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Kleinbäuerliche Landwirtschaft unter Druck

In weiten Teilen Afrikas dominiert bis heute eine kleinbäuerliche Landwirtschaft, je nach Region werden bis zu 80 Prozent des Lebensmittelbedarfs von lokalen KleinproduzentInnen gedeckt. Das macht den Kontinent auch zu einer Fundgrube für Konzerne, die auf der Suche nach neuen Absatzmärkten sind.

 

Im Vergleich zu anderen Regionen ist der Umsatz, den die globalen Agrarkonzerne in Afrika erzielen, gering. Aber: Der Kontinent gilt als wichtiger Zukunftsmarkt. Afrika werde „künftig einen wachsenden Umsatzanteil beisteuern“, ist im aktuellen Jahresbericht von Syngenta zu lesen. Der globale Agrarchemie-Hersteller Nummer eins sieht „grosse Chancen, mit moderner Technologie die Ernteerträge zu steigern“, und will unter anderem dazu beitragen, dass sich der Kontinent „zu einem wichtigen Exporteur von Nahrungsmitteln entwickelt“.1

Die Rhetorik ist klar: Syngenta - andere Akteure wie Monsanto, Bayer Crop Science oder DuPont Pioneer bemühen dieses Bild ebenso - präsentiert sich hier als hilfreicher Partner und Unterstützer afrikanischer Bauern und Bäuerinnen. Tatsächlich setzt das von ihnen propagierte Landwirtschaftsmodell, das auf die Verwendung industriellen Saatguts und dazugehöriger Pestizide statt auf lokal angepasste Vielfalt setzt, die kleinbäuerliche Landwirtschaft vielerorts unter Druck und konterkariert Ernährungs- und Saatgutsouveränität.

Wenn Syngenta hier in erster Linie „Chancen“ für den Konzern anführt, spricht zudem einiges dafür, dass der Konzern aus der Not eine (vermeintliche) Tugend macht. In vielen etablierten Märkten und Produktsparten haben die Konzerne in den letzten Jahren mit Umsatzeinbußen zu kämpfen, daher suchen sie händeringend nach anderen Absatzmöglichkeiten. Eine mögliche Lösung liegt in der Expansion der Geschäftstätigkeiten in Lateinamerika, Asien - aber eben auch Afrika. Eigentlich sei auf mittel- und langfristige Sicht nur dort das Wachstum zu erzielen, das erforderlich ist, um die derzeitig stattfindenen Mega-Fusionen im Agrarsektor zu amortisieren, meint unser Autor Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt - Evangelischer Entwicklungsdienst. Er zeigt auf, wie afrikanische Staaten unter Druck gesetzt werden, Saatgutgesetzgebungen industriefreundlicher zu gestalten, und wie gleichzeitig am Aufbau konzernbasierter Saatgutstrukturen gearbeitet wird. Zu älteren Initiativen wie der Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) und der Bill & Melinda Gates Foundation hat sich in den letzten Jahren die Neue Allianz für Ernährungssicherheit in Afrika als wichtiger Akteur hinzugesellt. Nicht zuletzt das deutsche Entwicklungsministerium scheint sich diesen Initiativen derzeit intensiv anzunähren.

 Zu den Bemühungen der Agrarindustrie, ihr Landwirtschaftsmodell in Afrika zu verbreiten, gehört auch die Propagierung gentechnisch veränderter (gv) Pflanzen. Diese sind bisher noch wenig verbreitet: Nur in drei afrikanischen Ländern werden sie kommerziell angebaut, eines davon steigt gerade aus der Nutzung von gv-Baumwolle wieder aus, da sich ihre Qualität nicht bewährt hat. Allerdings steigt der Druck auf weitere Staaten, den Weg für Freisetzungsversuche sowie die Markteinführung von gv-Pflanzen zu ebnen. Der erste Schritt in diese Richtung ist häufig die erstmalige Verabschiedung oder die Veränderung bereits bestehender Biosicherheitsgesetze. Dieser geht unter anderem von vermeintlich gemeinnützigen Projekten wie Water efficient Maize for Africa (WEMA) aus, das von Monsanto gemeinsam mit der Bill & Melinda Gates Foundation betrieben wird. Das African Centre for Biodiversity gibt einen Überblick über Gentechnik auf afrikanischen Feldern.

