In Bewegung

35.000 für eine andere Agrarpolitik

Im Sommer demonstrieren kann jede*r – das war auch in diesem Jahr das eigentliche Motto der Wir haben es satt!-Demonstration. Alljährlich im Januar zur Internationalen Grünen Woche versammelt sich die Opposition gegen den landwirtschaftlichen Mainstream. In diesem Jahr kamen 35.000 Menschen nach Berlin. Ganz oben auf den Sprechzetteln der Redner*innen standen Forderungen für eine veränderte – das heißt ökologischere und klimaschonendere – gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union. Ein Blick in den Aufruf zur Demo vermittelt weitere Forderungen: „Schluss mit dem Gießkannen-Prinzip bei der Verteilung der Agrarsubventionen in Brüssel! Öffentliche Gelder nur noch für artgerechte Tierhaltung! Mehr Unterstützung für kleine und mittlere Betriebe, die gute Lebensmittel für uns alle erzeugen!“
Der Demo voran fuhren wieder die Traktoren – in diesem Jahr mehr als 170. Sie sorgten mitten in der Stadt für ein ungewöhnliches Bild. Viele wurden mit Applaus und Daumen-hoch begrüßt. Die Kennzeichen zeigten, dass sie aus fast allen Regionen des Landes gekommen waren. So unterschiedlich die Menschen, so divers auch die Forderungen, die in Form von Schildern und Bannern gezeigt wurden. Die Themen beschränkten sich nicht auf die Landwirtschaft (für eine andere Subventionsverteilung, gegen Gentechnik und Glyphosat, …), sondern nahmen auch andere aktuelle gesellschaftliche Diskussionen auf („Sexismus und Rassismus bleiben uns vom Acker“). Auch die erste Reihe des Demozuges sorgte für eine Überraschung: Hier waren in diesem Jahr nicht die Gesichter der Organisationen aus dem Träger*innenkreis der Demonstration zu sehen. Vielmehr tummelten sich im ersten Block mehrere hundert Jugendliche und junge Erwachsene.
Auch die anderen Blöcke der Demonstration versuchten die Aufmerksamkeit der Teilnehmer*innen und Zuschauer*innen auf sich zu ziehen. Unter anderem die vielen Vertreter*innen der Solidarischen Landwirtschaften, die in einem eigenen Block, aber auch verteilt im ganzen Demozug gut sichtbar waren. Auch die Sambagruppen verdienten sich viel Applaus. Die Gruppe der Initiative Save our Seeds schneiderte ihre Kostüme noch am Vorabend parallel zur Schnippeldisko im alten Güterbahnhof Moabit. Überhaupt: Die Demo ist schon lange nicht mehr nur Demo. Die Tage davor und danach haben sich zu einer Woche der anderen, neuen, vielleicht sogar – um einen aktuellen Begriff aufzugreifen – „enkeltauglichen“ Landwirtschaft entwickelt. Auf der Schnippeldisko wird Suppe für die Demo gekocht. Hunderte insbesondere junge Helfer*innen verarbeiten tonnenweise Gemüse. Auch für Soup & Talk in der Heinrich Böll Stiftung. Hier geht es nach der Demo stundenlang im fünf Minuten Takt um neue Initiativen.
Insgesamt zeigte sich bestimmt kein homogenes Bild. In einem Punkt aber sind sich die Demonstrant*innen einig: Essen ist politisch! Das GeN freut sich, Teil dieser Bewegung zu sein.

➤ Weitere Informationen, Bilder und Filme unter www.wir-haben-es-satt.de

Saatgut des Widerstandes

Wieder einmal konnte ein Gesetzentwurf von Bayer-Monsanto zur Patentierung von Saatgut in Argentinien verschoben werden. Somit dürfen Landwirt*innen weiterhin gekauftes Saatgut vermehren und aussähen. Seit 2012 versucht die Agrarlobby und Minister*innen dieses Gesetz zu verschärfen und Lizenzgebühren einzuführen. Über 200 Organisationen kämpfen gegen die Gesetzesänderung und für einen offenen Zugang zu Saatgut. Viele beteiligte Gruppen wollen eine radikale Transformation der Landwirtschaft und setzt sich für Ernährungssouveränität, Agrarökologie und Selbstbestimmung ein. Besonders um den G20 in Buenos Aires im November 2018 waren verschiedene Gruppen wie das Bündnis „Multisectorial contra la Ley ‚Monsanto‘ de Semillas“ aktiv. In Workshops und Veranstaltungen setzten sie den Fokus auf den Zusammenhang von globalen Großunternehmen und den Änderungsversuchen der nationalen Gesetze.

