„Eine echte Lücke im System“

Interview mit Terry Simpson

Das „Pajaro Valley Sunrise Center“, eine Einrichtung, die ähnlich dem Berliner Weglaufhaus Begleitung beim Ausstieg aus der Medikation mit Psychopharmaka anbieten wird, befindet sich derzeit im Aufbau. Sie soll in Watsonville (Kalifornien) angesiedelt werden und zunächst über sechs Plätze verfügen.

Ihr plant das Projekt als Gruppe. Wie habt ihr euch gefunden?

Wir haben uns über Jahre immer wieder auf Workshops und anderen Veranstaltungen von Psychiatriebetroffenen (survivors of psychiatry) getroffen. Viele von uns haben Erfahrungen mit psychiatrischen Einrichtungen und mit Psychopharmaka gemacht. Die Substanzen haben uns zum Teil noch Jahre nach der Einnahme beeinträchtigt, also tauschten wir uns über ihre Wirkungen aus, auch die körperlichen, und über die Erfahrung, zwangsweise auf Psychopharmaka gesetzt worden zu sein. Uns wurde klar, dass das ein wirklich riesiges Thema ist.

Wann wurde der Aufbau des Zentrums ins Auge gefasst?

Vor ungefähr sechs Jahren. Bedeutsam waren dabei vor allem zwei Leute: Janet Foner, eine der MitbegründerInnen der US-amerikanischen Betroffenenorganisation Mind Freedom, hatte einen Text über betroffenenkontrollierte Alternativen zur Psychiatrie verfasst und wollte ein solches Projekt selbst aufbauen. Und es gab einen praktizierenden Psychiater, Joe Gallagher, der grundsätzlich keine Psychopharmaka verschreibt. Auch er verfolgte die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen die Medikamente absetzen können.

Das Zentrum soll hauptsächlich von Psychiatriebetroffenen betrieben werden. Was ist mit kritischen Professionellen? Werden sie mitarbeiten?

Das werden wir sehen. Joe beispielsweise besitzt viel Erfahrung mit der Methode des co-counselling 1 und verfügt über die Art von Glaubwürdigkeit, die wir schätzen. Er möchte im Projekt arbeiten, für ihn ist das eine Art Lebensaufgabe, deshalb wollen wir ihn als Leiter des Zentrums. Die große Mehrheit der insgesamt acht oder neun Mitglieder des Beirats werden Psychiatriebetroffene sein - möglicherweise mit ein oder zwei Ausnahmen, aber bestimmen werden das Projekt Betroffene, und auch das Team sollte mehrheitlich aus Betroffenen bestehen.

Wie soll denn der Alltag im Zentrum aussehen? Ihr sprecht von einer Umgebung, die der sicheren Entwöhnung von Medikamenten förderlich ist. Was heißt das konkret?

Wir halten es für besonders wichtig, dass Leute in ihrem Kampf nicht isoliert sind und ermuntern sie dazu, sich gemeinsam mit Menschen in ihrer sozialen Umgebung auf den Aufenthalt bei uns vorzubereiten. Der eigentliche Prozess der Entwöhnung soll aus einer Kombination bestehen: Etwa die Hälfte der Zeit sollen die Leute sich mit dem Entwöhnungsprozess beschäftigen, sich also zum Beispiel durch die eigene Geschichte des Konsums von Medikamenten, Alkohol oder Freizeitdrogen arbeiten. Wir gehen davon aus, dass es für eine Heilung erforderlich ist, ältere Erfahrungen und die mit ihnen verbundenen schmerzhaften Gefühle herauszulassen. Mit bis zu vier Sitzungen am Tag wollen wir diese Prozesse befördern und unterstützen. In der restlichen Zeit sollen sich die BewohnerInnen des Zentrums mit möglichst praktischen Dingen beschäftigen, also zum Beispiel mit Hausarbeit oder mit Erholungs- und Entspannungsaktivitäten, die ihre Aufmerksamkeit ablenken von den möglicherweise aufkommenden heftigen Emotionen. Das soll sie daran erinnern, dass sie sicher sind und ihnen nichts passieren kann.