Was bedeutet die Expansion der Agrarindustrie für afrikanische Kleinbauern und -bäuerinnen? Dies ist Thema des Interviews mit Elisabeth Mpofu. Die Kleinbäuerin aus Simbabwe und Generalsekretärin der internationalen Kleinbauernoraganisation La Via Campesina International berichtet darin von deren Kampf für Ernährungssouveränität und den Auseinandersetzungen um Land und Saatgut, die sie derzeit mit transnationalen Agrarkonzernen und Investoren führen müssen. Das Interview fand am Rande des Kongresses „Global Peasants Rights“ in Schwäbisch Hall statt. Dort wurde eine Erklärung für die Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und anderer auf dem Land arbeitender Menschen diskutiert, die unter dem Dach der Vereinten Nationen verabschiedet werden soll. Im Gespräch mit dem GID ordnet die Juristin Adriana Bessa diese Erklärung in das bestehende Menschenrecht ein. Beispielsweise übersetze sie die Verpflichtungen, die Staaten hinsichtlich des Rechts auf Saatgut in verschiedenen internationalen Rechtstexten eingegangen sind, in eine menschenrechtliche Form. Bessa erläutert, dass der aktuelle Entwurf noch einiger Präzisierungen bedarf, damit die Rechte der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Zukunft - mit Hilfe der neuen Erklärung - effektiv geschützt werden können.

Dass die Vermarktungsstrategien und Kapitalinteressen transnationaler Konzerne und Investoren häufig den Menschenrechten zuwiderlaufen, zeigt sich auch in anderen Bereichen - erst kürzlich äußerten die am Internationalen Monsanto-Tribunal beteiligten JuristInnen ihre diesbezügliche Kritik.2 Unterstützung erfahren diese Kapitalinteressen zudem im Rahmen von Handelsabkommen, wie die Nichtregierungsorganisation GRAIN erläutert. Die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (engl. Economic Partnership Agreements, EPA) die die Europäische Union derzeit mit afrikanischen Staaten verhandelt, sind das aktuelle Beispiel dafür. Sie verfestigen alte koloniale Strukturen und weisen Afrika die Rolle als Lieferant billiger Rohstoffe zu, während die Wertschöpfung im globalen Norden stattfindet. Einige der in den Abkommen enthaltenen Klauseln haben tiefgreifende Wirkung und könnten sich zukünftig unter anderem auch auf die Saatgutgesetzgebung auswirken.

Auswirkungen der Mega-Fusionen

Derzeit finden mehrere Konzernfusionen im Agrarsektor statt: Syngenta wird von ChemChina übernommen, Dow Chemical und DuPont wollen fusionieren und sich anschließend in drei separate Konzerne aufspalten, von denen einer das Landwirtschaftsgeschäft übernehmen soll, und Bayer will Monsanto übernehmen. Was diese Transaktion für die südafrikanische Landwirtschaft bedeutet, schildert abschließend das African Centre for Biodiversity. In Südafrika werden sowohl Soja als auch Mais bereits heute zu nahezu hundert Prozent als gv-Pflanzen angebaut, mit Monsanto als Inhaber eines de-Facto Monopols auf deren gentechnisch erzeugte Eigenschaften. Durch die Fusion wird diese Marktmacht noch weiter ausgeweitet. Zudem wird die Dominanz des herrschenden Technologie-orientierten Landwirtschaftsmodells noch verstärkt, das auf gv- oder Hybridsorten und den dazu passenden Agrarchemikalien basiert. Für ProduzentInnen heißt das, dass der Spielraum für alternative (unter anderem auch gentechnikfreie) Landwirtschaftsmodelle zunehmend kleiner wird. Eine gerade im Zuge der vorangehenden Fusionen frappierende Tatsache ist, dass Informationen über Marktanteile, Lizenzgebühren, Forschungsausgaben oder über die Anzahl von Patenten auf Pflanzen und Pflanzeneigenschaften nicht öffentlich zur Verfügung stehen. Sie werden als Geschäftsgeheimnisse gehütet und nur im Zuge der Fusionsprüfungen kurzzeitig den zuständigen Behörden zur Verfügung gestellt. Das African Centre for Biodiversity fordert, dass die Behörden möglichst umfangreiche Informationen erlangen und diese so gründlich wie möglich auf unzulässige Konzentration von Marktmacht prüfen sollten.

  • 1. Der Jahresbericht ist in englischer und deutscher Sprache online verfügbar unter www4.syngenta.com/annualreport2016.
  • 2. Siehe dazu auch den Artikel zum Monsanto-Tribunal auf S. 37 in diesem GID.