Die Banalität des Tötens

Mit dem Film „Nebel im August“ kommt die NS-„Euthanasie“ ins Kino

Mit „Nebel im August“ kam im Herbst der erste Spielfilm zur NS-„Euthanasie“ in die Kinos.

Erst werden ihm die Haare geschoren. Dann gibt es ein Portraitfoto für die Akte. Verschmitzt, wütend und glatzköpfig schaut der dreizehnjährige Ernst Lossa in einer der Anfangsszenen in die Kamera. Im Film „Nebel im August“ wird er eingewiesen in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt „Sargau“ im Allgäu. Diagnose: „asozialer Psychopath“.

Der Film von Regisseur Kai Wessel begleitet Ernst Lossas Zeit in der Anstalt bis zu seiner Ermordung im Rahmen der „Euthanasie“ der Nationalsozialisten. Nationalsozialistische Ärzt*innen ermordeten rund 300.000 Kinder und Erwachsene, weil sie ihnen zu behindert, zu sehr psychisch auffällig oder zu „asozial“ waren. Weil ihr Leben dem Bild des „starken, gesunden Deutschen“ widersprach, und sie als Last für die Volkswirtschaft galten. Von 1939 bis 1941 brachten Mediziner*innen die „Nutzlosen“ in den zentralen Vernichtungsanstalten Hadamar, Grafeneck, Bernburg, Sonnenstein, Hartheim und Brandenburg an der Havel durch Vergasung um. Nach Ende der sogenannten Aktion T4, benannt nach der zentralen Verwaltungsstelle für die Vergasungen behinderter Menschen in der Berliner Tiergartenstraße 4, ging das Töten in den Kliniken, Anstalten und Heimen weiter. Im Rahmen der „dezentralen“ oder „wilden Euthanasie“ brachte das Anstaltspersonal die Kinder und Erwachsenen selbst um, mit Morphinspritzen und Luminal, aufgelöst in Fruchtsäften und Tees, später auch durch gezieltes Verhungernlassen. Als offizielle Todesursache wurden oft Infektionen wie Lungenentzündung angegeben - so auch im Fall von Ernst Lossa.

Nach einer wahren Geschichte

Mit seiner Geschichte haben Wessel und Produzent Ulrich Limmer einen realen Fall verfilmt. Der Film beginnt, als Ernst, herausragend gespielt von Ivo Pietzcker, schon viele Jahre in Kinderheimen hinter sich hat. Ernst gilt als schwer erziehbar, man wirft ihm Diebstähle vor. Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Sein Vater war Kirchenrestaurateur und Angehöriger der Jenischen, einer Gruppe „Fahrender“. Ernst und seine Schwestern kamen ins Heim. Der Vater versuchte noch, ihn aus der Anstalt herauszuholen - doch ohne festen Wohnsitz wurde ihm sein Sohn nicht mitgegeben. Den Vater und viele andere Verwandte steckten die Nazis ins KZ, wo sie später ermordet wurden.

„Ich gehöre hier nicht hin!“ ruft Ernst, als er zum ersten Mal durch die gekachelten Flure der Klinik geführt wird. „Das sagen alle!“ bekommt er als Antwort. In der Kinderfachabteilung von „Sargau“ leben behinderte und psychisch beeinträchtigte Kinder. Es gibt Kinder mit Lernschwierigkeiten, gehörlose, blinde und körperbehinderte Kinder. Ernst fühlt sich nicht behindert. Er hilft den Schwestern, füttert Kinder, die er besonders mag, schließt Freundschaften. Sein Hang zum Subversiven führt ihn in jeden Winkel der Klinik, lässt ihn anecken. Er wird Zeuge der Tötungen, muss als Gehilfe des Personals das Sezierbesteck im Leichenkeller putzen. Ernst ist schlau und durchschaut das System des Mordens. Damit wird er zur Gefahr für Anstaltsleiter Veithausen, im Film verkörpert durch Sebastian Koch. Ein Fluchtversuch zusammen mit seiner Freundin Nandl, gespielt von Jule Herrmann, scheitert. Das Anstaltspersonal ermordet ihn kurz darauf.

Der Film und auch das zuvor entstandene Jugendbuch „Nebel im August“ von Robert Domes hält sich treu an die historischen Fakten des Falls Ernst Lossa. „Sargau“ steht für die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, aber auch stellvertretend für die rund 35 Kinderfachabteilungen im NS-Deutschland. Figuren wie Anstaltsleiter Walter Veithausen oder die mordende Kinderkrankenschwester Edith, gespielt von Henriette Confurius, sind fiktive Figuren, jedoch angelehnt an reale Personen, mit denen Ernst Lossa konfrontiert war. Die US-Amerikaner hatten nach ihrer Befreiung der Anstaltsinsassen die Umstände des Todes von Ernst Lossa besonders genau untersucht und mit vielen ehemaligen Pflegern und Schwestern gesprochen. In Strafprozessen wurde sein Fall als exemplarisches Beispiel verwendet.