Wie wird die Bezahlung geregelt?

Wir wollen das von den individuellen Möglichkeiten abhängig machen. Wir hoffen natürlich, dass manche Leute zahlen können, zum Beispiel über eine private Krankenversicherung, damit wir nicht vollständig von Spenden abhängig sind. Aber wenn jemand nichts bezahlen kann, werden wir Wege finden. Die Kosten sollen für niemanden ein Hindernis sein.

Und wie soll mit BewohnerInnen des Zentrums umgegangen werden, die die Entwöhnung nicht schaffen?

Es wird keine zeitliche Begrenzung des Aufenthaltes geben, eher werden wir gemeinsam immer wieder Teilziele setzen. Das wird ein wechselseitiger Prozess sein, wobei die Leute so viel wie möglich Verantwortung für sich und ihren individuellen Entwöhnungsprozess übernehmen sollen. Wenn jemand schon sehr lange da ist, und es funktioniert einfach nicht, wird aber der Beirat das letzte Wort haben.

In der Projektbeschreibung heißt es, dass Medikamente es schwer machen, sich von traumatischen Erfahrungen zu befreien. Auf welche Weise verhindern sie, dass Menschen schmerzhafte Erfahrungen und Gefühle herauslassen?

Ich sehe keinen Unterschied zwischen psychiatrischen Medikamenten und Alkohol oder anderen Drogen: Sie schaffen zusätzliche Komplikationen, und sie scheinen zu funktionieren, weil sie auf körperlicher Ebene beruhigen. Am häufigsten erzählen Leute davon, dass die Medikamente Emotionen dämpfen beziehungsweise verhindern, dass sie herauskommen. Aber gerade Gefühle müssen sein dürfen, um traumatische Erfahrungen bearbeiten und überwinden zu können. Psychopharmaka entziehen dich genau wie andere Drogen dieser Auseinandersetzung. Sie helfen allenfalls kurzfristig, aber nicht auf lange Sicht.

Sie haben Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Psychiatrie: 1985 haben Sie Medikamente abgesetzt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Ich hatte damals keine Unterstützung und habe einfach aufgehört, die Medikamente zu nehmen. Ich stand noch nicht lange unter der Medikation, aber ich konnte die Vorstellung einfach nicht ertragen, mein Leben lang diese Mittel schlucken zu müssen - das hatte der Arzt mir nämlich erklärt. Zwei Wochen lang ging es mir richtig schlecht und ich hatte große Angst, dass das ewig so weiter gehen würde, aber dann war es plötzlich vorbei und ich fühlte mich so gut wie seit langem nicht mehr. Da wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte.

Ist das nicht ganz schön schwierig, sich ohne jegliche Unterstützung der Autorität der medizinischen Diagnose und Prognose zu widersetzen?

Es ist riskant. Einige meiner FreundInnen haben versucht, Psychopharmaka allein abzusetzen. Wenn das nicht gelingt und du das Mittel wieder nehmen musst, bist du so entmutigt, dass du es möglicherweise nie wieder versuchst. Deshalb halte ich es auch für notwendig, langsam zu entwöhnen und aufkommende Emotionen ernst zu nehmen. Und deshalb sind Orte so wichtig, wo Menschen beim Absetzen nicht allein sind und wo sie weder mit Medikamenten noch Elektroschocks, sondern einfach gut behandelt werden.

Sehen Sie Unterschiede zwischen der psychiatrischen Behandlung vor dreißig Jahren, als Sie die Medikamente abgesetzt haben, und heute?

Heute werden Medikamente für ein viel breiteres Spektrum psychischer Zustände gegeben. Jemand, der vor zwanzig Jahren zum Beispiel einfach als scheu galt, kann heute leicht die Diagnose „Sozialphobie“ bekommen und ein Medikament gegen Angststörungen, um sie zu überwinden. Es ist beängstigend, wie die Medizin immer weiter in unser Alltagsleben eindringt.

Und die heutigen Psychopharmaka? Sind sie manipulativer als die Medikamente in den 1980er Jahren? War es damals einfacher davon loszukommen als heute?

