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Gen für - chronologisch

Nein sagen
Oktober 2011

Die Neue Osnabrücker Zeitung über die Schauspielerin Senta Berger (68): „Berger beschrieb sich in dem Gespräch als ‚Widerspruchsgeist von Natur aus‘. Das werde von ihrer österreichischen Skepsis verdoppelt, sagte sie. ‚Das ist genetisch. Ich sage viel lieber nein als ja.‘“

Neue Osnabrücker Zeitung, zitiert nach: Süddeutsche Zeitung, 20.10.09.
Krieger
April 2011

Die Schweizer Firma iGenea bietet einen Gen-Test an, der das „Warrior Gen“ nachweisen soll. Auf ihrer Internetseite bewirbt sie den Test, illustriert mit einem Foto eines breitschultrigen, maskulin-seriös blickenden Mannes in Nadelstreifen und - um ganz sicher zu gehen, dass die Botschaft ankommt - dem Bild eines römischen Gladiatoren mit erhobenen Schwert. Der Test untersucht auf ein Gen, das für Varianten des Enzyms MAO-A kodiert, deren Aufgabe der Abbau von neuronalen Botenstoffen ist. Gewisse Varianten werden mit Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung gebracht. iGenea wirbt mit der Suche nach dem „Krieger Gen“, dessen Träger angeblich impulsiv, risikofreudig und „besser in der Lage sind, zu ihrem Vorteil zu entscheiden“. Die „Entdeckungsgeschichte“ des MAO-A-Gens zeichnet ein anderes Bild: Anfang der 1990er Jahre versuchte der Niederländer Hans Brunner, das generationenübergreifende Auftreten von brutalen Gewalttaten bei männlichen Angehörigen einer Familie zu erklären. Die dysfunktionale Variante des MAO-A-Gens, die er entdeckte und auf die er das deviante Verhalten zurückführte, wurde im (populär)wissenschaftlichen Diskurs schnell zum „Gen für Aggression“ bzw. - romantischer - zum „Krieger-Gen“, oder - etwas moderner - zum „Wall-Street-Gen“. Wohin eine derart verflachende Darstellung komplexer Systeme wie dem menschlichen Verhalten führen kann, zeigt die Rezeption einer Studie an neuseeländischen Maori. Der Forscher Rod Lea meinte mit dem erhöhten Auftreten einer MAO-A-Variante bei dieser ethnischen Gruppe deren genetische Vorteile durch Aggressivität bei der Besiedelung Neuseelands erklären zu können. Die mediale Debatte, die darauf folgte, ist ein Lehrstück in Sachen genetische Legitimierung bestehender Rassismen. Bemerkenswert ist auch, wie in diesem Diskurs Geschlechterbilder verhandelt werden. Sowohl die Zuschreibung von Gewalttätigkeit als auch von Kampfgeist richtet sich nur an Männer; die Frage nach kämpferischen oder gewalttätigen Frauen hat sich scheinbar keineR gestellt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie der sexistische Blick die Forschungsfrage prägt und den Output in gewisser Weise vorwegnimmt. Das alles tut dem Glauben an die Wahrheit des „Krieger-Gens“ jedoch scheinbar keinen Abbruch: Die Schweizer Zeitung „20min“ schickte fünf Jungpolitiker - allesamt männlich - zum Test bei iGenea. Das Ergebnis: Zwei von ihnen sind „aufgrund ihrer DNA Kämpfertypen“ und erklären stolz, ja schon als Teenager geboxt zu haben. Na dann…!

20min online, 27.02.11, 08.10.10; igenea.com, 04.04.11; New Scientist, 2755:2010
politische Haltung
Februar 2011

In der neuen Ausgabe des Journal of Politics wird ein Ausflug in die Welt der Gene unternommen. Eine ForscherInnengruppe hat 13.000 australische „Kaukasier“ nach ihrer politischen Präferenz im Schema von „konservativ“ bis „liberal“ befragt und die Ergebnisse mit Genkopplungs-Analysen korreliert. Dabei versuchten die ForscherInnen mit 50 kurzen Ja/Nein Statements zu Themen wie Todesstrafe, Fluor im Trinkwasser, Pflanzenheilkunde, Selbstmord und moderner Kunst, das Spektrum soziopolitischer Einstellungen auszuloten und die ProbandInnen einzuteilen. Wie diese Einteilung erfolgte, erfährt man leider auch im Zusatzmaterial nicht, obwohl - oder weil - es sicher mehr über die ForscherInnen als die ProbandInnen mitteilen würde (und wahrscheinlich sehr unterhaltsam wäre). Mit Hilfe eines genomweiten Assoziations-Scans „identifizierten“ die AutorInnen dann vier, selbst nach eigenen Maßstäben nicht signifikante (wohl ein Grund für den Publikationsort), aber mehr oder minder „suggestive“ Bereiche auf Chromosomen. Anschließend machten sie dennoch - mit dem unbedingten Willen zur genetischen Assoziation - Gene aus, die „in der Nähe“ liegen und mit „Wahrnehmung und sozialem Verhalten“ assoziiert seien.
www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/1395871

Journal of Politics, Vol. 73, S. 271-85, Januar 2011; Deutschlandradio, 23.02.11.
ewige Jugend
Februar 2011

Mal wieder meint man dem Traum vom ewigen Leben näher gekommen zu sein. Der Wissenschaftler Jaime Guevara-Aguirre wurde auf ein abgelegenes ecuadorianisches Dorf aufmerksam, unter dessen Bevölkerung eine Form erblicher Kleinwüchsigkeit verbreitet vorkommt. Diese Personen besitzen durch eine Genmutation defekte Rezeptoren für ein Wachstumshormon, was zwar zu einer geringen Körpergröße führt, sie aber auch vor Alterserkrankungen wie Krebs und Diabetes schützen soll. Hat man also das Gen für die ewige Jugend gefunden? Nun ja. Zumindest werden die betroffenen Personen nicht tatsächlich älter - sie sterben zwar nicht an Krebs und den Folgen der Diabetes, jedoch ungewöhnlich oft an nicht altersbedingten Todesursachen. Die ForscherInnen hoffen nun, Gesunden durch die Blockade des Rezeptors zu einem längeren Leben verhelfen zu können. Die Süddeutsche zitiert allerdings zwei Experten, die bezweifeln, dass gesunde Menschen von der Hemmung eines wichtigen Zellvorgangs profitieren. Sie betonen, dass PatientInnen mit Wachstumshormon-Defekt oft eine kürzere Lebenserwartung haben. Guevara-Aguirre selbst kritisiert, dass seine Forschung den Pharmakonzernen zwar wichtige Daten zur Entwicklung teurer Medikamente zur Verfügung stelle. Er habe jedoch große Probleme, von eben diesen Firmen Medikamente zu erhalten, mit denen die negativen gesundheitlichen Folgen der genetischen Besonderheit der Kleinwüchsigen gelindert werden könnten.

Sueddeutsche.de, 18.02.11; NYTimes.com, 16.02.11; Welt online, 17.02.11