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Unabgeschlossene Verhältnisse

Über Eizell„spende“ wird auch in Deutschland zunehmend diskutiert. Ist sie nur altruistisch? Was bedeutet die Abgabe dieser Zellen im Spannungsfeld zwischen Gabentausch und Markt?

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Spätestens seitdem ausländische Anbieter von Reproduktionsleistungen unbehelligt in Deutschland für ihre Dienste werben dürfen wie auf der im Februar in Berlin abgehaltenen „Kinderwunschmesse“, ist das Thema Eizell„spende“ zu einem anschlussfähigen Thema geworden.1 Indiz dafür ist auch, dass sich der Deutsche Ethikrat im Mai aufgerufen sah, ein öffentliches und breit beworbenes „Forum Bioethik“ zu diesem Thema zu veranstalten. Dabei ging es nicht so sehr um die Frage, ob Eizell„spende“ überhaupt wünschenswert ist, sondern darum, unter welchen Bedingungen sie zu legitimieren sei.

Bemerkenswerterweise galten die zu zerstreuenden Bedenken weniger den Produzentinnen und „Spenderinnen“ von Eizellen als Fragen der Verteilungsgerechtigkeit - wer kann es sich leisten, Eizellen einzukaufen - und möglichen Folgen der Anonymisierung - für die mittels Eizell„spende“ entstandenen Kinder. Die meisten TeilnehmerInnen der Veranstaltung waren sich sogar einig darin, dass das Embryonenschutzgesetz veraltet sei und im Hinblick auf die Abgabe von Eizellen modernisiert werden müsse. Ein besonders aparter und provokativer Vorschlag kam von der in Bremen lehrenden Ethnologin Michi Knecht: Sie schlug vor, dass Gameten (also Ei- und Samenzellen) zu Gemeingut erklärt und in einer Stiftung verwaltet werden könnten. Sozusagen ein Open Source-Angebot für Kinderwunscheltern: Gameten würden nicht mehr individuell „gespendet“, sondern „sozialisiert“ werden. Der „Gameten-Pool“ ist natürlich nicht so ganz ernst gemeint, verweist aber auf ein Phänomen, das auch in Bezug auf Organe in der Transplantationsmedizin virulent ist: Der Mangel an verpflanzungsfähigen Eizellen ist evident. Eizellen sind rar, denn sie zu „ernten“ setzt eine langwierige und belastende Hormonstimulation sowie einen invasiven Eingriff voraus und unter Umständen zieht die Prozedur unabsehbare gesundheitliche Risiken nach sich.

Warum also „spenden“ Frauen Eizellen, statt sie zumindest teuer zu verkaufen? Warum darf man im „Garten des Körpers“ zwar „ernten“ und auf anderem Feld wieder einpflanzen, ist dann aber des „Produkts“ beraubt, das entsteht?2 Könnte es sein, dass der Begriff der „Spende“ überbrückt, was nicht mehr vereinbar ist zwischen der in unserer europäischen Aufklärungstradition verankerten Vorstellung eines unteilbaren Individuums und der zunehmenden Veräußerbarkeit des Körpers, der sich in beliebig viele Teile zerlegen und neu wieder zusammensetzen lässt? Der prinzipiell verfügbar ist und zu einem Kampffeld der Macht wird?

Praxis und Forderungen

Im Gegensatz zur Organ„spende“ ist die Eizell„spende“ in Deutschland (noch) verboten, in vielen anderen Ländern jedoch erlaubt oder geduldet, meist mit der Maßgabe, dass die Eizellen „gespendet“, aber nicht verkauft werden dürfen. In manchen Ländern, zum Beispiel in den europäischen Hochburgen Tschechien und Spanien, wird den Frauen eine so genannte Aufwandsentschädigung bezahlt, die zwischen 600 und 1.300 Euro beträgt. Zwar sollen Eizellproduzentinnen nicht ausgebeutet werden, doch die Demarkationslinien sind fließend, unabhängig von welchen altruistischen Motiven die Frauen geleitet werden. Ohne finanzielle Entschädigung ist die Bereitschaft der Frauen, ihre Eier zu „spenden“ gering - das zeigen Länder, in denen die Eizellabgabe kaum oder nicht finanziell honoriert wird. Ohne Aufwandsentschädigung käme der Markt für Eizell„spenden“ aber voraussichtlich in Bedrängnis, denn im Unterschied zur Leihmutterschaft kann er nicht einfach auf die Länder des Südens verlagert werden, weil die Auftrag gebenden Paare kompatible Phänotypen nachfragen.

