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"Gen für..." - alphabetisch

Krieger
April 2011

Die Schweizer Firma iGenea bietet einen Gen-Test an, der das „Warrior Gen“ nachweisen soll. Auf ihrer Internetseite bewirbt sie den Test, illustriert mit einem Foto eines breitschultrigen, maskulin-seriös blickenden Mannes in Nadelstreifen und - um ganz sicher zu gehen, dass die Botschaft ankommt - dem Bild eines römischen Gladiatoren mit erhobenen Schwert. Der Test untersucht auf ein Gen, das für Varianten des Enzyms MAO-A kodiert, deren Aufgabe der Abbau von neuronalen Botenstoffen ist. Gewisse Varianten werden mit Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung gebracht. iGenea wirbt mit der Suche nach dem „Krieger Gen“, dessen Träger angeblich impulsiv, risikofreudig und „besser in der Lage sind, zu ihrem Vorteil zu entscheiden“. Die „Entdeckungsgeschichte“ des MAO-A-Gens zeichnet ein anderes Bild: Anfang der 1990er Jahre versuchte der Niederländer Hans Brunner, das generationenübergreifende Auftreten von brutalen Gewalttaten bei männlichen Angehörigen einer Familie zu erklären. Die dysfunktionale Variante des MAO-A-Gens, die er entdeckte und auf die er das deviante Verhalten zurückführte, wurde im (populär)wissenschaftlichen Diskurs schnell zum „Gen für Aggression“ bzw. - romantischer - zum „Krieger-Gen“, oder - etwas moderner - zum „Wall-Street-Gen“. Wohin eine derart verflachende Darstellung komplexer Systeme wie dem menschlichen Verhalten führen kann, zeigt die Rezeption einer Studie an neuseeländischen Maori. Der Forscher Rod Lea meinte mit dem erhöhten Auftreten einer MAO-A-Variante bei dieser ethnischen Gruppe deren genetische Vorteile durch Aggressivität bei der Besiedelung Neuseelands erklären zu können. Die mediale Debatte, die darauf folgte, ist ein Lehrstück in Sachen genetische Legitimierung bestehender Rassismen. Bemerkenswert ist auch, wie in diesem Diskurs Geschlechterbilder verhandelt werden. Sowohl die Zuschreibung von Gewalttätigkeit als auch von Kampfgeist richtet sich nur an Männer; die Frage nach kämpferischen oder gewalttätigen Frauen hat sich scheinbar keineR gestellt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie der sexistische Blick die Forschungsfrage prägt und den Output in gewisser Weise vorwegnimmt. Das alles tut dem Glauben an die Wahrheit des „Krieger-Gens“ jedoch scheinbar keinen Abbruch: Die Schweizer Zeitung „20min“ schickte fünf Jungpolitiker - allesamt männlich - zum Test bei iGenea. Das Ergebnis: Zwei von ihnen sind „aufgrund ihrer DNA Kämpfertypen“ und erklären stolz, ja schon als Teenager geboxt zu haben. Na dann…!

20min online, 27.02.11, 08.10.10; igenea.com, 04.04.11; New Scientist, 2755:2010
Kurzfingrigkeit
März 2009

Es ist doch immer wieder aufschlussreich zu lesen, wohin wichtige Forschungsgelder fließen: Zum Beispiel in die Erforschung der genetischen bedingten Kurzfingrigkeit. Berliner Wissenschaftler haben im Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft nun zusätzlich zu bereits bekannten genetischen Faktoren, die eine Verkürzung der Finger bedingen sollen, nun noch einen weiteren Aspekt entdeckt: Die Verdoppelung einer winzigen, als nicht-kodierend geltenden DNA-Sequenz soll die Ausprägung eines Gens beeinflussen, von dem die Musterbildung der menschlichen Hand abhängt. Die Beschreibung der regulatorischen Funktion dieses DNA-Abschnitts ist in der online-Version des Fachblatts American Journal of Human Genetics zu finden. Weitere Forschungsarbeiten zu den genetischen Eigenschaften gesellschaftlich verpönter Langfinger werden sicherlich folgen.

Ärzte Zeitung, 30.03.09
Kokainsucht
August 2008

Kokainsucht sei genetisch manipulierbar, so wollen Forschungsteams des Deutschen Krebsforschungszentrums und der Universität Genf nach Versuchen mit Mäusen nachgewiesen haben. Die ForscherInnen manipulierten die Mäuse genetisch so, dass eine Eiweißkomponente in den Dopamin produzierenden Nervenzellen „ausgeschaltet“ wurde. Dieses Protein werde unter Einfluss von Kokain sonst in die Rezeptoren eingebaut und bewirke, dass eine so veränderte Synapse verstärkt Nervensignale übertrage. Diese so genannte „drogenvermittelte synaptische Plastizität“ wird in der Wissenschaft schon länger als bedeutend für die Entstehung von Sucht debattiert. Bei den Experimenten in Heidelberg, Mannheim und Genf stellte sich unter anderem heraus, dass sich Mäuse, bei denen die Produktion des NR1-Proteins genetisch blockiert wurde, als weniger rückfallgefährdet erwiesen als die Kontrollmäuse.

Ärzte Zeitung, 15.08.08
Kokainsucht
April 2006

Britische Wissenschaftler haben ein Gen identifiziert, dass einen Einfluss darauf haben soll, wie leicht ein Mensch kokainabhängig wird. Das Team vom psychiatrischen Institut des Kings College in London hat seinen Forschungsbericht in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Science veröffentlicht. Untersucht wurden danach Proben von 1.565 Menschen in Brasilien, von denen 699 mindestens einmal kokainabhängig gewesen waren. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass eine bestimmte Variante des Gens DAT mit einer Tendenz zur Drogenabhängigkeit gekoppelt sei ­ Menschen, die dieses Gen doppelt aufwiesen, hätten eine 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, abhängig von der Droge zu werden. Wie die Rekrutierung der Versuchspersonen stattfand und unter welchen Bedingungen die Proben entnommen wurden, wurde nicht erwähnt.

BioNews 350, 21.03.2006; BBC online, 13.03.06
Knochenentwicklung
Juni 2004

Ein Gen, das entscheidend für die Knochenentwicklung sein soll, haben US-amerikanische Forscher ausgemacht: IKK-alpha wirkt nach Angaben des Mediziners Michael Karin, Universität von Kalifornien von der Haut aus. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass der Haut bei der Embryonalentwicklung eine wichtige Bedeutung für den Skelettaufbau zukommt. Schalteten sie bei Mäusen das entsprechende Gen aus, kam es zu Deformationen des Schädels und Skeletts. Die Schäden waren so gravierend, dass die neugeborenen Mäuse kurz nach der Geburt starben. Die Ergebnisse sind ausführlich in Nature 428 nachzulesen.

www.wissenschaft.de, 08.04.2004