Schrumpfender Pestizidkuchen

Agrarindustrie und Alternativen

Die aktuellen Konzernfusionen im Agrarsektor sind Ausdruck des Versuchs, die sinkenden Umsätze mit Pestiziden durch das Geschäft mit Saatgut auszugleichen. Doch nur die einzelnen Fusionen zu skandalisieren, führt nicht über das bestehende System hinaus.

Am 30. Juni wurde bei der EU-Wettbewerbsbehörde auch die dritte große Zusammenlegung von Pestizid-Konzernen angemeldet, die Übernahme von Monsanto durch Bayer. Damit steht nun der dritte im letzten Jahr angekündigte Zusammenschluss zur Begutachtung an, nachdem die Behörde im Frühjahr bereits die Fusion von Dow und DuPont sowie die Übernahme der schweizerischen Syngenta durch ChemChina unter Auflagen gebilligt hatte: ChemChina musste die Generika-Produktion ihrer israelischen Tochter ADAMA verkaufen, DuPont einen wesentlichen Teil seiner Pestizidsparte. Die Behörde betonte dabei in beiden Fällen, mit den Wettbewerbsbehörden von Brasilien, Kanada, China und der USA in Kontakt gestanden zu haben.

All diese Zusammenschlüsse stehen im Zeichen eines weiter zurückgehenden Weltmarktvolumens für Pestizide. Ausgehend von Zahlen des Beratungsunternehmens Phillips McDougall hatte der Lobbyverband CropLife bereits 2015 einen Rückgang von global 9,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gemeldet. 2016 setzte sich dieser Rückgang - wenn auch abgeschwächt - fort; alle fünf Teilmärkte (Nordamerika, Lateinamerika, Europa inklusive Russland, Asien/Australien und Afrika/Mittelost) zusammengenommen, ergibt sich ein Minus von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.1

Die Fusionen können also am ehesten als Konsolidierungsversuche der großen Weltkonzerne im Umfeld eines schrumpfenden Weltmarktvolumens gesehen werden, mit dem Versuch die Kontrolle über Pestizide und Saatgut in eine Hand zu bekommen.

Wen betreffen die Fusionen?

Von den anstehenden Fusionen werden vor allem die Anwender der Produkte der Konzerne betroffen sein: die agrarindustriell wirtschaftenden landwirtschaftlichen Betriebe in Lateinamerika, Nordamerika und Europa. Auch wenn es bitter klingt: Wer sich der kapitalistischen industriellen Landwirtschaft verschrieben hat, braucht sich über steigende Preise für industrielles Saatgut und Pestizide nicht zu wundern. Zum Geschäftsmodell der Agrarchemiekonzerne gehört es schließlich, die Landwirte mit Werbung und zunächst moderaten Preisen für die Inputs der industriellen Landwirtschaft von dieser Wirtschaftsweise abhängig zu machen und dann, wenn ein Ausstieg mit hohen Umstellungskosten verbunden ist, mit steigenden Produktpreisen möglichst viel aus den Betrieben herauszuholen.

Dazu kommen die Anforderungen der Lebensmittelindustrie an die Beschaffenheit der Ernteprodukte - zum Beispiel hinsichtlich der Eiweißgehalte der Getreide, Stärkegehalte der Kartoffeln oder Homogenität der Früchte -, die die landwirtschaftlichen Betriebe auf industrielle Landwirtschaft festlegen, wenn sie für diese Abnehmer produzieren wollen. Wer als landwirtschaftlicher Betrieb im Kapitalismus agrarindustrielle Landwirtschaft betreibt, begibt sich - freiwillig oder gezwungenermaßen - in die Abhängigkeit von den Agrarchemie-Produzenten als Zulieferern und von internationalen Agrarhandelskonzernen und Einzelhandelskonzernen als Abnehmern seiner Erzeugnisse.

Das wesentliche Merkmal des Kapitalismus ist die Erzielung von Gewinnen auf Kapitaleinsatz durch die Ausbeutung von Arbeitskraft: Den Beschäftigten wird weniger gezahlt als die Anwendung ihrer Arbeitskraft den Ausgangsstoffen an zusätzlichem Wert hinzufügt. Akteure mit einer marktbeherrschenden Stellung können über die übliche Ausbeutung der Arbeitskraft hinaus Extraprofite erlangen, indem sie die Lieferanten der Vorprodukte im Preis drücken und den Abnehmern der Produkte überhöhte Preise abverlangen. Um die Sicherstellung derartiger Extraprofite dürfte es bei den gegenwärtigen Fusionen gehen.

Konzentrationsprozesse gehören zum Kapitalismus, die Bildung von Oligopolen mit der Tendenz zur Monopolbildung ist ihm eingeschrieben. Die eher oberflächliche staatliche Sorge um die Vermeidung von Kartellen verhindert nur selten Fusionen und marktbeherrschende Stellungen.

