Eugenik - Beständigkeit und Bruch

Das Themenheft GID Spezial Nr. 2 „Eugenik - gestern und heute“ ist von 2001 - höchste Zeit, unsere Position zu aktualisieren!

Bevölkerungsoptimierung, Leidensreduktion, Zwangssterilisation, (fehlende) Opferanerkennung und Entschädigung, Humangenetik, Pränataldiagnostik, reproduktive Rechte, Menschenzucht, Transhumanismus - das sind nur einige der Stichworte, die in der Debatte aufgerufen werden. Welche Vorgänge unter welchen Bedingungen als eugenisch zu verstehen sind, ist allerdings auf 13 Seiten nicht zu klären - darum soll dieser Schwerpunkt vor allem ein Auftakt für eine Debatte sein, die in den nächsten Heften und auf unserer Webseite weitergeführt wird. Genauso interessant wie die Frage, ob die Techniken und Ansätze, die häufig als eugenisch angesehen werden, dafür tatsächlich hinreichende Kriterien aufweisen, ist die Frage, wo es eugenische Tendenzen gibt, die bisher unzureichend problematisiert werden.

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Fotos von Gebäuden, in denen die Taten stattfanden, bebildern diesen Schwerpunkt. Sie sollen als reale Orte deutlich machen, dass es bei der Debatte um die (Dis)Kontinuitäten von Eugenik nicht um abgehobene Begriffsdrechselei geht. Manchmal wird ihre Nutzung geändert, aber ihr Äußeres nicht, bei anderen ist es umgekehrt - sie sind Tatorte, Erinnerungsorte, Begegnungsorte - aber auch Orte, an denen nichts darauf hinweist, dass irgendetwas Problematisches vorgefallen sein könnte.

Die Artikel

Birgit Lulay wirft einen Blick zurück in die Anfänge der „alten“ Eugenik, mit dem Fokus auf Sozialdemokratie und Frauenbewegung. Eugeniker*innen waren nicht nur rassistische Reaktionäre, sondern wissenschaftlich interessierte Linke. Dem folgt ein kurzer Text über die Realisation eugenischer Ideen im Nationalsozialismus. Der Artikel von Ulrika Mientus beleuchtet die Entwicklung in BRD und DDR: Die Opfer mussten lange kämpfen, um überhaupt Anerkennung zu erfahren, zugleich ging die Praxis der Zwangssterilisierungen weiter. Die Etablierung humangenetischer Beratungsstellen und pränataler Diagnostik erweiterte die Palette der Interventionsmöglichkeiten - in der 1970er Jahren findet aber auch ein ideologischer Umbruch statt. In einem Kurzkommentar zeigt Michael Zander, warum die Ideen von Thilo Sarrazin als eugenisch zu verstehen sind. Fünf Rezensionen besprechen drei Sachbücher, einen Roman und einen Dokumentarfilm, die alle in diesem oder im letzten Jahr zu dem weiten Themenkomplex erschienen sind.

Leider nicht zu Stande gekommen ist ein Gespräch zwischen Raúl Krauthausen, Michael Zander und Kirsten Achtelik über eine Kleine Anfrage der AfD im Bundestag. Diese stellte eine Verbindung her zwischen der Zahl der Menschen mit Behinderung, deren „Migrationshintergrund“ und dem Verwandtschaftsstatus ihrer Eltern. Einige der großen Sozialverbände protestierten mit einer Anzeige und dem schlagkräftigsten Vorwurf, der in Deutschland gegen einen politischen Gegner möglich ist: Sie fühlten sich durch die Anfrage an das „dunkelste Kapitel deutscher Geschichte“ erinnert. Während rassistisch und behindertenfeindlich als zutreffende Charakterisierungen der Kleinen Anfrage gelten können, stellt sich die Frage, ob der NS-Bezug sinnvoll und notwendig war. Sich über die verschiedenen Einschätzungen und möglichen Strategien gegen die Partei auszutauschen wird allerdings vermutlich auch in Zukunft nötig sein.1

Die letzten beiden Beiträge stellen die Frage, ob und wie der heutige Gebrauch neuerer Techniken als eugenisch zu verstehen ist. Kirsten Achtelik bestreitet den eugenischen Gehalt der heutigen normalisierten Pränataldiagnostik und fordert eine genaue und zutreffende Begriffsbildung. Peter Wehling stellt am Beispiel des Anlageträger*innen-Screenings die These auf, dass eugenische Verbesserungs-Phantasien auch in der vermeintlich individualisierten Reproduktionsmedizin aktualisiert werden.

Dieser Schwerpunkt will einen Anfang machen für eine fundierte Debatte über die Bedeutung des Eugenik-Begriffs. Die Geschichte verstehen wir dabei nicht nur als Folie, vor der die heutigen und zukünftigen Entwicklungen bewertet werden sollen, sondern auch als unabgeschlossene Aufgabe.

Kirsten Achtelik ist Mitarbeiterin des GeN und Redakteurin des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
246
vom August 2018
Seite 6