Feministinnen aus dem angelsächsischen Raum plädieren deshalb dafür, die Arbeit von Eizell„spenderinnen“ als selbstverständliche Arbeit anzuerkennen und ihre Arbeitsbedingungen - also auch ihre Bezahlung - zu verbessern (siehe dazu auch den Text von Susanne Schultz auf Seite 8). Dies aber würde die Verfügungsmacht anderer über den Körper und die Veräußerbarkeit von Körperteilen ausweiten. Klare Vertragsverhältnisse, so die Argumentation, seien transparenter als eine einerseits ideologisch überwölbte und andererseits finanziell bereits unterminierte „Spenden“praxis. An der Spende aber halten zumindest die Länder der EU fest - möglicherweise aus Scheu davor, den Ausverkauf von Körperteilen und Gameten offensiver und sichtbarer zu betreiben. Aber wie steht es eigentlich um die Spende? Welche Implikationen sind mit der Vorstellung altruistischer Gabebereitschaft verbunden?

Eine Gabe ohne Äquivalent?

Die Gabe ist kein voraussetzungs- und folgenloses Geschenk, davon war der Ethnologe, Soziologe und Begründer der „Ökonomie des Gabentauschs“ Marcel Mauss überzeugt. Am Beispiel etwa des Maori-Rechts weist er nach, „dass in dem empfangenen und ausgetauschten Geschenk etwas Verpflichtendes enthalten ist“, nämlich die reziproke Pflicht, erwidert zu werden, nicht sofort, aber in der Zeit.3 Die jeweils Beschenkten sind in einem Kreislauf von Geben, Nehmen und Erwidern gefangen. Der Sinn des Geschenks, so Mauss, ist seine Steigerung: Ich schenke dir mehr als du mir und bringe dich damit in Abhängigkeit. Deine Dankbarkeit erweist du mir mit einem neuen Geschenk, das meines übertrifft. Eine unendliche Zirkulation, die irgendwann in den Schuldenkollaps führt. Dabei ist die Gabe sowohl obligatorisch als auch freiwillig, eine paradoxe Konstellation, der niemand entkommt. Der Gabe, dem Geschenk - englisch: gift! - ist demnach auch etwas Zerstörerisches eingeschrieben, es strukturiert ein Machtfeld. Andererseits wirkt es beziehungsstiftend: Die wechselseitige Verschuldung wird anerkannt. Ein Teil meines Selbst geht, wenn ich schenke, mit dem Geschenk von mir auf den Anderen über. Das inkorporierte Schuldverhältnis in Form einer verkörperten Gemeinschaft ist unauflöslich. Die so beschriebene Ökonomie des Gabentauschs funktioniert nur in persönlich überschaubaren Verhältnissen. Dem Geschenk ist „Herz“ eingeschrieben und in den Niederungen von Geburtstagsgeschenken ist „Gleichwertigkeit“ - fairer Warentausch - sogar erwünscht. Gibt es die partnerschaftliche Bindung, die Steigerungen zulässt oder gar fordert nicht, wird aus dem Geschenk schnell eine Ware, die verzinst werden muss.

