ADHS: Genetifizierung soll die Eltern entlasten

Auf der Suche nach den Genen

Wenn Kinder nicht still sitzen können, sich leicht ablenken lassen, schnell frustriert sind oder ununterbrochen reden und rumzappeln, wird heutzutage häufig die Diagnose ADHS gestellt. Eindeutige biologische Ursachen sind bisher nicht bekannt, vielfach wurde kritisiert, dass hinter der Diagnose eigentlich Erziehungsprobleme stehen - und dennoch wird nach den Genen gesucht.

Die Geschichte vom Zappel-Philipp, der trotz Ermahnung durch den Vater am Esstisch solange mit dem Stuhl kippelt, bis er das Geschirr mit der Tischdecke herunterreißt, gilt als eine der ersten Beschreibungen des Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS). Der Frankfurter Kinderarzt Heinrich Hoffmann hat sie in seinem Kinderbuch „Struwwelpeter“ 1845 veröffentlicht. Hyperaktives, impulsives Verhalten von Kindern wird bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu einer psychiatrischen Störung erklärt und von Anfang an mit Erziehungsvorstellungen vermischt. Zuerst in den USA, ab Mitte der 1960er Jahre auch in Deutschland, erfährt ADHS im 20. Jahrhundert einen regelrechten Boom. Bis heute steigen die Diagnoseraten kontinuierlich. Die Zahlen schwanken: In Deutschland gelten drei bis zehn Prozent der Schulkinder und ein bis fünf Prozent der Erwachsenen als hyperaktiv - mit zunehmender Tendenz. Jungen werden häufiger diagnostiziert als Mädchen, weil sie mit störendem Verhalten auffallen. Seit anerkannt ist, dass das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom auch ohne Hyperaktivität auftritt, gleichen sich die Zahlen für Mädchen denen der Jungen an. Dem Zappelphilipp wurde die Traumsuse zur Seite gestellt. Behandelt wird ADHS mit dem Wirkstoff Methylphenidat (zum Beispiel im Verkauf „Ritalin“). Ritalin und ähnliche Präparate erhöhen unter anderem die Dopaminfreisetzung im Gehirn und steigern die Konzentration. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) lag der Verbrauch von Methylphenidat im Jahr 2009 bei 1.735 Kilogramm, 1993 waren es noch 34 Kilogramm. Das Medikament soll die Kinder ruhiger machen. In 15 Prozent der Fälle wirkt es nicht. Wie Einzelfallhelfer berichten, wird eine begleitende Psychotherapie aber oft nicht verschrieben.

Der Spagat: Kindgerecht oder arbeitsmarktfähig?

Die Diagnose ADHS ist heftig umstritten. Der Klinische Psychologe Jay Joseph sieht in ihr ein Paradebeispiel dafür, wie abweichendes Verhalten psychiatrisiert wird.1 Ein Blick in die Diagnosemanuale bestätigt diesen Eindruck. Sowohl in der Internationalen Krankheitsklassifikation der WHO (ICD-10) als auch im Disease Statistical Manual der American Psychiatric Association (DSM-IV) lesen sich die Kriterien für ADHS wie Listen von Erziehungskonflikten, darunter „ungewöhnlich hohe Ablenkbarkeit während schulischer Arbeiten wie Hausaufgaben oder Lesen“, „Schwierigkeiten, sitzen zu bleiben, wenn es verlangt wird“, „verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden (zum Beispiel Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug)“. Einen interessanten Zusammenhang mit dem Wandel in den Erziehungsvorstellungen sieht die Psychologin Melinda Dancs. Will man Kinder mit ihren Interessen ernst nehmen und nicht (nur) disziplinieren, entstehen Konflikte, wenn sie die Anforderungen in der Schule nicht freiwillig erfüllen können oder wollen. Und gerade der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt wird ein immer höherer Stellenwert beigemessen. Dieser Spagat in den Erziehungserwartungen erzeugt einen enormen Druck. Wenn das Kind es nicht schafft, haben die Eltern versagt. Die Diagnose einer neurobiologischen oder genetischen Störung kann eine enorme Entlastung bieten. Die Kinderärztin Roswitha Spallek bringt es im Online-Familienhandbuch des Bayrischen Staatsinstituts für Frühpädagogik auf den Punkt: „Die Ursachen […] sind nicht elterliches oder mütterliches erzieherisches Unvermögen, sondern sind in einer ererbten Störung zu suchen, die das Botenstoffsystem des Gehirns betrifft, das für die Vermittlung von Informationen verantwortlich ist.“2