Ich sehe da keine großen Unterschiede. Die Wirkungen sind ziemlich ähnlich, und es ist wahrscheinlich auch ähnlich schwierig, sie abzusetzen. Ob es nun um Antidepressiva, Neuroleptika oder Tranquilizer geht - selbst innerhalb der einzelnen Medikamentengruppen ist die Zeit ganz unterschiedlich lang, die es braucht, bis die Substanz abgebaut ist. Manchmal sind es nur 24 Stunden, bei anderen Präparaten dauert es mehrere Wochen, bis sie nicht mehr wirken. Deshalb ist es wichtig, sich gut über das Mittel zu informieren, das man absetzen will. Auch wegen der Frage, die während der Entwöhnung aufkommt: Geht es mir schlecht, weil die Krankheit zurückkommt, oder sind das eher Entzugserscheinungen? Wenn es sich um einen kurzen Zeitraum handelt, sind es wahrscheinlich eher Auswirkungen der Entwöhnung als ein Rückfall - so sagt es jedenfalls die Forschung.

Plant ihr denn ‚Forschung‘, also die Auswertung von Erfahrungen mit bestimmten Präparaten, mit den emotionalen und körperlichen Wirkungen der Entwöhnung, so dass ähnliche Projekte darauf zurückgreifen können?

Ja, wir werden so viele Erfahrungen wie möglich sammeln und weiterverbreiten. Wir brauchen noch viel mehr Projekte, die Leute bei der Entwöhnung von Psychopharmaka unterstützen, und zwar überall auf der Welt. Denn das ist trotz der betroffenenkontrollierten Initiativen der vergangenen Jahre nach wie vor eine echte Lücke im System. Es ist sehr leicht, Menschen auf Psychopharmaka zu setzen, aber es gibt kaum Hilfe, wenn Menschen sie wieder absetzen wollen. Wir haben deshalb auch die Idee, Fortbildungen für Ärzte anzubieten. Sie könnten für ein paar Wochen oder Monate im Projekt bleiben, sich die Arbeit des Zentrums anschauen und daran teilnehmen und aus dem, was wir tun, lernen.

Also fängt die Zukunft gerade erst an?

Wir hoffen das, ja. Es ist ein langsamer Anfang, aber wir werden überall mehr, und wir verändern das System. Stück für Stück, aber ein für alle Mal.
Das Gespräch führte Uta Wagenmann

  • 1. Bei dieser ‚Therapie ohne TherapeutInnen' unterstützen sich die TeilnehmerInnen gegenseitig bei der emotionalen Durcharbeitung persönlicher Themen.

Terry Simpson ist Mitarbeiter vom Pajaro Valley Sunrise Center.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
208
vom Oktober 2011
Seite 23 - 25

Alternativen zur Psychiatrie

In der Bundesrepublik organisieren sich seit mehr als dreißig Jahren Psychiatriebetroffene, das heißt Menschen mit eigener Psychiatrie-Erfahrung. Ein Überblick über die wichtigsten bis heute aktiven Organisationen und Projekte in der Reihenfolge ihrer Entstehung.

Irrenoffensive

www.antipsychiatrie.de Die 1980 entstandene, erste Psychiatriebetroffenenorganisation Deutschlands klagt Missstände in der Psychiatrie an und macht diese öffentlich. Ziel ist die Beendigung psychiatrischer Zwangsmaßnahmen. Derzeit geht es vor allem um die Umsetzung der Patientenverfügung für psychiatriebetroffene Menschen.

Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag

www.antipsychiatrieverlag.de 1986 gründete Peter Lehmann, der in der Psychiatriebetroffenen-Bewegung von Beginn an aktiv war, den kleinen Berliner Verlag. Das Angebot besteht aus Sach- und Selbsthilfeliteratur, zum Teil auch Belletristik, die grundsätzlich antipsychiatrisch orientiert ist. Ein Schwerpunkt sind kritische Informationen über Psychopharmaka und Ratgeber zum Absetzen.

Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e. V. und Weglaufhaus "Villa Stöckle"

www.weglaufhaus.de Der 1989 aus der Irrenoffensive hervorgegangene Verein ist Träger der antipsychiatrischen Kriseneinrichtung Weglaufhaus „Villa Stöckle“ (gegründet 1996), der Einzelfallhilfe Support (2002) und der Antipsychiatrischen und betroffenenkontrollierten Beratungsstelle AbB (2007). Alle drei Einrichtungen zeichnen sich durch die Ablehnung psychiatrischer Diagnosen, eine kritische Distanz gegenüber Psychopharmaka, die Priorität der Selbstbestimmung der Nutzer_Innen der Angebote und eine Betroffenenquote aus. • Das Weglaufhaus „Villa Stöckle“ bietet Platz für bis zu dreizehn wohnungslose (oder von Wohnungslosigkeit bedrohte) Menschen in Krisensituationen. Sie werden unterstützt im Umgang mit verrückten Zuständen, bei der Entwicklung neuer Lebensperspektiven sowie beim Absetzen von Psychopharmaka oder – alternativ – einem selbstbestimmten Psychopharmakagebrauch. • Support bietet anti- und nicht-psychiatrisch orientierte Einzelfallhilfe als lebenspraktische Unterstützung im Alltag und will die ungewollte Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung abwenden. • Die AbB ist telefonisch und persönlich einmal pro Woche erreichbar und bietet Beratung durch ehrenamtlich arbeitende Betroffene, unter anderem zum Absetzen von Psychopharmaka, zum alternativen Umgang mit Krisen oder empfehlenswerten Therapeut_Innen.

Durchblick e. V.

www.durchblick-ev.de Der 1990 gegründete Leipziger Verein positioniert sich kritisch gegenüber der Psychiatrie und setzt sich für alternative und emanzipatorische Wege ein. Das Angebot umfasst eine Begegnungsstätte, ein Psychiatriemuseum aus Sicht Psychiatriebetroffener, betreutes Wohnen, Übergangswohnen, Kunst- und Arbeitsgruppen sowie Aufklärungsmaßnahmen.

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. (BPE)

www.bpe-online.de www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de Der 1991 gegründete Verein bietet Hilfe zur Selbsthilfe für Mitglieder und Nichtmitglieder an. Mit einer Vielzahl von Ortsgruppen und Beratung der Bundesregierung bei Gesetzesinitiativen, die für psychiatriebetroffene Menschen relevant sind, ist er zweifellos der bedeutendste Psychiatriebetroffenenverband in Deutschland. Der BPE will die Umsetzung der Menschenrechte für Psychiatriebetroffene fördern und sich an der Entwicklung der Psychiatrie im Sinne der psychiatriebetroffenen Menschen beteiligen. Von Ortsgruppe zu Ortsgruppe variiert die Einstellung zur Psychiatrie (antipsychiatrisch, psychiatriekritisch, sozialpsychiatrisch) stark. Aktivster Landesverband ist der BPE-NRW, der durch sein politisches Engagement hervortritt und Tagungen, Seminare und eine telefonische Psychopharmakaabsetzberatung anbietet sowie die regelmäßig erscheinende Zeitschrift „Lautsprecher" herausgibt.

Netzwerk Stimmenhören e. V. (NeSt)

www.stimmenhoeren.de Der 1998 gegründete, trialogisch (Betroffene, Angehörige, Professionelle) ausgerichtete Betroffenenverband arbeitet speziell gegen die Diskriminierung von stimmenhörenden Menschen, leistet Aufklärung und Beratung zum Thema und richtet alle zwei Jahre eine Konferenz über das Stimmenhören aus.

Saarbrücker Anlaufstelle für Selbstbestimmt Leben (ASL)

www.yael-elya.de/index.php?spath=417 2008 als Zweigstelle des Yael-Elya-Instituts gegründet, bietet die ASL nicht-psychiatrisch orientierte Einzelfallhilfe (Beratung, Unterstützung, Begleitung) an. Die Förderung selbstbestimmten Lebens und Handelns sowie der Selbsthilfekräfte stehen im Zentrum der Arbeit. Ziel ist die Unabhängigkeit von psychiatrischen Hilfeangeboten.
(Zusammenstellung: David Wichera, Ulrike Klöppel, Uta Wagenmann)