Phänomen „Self-Tracking“, also die Selbstvermessung und -disziplinierung mittels sogenannter Wearables wie Fitnessarmbändern und Smartphone Apps, widmet sich diese sozialwissenschaftliche Textsammlung. Die verschiedenen Beiträge beleuchten die neuen Verhältnisse von Körper, Technik und Wissen und die Verwischung der Grenze zwischen Selbst- und Fremdführung. Ein ausgesprochen aktuelles Thema in Zeiten eines gesellschaftlichen Umbruchs hin zur umfassenden „Smartifizierung“ unserer Leben durch einer vermeintlich objektiven Logik folgenden Algorithmen. Selbstvermessung ist keine neue Praktik, führte doch schon Benjamin Franklin über sein tägliches Tagewerk und die eigene Tugendhaftigkeit systematisch Buch. Doch durch die neuen Möglichkeiten der digitalen Zusammenführung, des Vergleichs und der Verrechnung aller Daten, erreichen Selbstdisziplinierung und -optimierung sowie die Überwachungs- und Steuerungsmöglichkeiten eine neue Qualität. Self-Tracking ist auch beispielhaft für den Abbau eines solidarischen Gesundheitssystems hin zu neoliberaler Selbstverantwortlichkeit, wie Bonusprogramme zeigen, mit denen Krankenkassen die digitale Selbstdisziplinierung ihrer Mitglieder belohnen. Es lohnt sich also, die verschiedenen hier dargestellten Aspekte dieser unterschwelligen Steuerung und des sanften Zwangs im Gewand der Selbstbestimmung genauer zu betrachten.

Isabelle Bartram

➤ Stefanie Duttweiler, Robert Gugutzer, Jan-Hendrik Passoth, Jörg Strübing (Hg.): Leben nach Zahlen. Self-Tracking als Optimierungsprojekt? Transcript (2016), 352 Seiten, 29,99 Euro, ISBN 978 3837631364.

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Februar 2017
S. 40