Auf der Suche nach den Entlastungsgenen

Zu den biologischen Ursachen für ADHS gibt es verschiedene Hypothesen. Anfangs wurde eine im EEG nicht erkennbare, minimale cerebrale Dysfunktion im Gehirn vermutet. In der Diskussion sind außerdem andere Stoffwechselstörungen. Üblich ist inzwischen die Annahme einer mehrdimensionalen Verursachung, zu der auch die Gene gehören.3 Die Suche nach den Genen ist allerdings bislang erfolglos verlaufen. Kopplungs- und Assoziationsstudien haben zu keinen eindeutigen Ergebnissen geführt. Auch Kandidatengene für das Dopamin-, Katecholamin- und Serotoninstoffwechselsystem sind ohne eindeutigen Erfolg geblieben.4 Populäre Darstellungen übersehen solche Feinheiten gern. Nach Medienberichten ist das „Zappelphilipp-Gen“ längst identifiziert.5 Am Beispiel einer von der Verhaltenstherapeutin Cordula Neuhaus in „Das hyperaktive Kind und seine Probleme“ (Stuttgart 2002) zitierten Familienstudie zeigt Dancs, wie die Ratgeberliteratur alternative Interpretationen ausblendet. Neuhaus hätte die familiäre Häufung durchaus „mit dem Modell des Lernens durch Nachahmung“ erklären können. Auch die Ergebnisse genetischer Studien werden in Elternratgebern eindeutiger präsentiert als von den Genetikern. Die Forschenden sind an solcher Art Popularisierung aber nicht unschuldig. In einer Presseerklärung der Universität of California Los Angeles von 2002 wird die Genetikerin Susan Smalley damit zitiert, dass es gelungen sei, die Risikogene für ADHS auf 100 bis 150 einzugrenzen. Es fehle nur noch die letzte Bestätigung durch andere Studien. Diese Bestätigung gab es nie.

Eltern im Zwiespalt

Die Vererbungsthese bringt es mit sich, dass auch die Eltern in den Fokus der genetischen Psychiatrie geraten. Warum sich Kinder und Erwachsene überfordert, gestresst und unruhig fühlen, sich nicht konzentrieren können oder einfach nicht das machen, was sie sollen, wird dann nicht mehr hinterfragt. Hört man den Kindern zu, erzählen sie von Frustration und Versagensängsten, dass sie sich in der Schule nicht konzentrieren können und von den Hausaufgaben gestresst sind. Eine mit ADHS diagnostizierte Mutter beschreibt ihre Kindheit in einem RTL-Beitrag: „Man spürt es als Kind schon, dass man anders ist, dass man nicht so funktioniert, wie die Gesellschaft einen gerne hätte. Man nimmt sich viel vor, […] so Sachen wie ‚Das nächste Mal räume ich mein Zimmer immer […] sofort auf!’, und das sind Dinge, die nicht funktionieren.“6 Für Dancs ist klar: „Um aufschlüsseln zu können, welche Lebensbedingungen Kinder (und deren Eltern, LehrerInnen, etc.) als Behinderung ihrer Entwicklung erfahren, welche Probleme die Kinder durch ihr zunächst als störend erlebtes Verhalten zu bewältigen versuchen, ist es notwendig, sich mit ihnen zu verständigen.“ Dies passiere aber nicht. Statt dessen heißt es: Was helfe, seien Medikamente und eine feste Hand.7 Zugleich wird den Eltern Angst eingejagt: Wenn ADHS nicht behandelt wird, bestehe eine erhöhte Gefahr, drogenabhängig zu werden, heißt es im RTL-Beitrag. Die Hoffnung auf Entlastung durch den Verweis auf die Gene geht nach hinten los. Am Ende sind doch wieder die Eltern schuld.

  • 1. Breggin, P. (2001): „Empowering social work in the era of biological psychiatry.“ In: Ethical Human Sciences and Services, S. 197-206. Joseph, J. (2006): The missing gene. New York.
  • 2. Dancs, M.: Medizinisierung als Selbstentmächtigung am Beispiel von ADHS, http://unsicherheit.tk/texte/... (23.07.10); Spallek, R.: ADHS aus der Sicht einer Kinderärztin, www.familienhandbuch.de/... (23.07.10).
  • 3. Vgl. z.B. die Beiträge in Steinhausen, H.-C. (Hg.) (1995): Hyperkinetische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart.
  • 4. Vgl. Stewart, S.E. & Pauls, D.L. (2008): „Genetics of Childhood Onset Psychiatric Disorders.“ In: Smoller, J.W. et al. (Hg.) (2008): Psychiatric genetics. Washington, DC, S. 69-97.
  • 5. Vgl. zum Beispiel „Forscher finden Zappelphilipp-Gen“. Focus online, 12.04.07; „Zappelphilipp - die Gene sind schuld“. Welt online, 16.04.07; „ADHS-Gen identifiziert“. dradio.de, 24.02.10.
  • 6. Vgl. Interviews mit ADHS-Kindern auf Youtube.com (23.07.10); Guten Abend RTL: ADHS: Kinder werden ruhig gestellt - Elterntraining hilft!, auf Youtube.com (23.07.10).
  • 7. Vgl. z.B. „Generation Nervensäge (Reportage)“. Focus 41/2009, S. 92-97.

Jennifer Schwarz studiert Klinische Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
201
vom September 2010
Seite 34 - 35

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