Ja zur Saatgut-Souveränität

Das „Open Source-Versprechen”

Am 17. April, dem internationalen Aktionstag der Kleinbauern, organisierte die „Open Source Seed Initiative" (OSSI) eine Aktion auf dem Campus der Universität von Wisconsin im US-Bundesstaat Madison. Wir stellten das Saatgut von 36 Pflanzensorten unter ein „Open-Source-Versprechen“. Das OSSI-Saatgut wurde in der Menge verteilt, dann wurde das Versprechen gemeinsam laut vorgelesen. Was ist OSSI und in welche Richtung wollen wir uns entwickeln?

Die Open Source Seed Initiative (OSSI) wurde im Mai 2012 von öffentlichen Saatgutzüchtern, kleinen Saatgutunternehmen, Landwirten und AktivistInnen für Saatgut-Souveränität gegründet. Inspiriert von der Bewegung für Freie Software wurde OSSI ins Leben gerufen, um das Saatgut zu befreien: Wir wollten eine rechtlich verbindliche Lizenz für den Austausch von Keimplasma entwickeln, die das Recht auf freie Nutzung des Saatgutes und seiner Abkömmlinge garantiert.

Debatte um pflanzengenetische Ressourcen: gestern ...

Fast zwei Jahre haben wir damit verbracht, eine solche Lizenz zu entwerfen. Am Ende verwarfen wir die Idee und entschieden uns für ein rechtlich nicht verbindliches Open Source-Versprechen, das jeder Saatgutpackung beiliegt. Um die Gründe hierfür zu beleuchten, werde ich etwas ausholen und an die ersten Debatten zur Regulierung von pflanzengenetischen Ressourcen erinnern, die in den 1980er Jahren stattfanden. Bei der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) wurde damals die Legitimität der pflanzengenetischen Ressourcen als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ in Frage gestellt. Grund dafür war, dass die Saatgut-Industrie begonnen hatte, mit Hilfe von geistigen Eigentumsrechten den Zugang zu ihren Sorten für die Vermehrung und Zucht zu beschränken und das Recht auf Wiederaussaat zu beseitigen. Bezeichnenderweise bestand die erste strategische Antwort der FAO nicht darin, Unternehmen für genetische Ressourcen zahlen zu lassen. Sondern sie stellte zunächst fest, dass das, was die Unternehmen als proprietäre Pflanzensorten ansahen, eigentlich Teil des gemeinsamen Erbes war. Diese Position wurde jedoch von vielen als unpraktisch angesehen, und die Debatte wurde bald verschoben: Ab diesem Zeitpunkt ging es nicht mehr darum, wie die Commons (deutsch: Gemeingüter) vermehrt werden könnten, sondern darum, wie man die Industrie für die Nutzung des Rohmaterials zahlen lassen könnte. Auch ich plädierte damals für dieses Modell, das ich heutzutage als marktförmige Herangehensweise kritisiere. Das logische Ergebnis dieser Strategie sind die heute existierenden fehlerhaften, auf finanzielle Kompensation abzielenden Modelle des Access and Benefit Sharing, das heißt des Zugangs zu genetischen Ressourcen und den gerechten Vorteilsausgleich. Diese haben die LandwirtInnen und die indigene Bevölkerung weder vor Biopiraterie geschützt, noch haben sie ihnen irgend einen Nutzen gebracht. Vielmehr dienten sie in erster Linie dazu, ihre anhaltende Enteignung zu legitimieren und zu institutionalisieren. Ich lag jedoch richtig mit meiner Einschätzung, dass die Einbeziehung der Züchtungslinien der Unternehmen in unser aller gemeinsames Erbe keine akzeptable Lösung ist: Denn die lokalen und bäuerlichen Sorten als Goldgrube für genetische Ressourcen frei zugänglich zu halten, ist ungerecht.

… und heute

Vielleicht brauchen wir also - als Alternative sowohl zur Vermarktlichung als auch zur vollkommenen Freigabe der genetischen Ressourcen - einen Mechanismus für den Austausch von Keimplasma, der die Weitergabe zwischen denjenigen erlaubt, die zu gegenseitigem Tausch bereit sind, der aber diejenigen ausschließt, die nicht bereit dazu sind. Das würde heißen, dass wir keine Neuerfindung der für unsere Ziele unangemessenen Open Acces-Commons brauchen, die den unbegrenzten Zugriff für alle erlauben, sondern die Erfindung von Protected Commons, wie Richard Jefferson es so treffend ausgedrückt hat.1 Protected Commons sind Gemeingüter mit Zugangsbeschränkung und genau das, was der Open Source-Ansatz für Software geschaffen hat. Das Instrument hierfür ist eine Lizenz, welche die Freiheit zur Nutzung eines Programms sowie aller daraus (weiter)entwickelten Programme garantiert. Open Source Software wird urheberrechtlich geschützt und dann unter eine Lizenz gestellt, welche die Veränderung und Weitergabe des Programms erlaubt, so lange dies unter derselben Lizenz geschieht. Diese Struktur schafft einen „viralen“ Effekt, der - und das ist der entscheidende Punkt - die Möglichkeit der freien Nutzung kontinuierlich verstärkt, wenn das Programm und alle Derivate und Änderungen weiterverbreitet werden. Diese „Viralität“ verhindert zudem die Aneignung der Software für proprietäre Zwecke durch Unternehmen, da jede Software, die auf dem lizenzierten Code aufbaut, ebenfalls unter die freie Lizenz gestellt werden muss.

