Behinderung

Selektive Pränataldiagnostik (PND), die nur nach Normabweichungen sucht und weder die Versorgung der Schwangeren noch die Gesundheit des werdenden Kindes verbessert, verstößt gegen die UN-Behindertenrechtskonvention. Sie konterkariert das gesellschaftliche Ziel der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Behinderung wird vielfach immer noch mit Sorgen, Leid und Schmerzen verbunden - eine ableistische/behindertenfeindliche Einstellung. Die gesellschaftliche Bereitstellung von Ressourcen für die gezielte pränatale Suche nach Abweichungen und Behinderungen (via Regelfinanzierung durch die Krankenkassen) zeigt, dass es weiterhin als normal und unproblematisch gilt, Behinderung um beinahe jeden Preis vermeiden zu wollen.

Die angenommene Andersartigkeit macht behinderte Menschen zur Projektionsfläche für Ängste vor Schmerzen, Abhängigkeit, Immobilität und Verlust von Kontrolle. Von einer grundlegenden menschlichen Situation werden Verletzlichkeit und Schwäche zu einer Bedrohung der eigenen „Normalität“ und des Selbstbildes als autonomes, selbstbestimmtes Subjekt, das selbstdiszipliniert und -kontrolliert, frei und gesellschaftlich funktionstüchtig ist, die abgewehrt werden muss.

Beiträge zu diesem Thema

  • Entscheidungsfalle für alle

    Silja Samerski , 31. Oktober 2011
    Noch in diesem Jahr soll in der Bundesrepublik ein Bluttest für werdende Mütter auf den Markt kommen, mit dem in der zehnten Schwangerschaftswoche festgestellt werden kann, ob beim Ungeborenen eine Trisomie 21 vorliegt. Ein minimaler Eingriff, ein früher Zeitpunkt und eine hohe Aussagesicherheit - Pränataldiagnostik für alle.

  • Betroffenenkontrolle als Alternative

    Organisiert vom Träger des antipsychiatrischen Wohnprojekts Weglaufhaus, dem „Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt“, fand am 2. und 3. September 2011 in Berlin eine internationale Konferenz statt, auf der sich Betroffene und UnterstützerInnen unter dem Motto „Auf der Suche nach dem Rosengarten“ mit Alternativen zur Psychiatrie beschäftigten. Ein Konferenzbericht.

  • „Eine echte Lücke im System“

    Interview mit
    Terry Simpson , 31. Oktober 2011

    Das „Pajaro Valley Sunrise Center“, eine Einrichtung, die ähnlich dem Berliner Weglaufhaus Begleitung beim Ausstieg aus der Medikation mit Psychopharmaka anbieten wird, befindet sich derzeit im Aufbau. Sie soll in Watsonville (Kalifornien) angesiedelt werden und zunächst über sechs Plätze verfügen.

  • Sanfte Zwänge und chemische Gewalt

    Viola Balz , 31. Oktober 2011

    Die Psychiatrie heute, heißt es, habe nichts mehr gemein mit gefängnisähnlichen Verwahranstalten. Auch der massive Einsatz von Psychopharmaka zur Ruhigstellung gehöre der Vergangenheit an. Doch wie tief greifend sind diese Veränderungen wirklich? Wie belastbar ist das Versprechen der Sozialpsychiatrie und der „neuen Generation" der Psychopharmaka, das Herausfallen „psychisch Kranker" aus ihrem sozialen Umfeld zu verhindern?

  • Antidepressiva und die Arbeit am Selbst

    Stefanie Graefe , 31. Oktober 2011

    Sie versprechen viel, tatsächlich helfen sie jedoch wenig, sie tragen sowohl zur Biologisierung wie zur Ökonomisierung sozialer Probleme bei und sie sind Instrument der Individualisierung. Vielseitig ist die Kritik an Antidepressiva. Aber sollte deswegen ganz von ihnen abgeraten werden? Eine kritische Betrachtung der Diskussion.