Milde Urteile

Wie in vielen Verfahren zur NS-„Euthanasie“ kamen auch die Kaufbeurener Täter*innen mit milden Urteilen davon. Pauline Kneissler beispielsweise, reales Vorbild für Schwester Edith, wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, allerdings schon nach einem Viertel der Haft entlassen. Dabei war sie eine extra für die dezentrale „Euthanasie“ angeforderte „Fachkraft“ des Tötens, die auch schon in Grafeneck und Hadamar hundertfach mordete. Bis zu ihrer Rente arbeitete sie weiter als Kinderkrankenschwester. Valentin Faltlhauser, Direktor der Kaufbeurener Anstalt, wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, die Vollstreckung jedoch immer wieder wegen angeblicher Haftunfähigkeit aufgeschoben. 1954 wurde er begnadigt. Dabei war Faltlhauser der Erfinder der „Entzugskost“ oder „E-Kost“, einer Gemüsesuppe, der sämtliche Nährstoffe entzogen wurden, so dass die mit ihr ernährten Patient*innen verhungerten. Die Suppe wurde in Kaufbeuren-Irsee erprobt und ergänzte dann in allen „Euthanasie“-Anstalten das Mordprogramm.

Die Filmemacher haben vieles richtig gemacht. Sie zeigen verstörend schöne Bilder des alten Klosters und der umgebenden Landschaft, die die Szenerie nicht als reine „Hölle“ darstellen. Der Film geht sparsam mit Nazisymbolen und Hakenkreuzfahnen um, und vermeidet es so, eine erleichternde Distanz zum vermeintlich weit entfernten Nazideutschland herzustellen. Auch gibt es keine ungebrochen „bösen“ Charaktere. Chefarzt Dr. Veithausen kommt vor allem am Anfang als fast liebevoll-sorgender Vaterersatz daher, den die Kinder „Onkel Walter“ nennen. Die Banalität und Beiläufigkeit, mit der das eugenische Denken des medizinischen Personals in „Nebel im August“ umgesetzt wird, wirkt echt und damit umso unheimlicher und nah am heute. Alltagsnah zeigt der Film auch das Leben der Kinder in „Sargau“. Auch hier gelingt Wessel Authentizität. Geholfen haben dabei die vielen Kompars*innen, fast ausschließlich Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen. Dass der Film nicht in die Falle tappt, Behinderung von Nichtbehinderten „spielen“ zu lassen, ist ein großer Verdienst. Für die Darstellung der beängstigend realen Atmosphäre sorgten auch die Wochenschau-Rohfilmaufnahmen aus dem Keller der Kinderfachabteilung in Irsee, die den Filmemachern Anschauungsmaterial boten. Michael von Cranach, ehemaliger Leiter der Kaufbeurener Klinik und damit ein später Nachfolger von Faltlhauser, beriet das Filmteam und steuerte Materialien wie die Wochenschau-Filmrollen bei. Von Cranach war es auch, der als Protagonist der Psychiatriereform und engagierter Aufklärer über die NS-Euthanasie in seiner Zeit an der Klinik die Akten aus dem Anstaltskeller holte und besonders die Geschichte von Ernst Lossa bekannt machte.

Bei aller Begeisterung über „Nebel im August“ wurde indes auch Kritik laut am Abend der Berliner Premiere. Die katholische Ordensschwester Sophia, im Film dargestellt von Fritzi Haberlandt, sei zu einseitig positiv dargestellt worden (im Kontrast zum „schönen Todesengel“, der „Euthanasie-Fachkraft“ Schwester Edith). Schwester Sophia versucht einige Kinder vor dem Tod zu retten und beschwert sich beim ortsansässigen Bischof über die mörderische Praxis. Dessen achselzuckende Gelassenheit zeigt jedoch klar, welche Haltung zur „Euthanasie“ in kirchlichen Institutionen verbreiteter war, als der heroische Widerstand der Ordensschwester. Heldenhaft dargestellt wird auch Ernst Lossa. Als augenscheinlich nichtbehinderter und intelligenter Junge tut er alles, um widerständig zu bleiben und andere Kinder zu schützen. Er ist eindeutig die zentrale Identifikationsfigur im Film, für Kinder und erwachsene Zuschauer. Der Oberpfleger im Film weigert sich zunächst, ihn umzubringen: „Aber der Junge ist doch gesund!“ Das Verbrechen der „Euthanasie“ wird offenbar noch monströser, wenn es einen Nichtbehinderten trifft. Das lässt den falschen Umkehrschluss zu, dass die Tötung der gehörlosen, körperbehinderten Kinder und der Kinder mit Lernschwierigkeiten vielleicht doch nicht ganz so unrecht gewesen sein könnte. Vielleicht ein Preis, den man dafür zahlen muss, damit der Film die nichtbetroffenen Zuschauer emotional erreicht. Und für die Erkenntnis, dass jede*r, auch heute noch, unvermittelt in die Kategorie „Behinderung“ fallen kann, mit all ihren Konsequenzen.

 

Nebel im August, Deutschland 2016, 126 Min. Von Kai Wessel, mit Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt, Jule Herrmann, Henriette Confurius.

Rebecca Maskos ist freie Journalistin und promoviert an der Hochschule Bremen zu Ableism und Hilfsmittelnutzung.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
239
vom Dezember 2016
Seite 31 - 32

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