Die Instrumente der Herrschenden

Urheber- und Patentrechte werden hier also dafür genutzt, geistige Eigentumsrechte zu teilen und zu vergesellschaften - konträr zu deren eigentlichem Zweck, Exklusivität zu schaffen. Die Instrumente der Herrschenden werden also in einer Art und Weise umgewandelt, die die Herrschenden nicht beabsichtigt hatten und die deren Hegemonie kräftig untergräbt. Diese Verkehrung der Instrumente der Herrschenden in ihr Gegenteil hat sich im Software-Bereich als sehr erfolgreich erwiesen. Könnte dieses Vorgehen nicht auch im Bereich Saatgut und Pflanzenzüchtung angewandt werden? Dies war die Frage, mit der OSSI 2012 an den Start ging. Unser Vorgehen ist von Anfang an stark durch den nordamerikanischen Entstehungskontext beeinflusst worden. OSSI ist kein Projekt von LandwirtInnen, sondern im Umfeld der institutionalisierten öffentlichen Pflanzenzüchtung entstanden. Das unter den Gründungsmitgliedern vorrangige Interesse ist die Verwendung von Pflanzenmaterial für die Züchtung und weniger für den Anbau. Da die staatliche Förderung zurückgeht, sind öffentliche ZüchterInnen inzwischen oft auf Einnahmen aus Lizenzgebühren angewiesen. Die privaten ZüchterInnen, die Mitglieder von OSSI sind, sind Saatguthändler und leben vom Verkauf ihres Saatguts. Sowohl öffentliche als auch private ZüchterInnen sind von der Marktkonzentration, den Zugangsbeschränkungen zu Zuchtmaterial und der Aneignung ihrer Linien durch Konkurrenten frustriert. Während sie aus ideellen Gründen der Idee eines möglichst freien Austauschs von Saatgut sehr offen gegenüberstehen, sehen sie sich andererseits gezwungen, am bestehenden Marktsystem zu partizipieren, um finanziell zu überleben. Diesem Umstand wollten wir durch die Entwicklung zweier verschiedener Open Source-Lizenzen Rechnung tragen: einer komplett freien Lizenz, die jegliche Nutzung des Saatguts für eigene Zwecke erlaubt, und einer Lizenz, die es zwar ermöglicht, eine Lizenzgebühr zu verlangen, darüber hinaus jedoch keinerlei Einschränkungen zulässt. ZüchterInnen sollten diejenige Lizenz verwenden können, die ihrer Situation am besten entspricht. Allerdings stießen wir bereits in den ersten Vorbereitungstreffen auf einige Konfliktlinien, und wir erkannten, dass diese dazu führen könnten, dass das OSSI-Projekt auf den nordamerikanischen Kontext beschränkt bleiben würde. So tauchte in ersten Gesprächen mit Organisationen aus dem Globalen Süden, die schon lange zu genetischen Ressourcen arbeiten, die Frage auf, wie gut und effektiv diese Instrumente der Herrschenden wirklich gegen ihre Erschaffer gewendet werden könnten. Zu diesen Organisationen gehörte unter anderem die internationale Kleinbauern-Organisation La Via Campesina und deren wichtigste Partnerorganisationen. OSSI hat inzwischen die Erfahrung gemacht, dass die Instrumente der Herrschenden - zumindest für unsere Zwecke - technisch sehr umständlich sind. Eine Lizenz ist ein privater Vertrag, deshalb müssten alle potentiellen LizenznehmerInnen Zugang zum vollen Vertragstext haben. Das heißt, dass die komplette OSSI-Lizenz - ein siebenseitiger Text, der nur für Juristen verständlich ist - mit jeder einzelnen Saatgutpackung mitgeliefert werden müsste. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies dauerhaft passieren würde, ist sehr gering. Damit würde aber das zentrale und wirkmächtigste Merkmal einer Open Source-Lizenz wegfallen, das gerade in der „viralen“ Verbreitung der freien Lizenz besteht. In Anbetracht all dieser technischen Hindernisse mussten die OSSI-Mitglieder schließlich einsehen, dass uns die Einführung einer verpflichtenden, rechtlich verbindlichen, übermäßig langen, verwirrenden, sperrigen, restriktiven Lizenz gefährlich nahe an die Praktiken der Gene Giants, also der multinationalen Saatgut-Unternehmen, heranführen würde.