Alternativen jenseits der Agrarindustrie

Die Agrarindustrie versucht oft damit zu argumentieren, dass sie zur Bekämpfung des Welthungers beiträgt. Der Weltagrarbericht von 2008 zeigte jedoch, dass kleinbäuerliche Landwirtschaft mit hoher Flächenproduktivität einhergehen kann und das Potential bietet, nicht nur diejenigen zu ernähren, die in der Landwirtschaft tätig sind, sondern die Ernährung der Weltbevölkerung zu gewährleisten.2 In Brasilien beispielsweise stellen kleinbäuerliche Familienbetriebe im Schnitt 40 Prozent der wichtigen Hauptanbauprodukte bereit und brauchen dazu weniger als 25 Prozent der Ackerfläche. Selbst in den USA produzieren sie 84 Prozent aller Erzeugnisse auf 78 Prozent der Anbaufläche. In Fidschi erzeugen sie 84 Prozent der Produktion von Yams, Reis, Maniok, Mais und Bohnen auf nur 47 Prozent des Landes.3

Demgegenüber entzieht die kapitalistische industrielle Landwirtschaft grundsätzlich dem Planeten Energie und andere Rohstoffe, sie belegt Flächen und belastet das Klima mit CO2, Methan und Lachgas. Zu einer Saatgut-Souveränität trägt die agrarindustrielle Landwirtschaft ebenfalls nichts bei, da sie die hochgezüchteten High-Input-Sorten der Saatgutkonzerne verwendet, die auf einer sehr schmalen genetischen Basis beruhen. Die Art von Landwirtschaft, die mit den Konzernen Monsanto, Bayer, BASF, Syngenta, Du Pont-Pioneer und Dow Agro Sciences verbunden ist, trägt weder zur Ernährungssouveränität noch zur Saatgut-Souveränität bei. Da agrarindustrielle Landwirtschaft keine lokal angepassten Vielfaltssorten verwendet, kann eine Fusion in dieser Hinsicht eigentlich auch keine weiteren Schäden anrichten.

Ernährungssouveränität voranbringen!

Zielt eine Bewegung für Ernährungssouveränität oder für ökologische Landwirtschaft darauf ab, die agrarindustrielle Landwirtschaft mit ihrem hohem Input an anorganischem Stickstoffdünger, Pestiziden und Energie zu ersetzen durch eine Landwirtschaft, in der auf geringen Verbrauch an Rohstoffen und den Einsatz von vielfältigem und regional angepasstem Saatgut geachtet wird, dann führt es also nicht weiter, diese oder jene Fusion von Konzernen der Agrarchemie zu skandalisieren. Im Sinne einer zukunftsfähigen Landwirtschaft wäre der ganze Ansatz der kapitalistischen agrarindustriellen Landwirtschaft zu überwinden, mit dem die Agrarchemiekonzerne groß geworden sind, den sie groß gemacht haben und dem sie ihr Wachstum verdanken.

Anlässlich der 14. UNCTAD-Konferenz, die im Juli 2016 in Nairobi stattfand, bekräftigte die weltweite Kleinbauern-Organisation La Via Campesina denn auch ihre Entschlossenheit, bäuerliche agrarökologische Ernährungssysteme zu verteidigen. Denn nur diese böten einen Weg zu sozialer Gerechtigkeit und Würde - im Gegensatz zu konzernbestimmter Landwirtschaft und multinationalen Unternehmen, die ihre Ernährungssysteme, ihre Gemeinwesen und die Umwelt zerstören würden.4

Die deutsche Regierung hingegen fördert dagegen mit ihren Public-Private-Partnerships die großen Agrarkonzerne und ignoriert allzu oft Kleinbauern, Frauen und andere Gruppen, die von Hunger hauptsächlich betroffen sind. Die Schulungsmaterialien der Projekte vernachlässigen die Frage der Bodenfruchtbarkeit und empfehlen zertifizierte Sorten und zum Teil hochgiftige Pestizide.5

In Solidarität mit La Via Campesina und im Engagement für Ernährungssouveränität wäre es angesagt, sich nicht nur auf die Konzerne zu fokussieren, sondern auch die staatlichen Akteure im Bereich der weltweiten Ernährungspolitik im Blick zu behalten, ihr Verhalten zu analysieren und zu kritisieren. Der Staat ist im Kapitalismus nicht Widerpart, sondern allzumeist williger Erfüllungsgehilfe des Kapitals.

Andreas Riekeberg ist aktiv im Dachverband „Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt“ und in der Kampagne für Saatgut-Souveränität, www.saatgutkampagne.org.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
242
vom August 2017
Seite 35 - 36