 Doch was bedeutet die Gabenökonomie für die Eizell„spende“ beziehungsweise für die Eizell„spenderinnen“? Da Körper„spenden“ offiziell nicht warenförmig zirkulieren, ist auch hier mehr oder minder von einem „Geschenk“ zu sprechen. „The gift of life“ - der Begriff, den die Reproduktionsveteranen Mark Sauer und Richard Paulson einmal in Umlauf gebracht haben, zirkuliert noch heute in Repro-Kliniken auf der ganzen Welt. Doch die Frauen, die Eizellen „spenden“, werden nicht „belohnt“, indem sie irgendwann ein vielleicht noch größeres Geschenk erwarten dürfen. Die Empfängerinnen ihrerseits „verschulden“ sich lebenslang, weil sie das „Geschenk“ nicht erwidern können. Die Beziehung bleibt unauflöslich und unabgeschlossen. Im Falle der Eizell„spende“ kommt erschwerend hinzu, dass der Genpool der „Spenderin“ in einem anderen neuen Menschen aufbewahrt bleibt und sich fortpflanzt. Das dürfte einer der Gründe sein, warum das System in Ländern, in denen die Eizell„spende” anonym organisiert ist und die Produzentin für die Empfängerin nicht zurückzuverfolgen ist, besser funktioniert als dort, wo nicht anonym „gespendet“ werden darf. Selbst wenn die „Spende“ als eine verweltlichte Form christlicher Nächstenliebe interpretiert wird, die unsere Schuld, das Leben geschenkt bekommen zu haben, abträgt, bleibt die mit der Verausgabung (von Eizellen) auferlegte und nicht einlösbare Verpflichtung zur „Gegengabe“, zumindest zur Dankbarkeit. Die „Schuld“ besteht nebenbei auch in den unberechenbaren Gesundheitsgefährdungen der Eizellen abgebenden Frauen, die Kliniken und beauftragende Paare in Kauf nehmen.

In Großbritannien versucht man mit dem so genannten Egg-Sharing-Programm nicht nur den Mangel, sondern auch die Nicht-Reziprozität des Eizellgeschenks zu verschleiern, indem den eizell„spendenden“ Frauen eine kostenlose In-vitro-Fertilisation angeboten wird. Die Gabe wird unversehens in ein marktförmiges Tauschverhältnis überführt. Eine Klinik für Reproduktionsmedizin in Alicante dagegen bietet Eizellproduzentinnen an, Eier für den möglichen späteren Eigenbedarf einzufrieren.4 Beide Beispiele verweisen darauf, dass die Eizell„spende“, die auch eine Form der weiblichen Gabenökonomie darstellt, in einen industriellen Komplex eingebettet ist - diese folgen jeweils unterschiedlichen Logiken, nämlich des Schenkens und des Verwertens.

Der „Altruismus“, mit dem die Eizell„spende“ allzu gerne verbrämt wird, ist ohne die verschiedenen Machtfelder, in denen sie verortet ist, also gar nicht zu denken. Ein Machtfeld ist, wie ausgeführt, dem Gabentausch selbst schon eingeschrieben, ein anderes ist das Umfeld, die Warensphäre, in dem die „Spende“, „Gabe“ oder das „Geschenk“ realisiert wird. Und dabei sind die Folgen, die das „Geschenk“ für die daraus entstandenen Kinder hat, noch gar nicht mitgedacht.

  • 1. Weshalb ich den Begriff „Spende“ und alle sprachlichen Ableitungen (außer Zitaten) in Anführungszeichen setze, ergibt sich aus den folgenden Ausführungen.
  • 2. Zur Verwendung der Gartenmetapher in der Chirurgie vgl. Irmela Marei Krüger-Fürhoff: Verpflanzungsgebiete. Wissenskulturen und die Poetik der Transplantation. Bielefeld 2012, S. 43ff.
  • 3. Marcel Mauss, Gabentausch, in: Soziologie und Anthropologie 2, Frankfurt 1997, S. 25.
  • 4. Vgl. Ulrike Baureithel, Alles für ein eigenes Kind, in Freitag 8/2017 vom 27.02.17.
Ulrike Baureithel ist freie Journalistin in Berlin und arbeitet seit vielen Jahren zu Gen- und Reproduktionstechnologien.
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August 2017
S. 20 - 21