Kurswechsel

Der Fokus auf Lizenzierung hatte uns zunehmend in eine kontrollierende und bürokratische Rolle gedrängt, die uns nicht zusagte. Im Februar dieses Jahres trafen wir daher die schwierige, aber wohlüberlegte Entscheidung, die Entwicklung einer rechtlich verbindlichen Lizenz aufzugeben und zu einem Open Source-Versprechen überzugehen. Dadurch wurde OSSIs Aktionsfeld vom juristischen in den Bereich von Ethik und Normen verschoben. Diese Verlagerung hat sich als anregend und produktiv herausgestellt und neues Leben in unsere Sache gebracht. Das Versprechen ist wahrscheinlich nicht rechtsverbindlich, aber es hat andere Vorteile: Es ist leicht übertragbar, es ist viral, es stellt eine kompromisslose Verpflichtung zu freiem Tausch und Nutzung dar, es kann eine sehr effektive öffentliche Wirkung entfalten und zu Bildungszwecken benutzt werden. Das Versprechen, das nun auf allen von OSSI verteilten Saatgutpäckchen aufgedruckt ist, lautet:
„Dieses Open Source-Saatgutversprechen soll Ihre Freiheit garantieren, das in dieser Packung enthaltene Saatgut in jeder gewünschten Weise zu verwenden, und es soll diese Freiheiten allen nachfolgenden Nutzern und Nutzerinnen gewähren. Mit dem Öffnen dieser Packung verpflichten Sie sich, dass Sie Andere nicht in der Verwendung dieses Saatguts und seiner Abkömmlinge durch Patente, Lizenzen oder andere Mittel einschränken. Sie versprechen, dass Sie bei der Weitergabe dieses Saatguts oder seiner Abkömmlinge die Herkunft des Saatguts anerkennen und dieses Versprechen mit dem Saatgut zusammen weitergeben.“
Die Reaktionen auf unsere Aktion vom 17. April scheinen unsere Entscheidung, ein Versprechen statt einer Lizenz zu entwerfen, zu bestätigen. Wir haben nicht nur Unterstützungserklärungen aus der ganzen Welt erhalten, sondern auch über 300 Saatgutbestellungen aus 14 Ländern.2 In- und außerhalb den USA gibt es ein beträchtliches Interesse an unserer Arbeit. Darüber hinaus überraschte uns die große Bereitschaft, für das Saatgut zu bezahlen. Diese Bereitschaft ist höchstwahrscheinlich nicht in erster Linie mit den agronomischen Merkmalen des Saatguts verbunden, sondern mit den soziopolitischen Inhalten, die es transportiert. Wir hoffen, dass SaatgutzüchterInnen, Saatgutbanken, GärtnerInnen und LandwirtInnen Saatgut tauschen und weitergeben und dabei unser Open Source-Versprechen verwenden. Ganz besonders hoffen wir, dass kleine, unabhängige Saatgutunternehmen OSSI-Saatgut als Teil ihrer regulären Produktpalette anbieten werden. OSSI ist in den USA entstanden und wird seine Arbeit in erster Linie in den USA fortführen. Wir hoffen jedoch, dass die von uns gemachten Erfahrungen auch für ähnliche Initiativen in anderen Ländern nützlich sind, und dass wir unseren Teil zur Entwicklung und dem Anwachsen einer globalen Bewegung für freies Saatgut beitragen können.
Übersetzung: Anne Bundschuh
In Absprache mit dem Autor wurden für diesen Text Auszüge aus Jack Kloppenburgs Artikel „Re-purposing the master's tools: the open source seed initiative and the struggle for seed sovereignty” übersetzt, der am 14. Januar 2014 online von The Journal of Peasant Studies veröffentlicht wurde und von der GID-Redaktion durch Passagen aus einem Brief ergänzt, den OSSI nach der Aktion am 17. April an internationale MitstreiterInnen geschickt hat.

  • 1. Zu Richard Jefferson und seiner Initiative CAMBIA vgl. auch den Artikel „Lernprozess oder Misserfolg?“ im GID 215, S. 15
  • 2. Auf der OSSI-Internetseite kann Saatgut bereits online bestellt werden: www.opensourceseedinitiative.org.

Jack Kloppenburg ist Professor am Institut für Gemeinschafts- und Umweltsoziologie der Universität in Madison, Wisconsin.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
226
vom November 2014
Seite 23 - 25