www.graswurzel.tv und www.kurzlink.de/gid248_semillas (spanisch)

Kein DNA-Phantombild

Rund 70 Zuhörer*innen besuchten Mitte November einen Vortrag über das „Genetische Phantombild“ von GeN-Mitarbeiterin Isabelle Bartram am Universitätskrankenhaus Charité Berlin. Die Veranstaltung war gemeinsam von den Kritischen Mediziner*innen Berlin, einer gesundheitspolitischen Arbeitsgruppe an der Charité, und dem GeN organisiert worden. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht eine baldige Ausweitung der polizeilichen Befugnisse in Bezug auf genetische Daten vor. In Bayern wurden sie bereits letztes Jahr eingeführt. Verschiedene Politiker*innen versprechen die Machbarkeit eines genetischen Phantombilds zur „Erhöhung der Sicherheit“. Doch wie die GeN-Mitarbeiterin detailliert belegen konnte, kann das Versprechen mit dem aktuellen Stand der Technik nicht erfüllt werden; dies ist auch in Zukunft unwahrscheinlich. Zudem können Unbeteiligte, vor allem rassistisch diskriminierte Menschen, durch genetische Vorhersagen von Eigenschaften wie Hautfarbe und eine vermeintliche „biogeografische Herkunft“ unter Pauschalverdacht geraten. In der anschließenden lebhaften Diskussion wurden Argumente ausgetauscht und weitere problematische Anwendungsgebiete aufgezeigt.

➤ Bartram, I. (2018): DNA-Analyse zur Gefahrenabwehr, GID245, S.32, www.gen-ethisches-netzwerk.de/node/3784
www.kritischemedizinerinnen.blogsport.eu

Für eine konzernunabhängige, ökologische Landwirtschaft

Die KWS Saat ist eines der größten Saatgut- und Biotechunternehmen der Welt. Gentechnisch veränderte Zuckerrüben, die in Kooperation mit anderen Großkonzernen wie Bayer oder BASF vermarktet und weiterentwickelt werden, sind nur ein Aspekt des Unternehmens, der kritisierbar ist. Daher fuhr im Dezember 2018 eine kleine Gruppe Student*innen des Ökolandbaus zur Hauptversammlung der KWS. Sie wollten sich über die Entwicklungen und Ziele des großen Saatgutkonzernes informieren sowie ihre Position vertreten und kritische Fragen an die Versammelten stellen.
Xenia Kabel, Mitglied in der jungen Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (jAbL) sprach auf dem Podium zu den Anwesenden. Sie fragte nach den Anpassungen des Züchtungsprogramms an das EuGH-Urteil zu den neuen Gentechniken, wie das Unternehmen auf soziale und ökologische Risiken der Gentechnik eingehe und forderte die KWS auf, sich von der Gentechnik zu distanzieren.
Wenig überraschend äußerte sich der Vorstand gentechnikbefürwortend. Nur die Ankündigung, Forschung und Produktion bei gleichbleibender Gesetzeslage ins Ausland zu verlagern, war in dieser Deutlichkeit von den Student*innen nicht erwartet worden.
Die junge Gruppe aus Witzenhausen war zufrieden ihre Kritik angebracht zu haben und freute sich über Zustimmung und Unterstützung von einigen anwesenden Aktionär*innen. Ein ausführlicher Bericht wird in der Unabhängigen Bauernstimme veröffentlicht werden.

www.bauernstimme.de

Keine „bedrohte Art“

Gut gemeint heißt nicht gut gemacht: Eine Kampagne der Canadian Down Syndrome Society will Menschen mit Trisomie 21/Down Syndrom in die Liste der bedrohten Arten aufnehmen lassen. Dazu hat sie einen Videoclip erstellt, in dem dies von Menschen mit Trisomie 21 in niedlichen Tierkostümen gefordert wird. Daran gab es international viel Kritik. Ein US-amerikanischer Vater eines Sohnes mit Trisomie 21 schrieb beispielsweise, dass die Tieranalogie zur Dehumanisierung von Menschen mit Behinderung beitrage und „dehumanization is the enemy“. Außerdem verschleiert die Kampagne das Problem eher als aufzuklären: Eine Spezies auszurotten ist schließlich etwas anderes als pränatal auf eine genetische Besonderheit zu testen.

www.themighty.com oder www.kurzlink.de/gid248_cc

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
248
vom Februar 2019
Seite 4 - 5