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Zulassung von Keimbahn-Eingriff in Großbritannien?

(Berlin, Dezember 2012) Das Gen-ethische Netzwerk (GeN) hat sich in die Diskussion über den Ersatz von Mitochondrien in menschlichen Eizellen eingemischt. Diese Diskussion wird derzeit unter anderem in Großbritannien geführt, wo die Behörde für menschliche Befruchtung und Embryologie (HFEA) explizit um Stellungnahmen gebeten hat. Hier veröffentlichen wir unseren Beitrag zu dieser Debatte.



Den Brief des Gen-ethischen Netzwerkes (GeN) an Lisa Jardine, Leiterin der britischen Behörde für menschliche Befruchtung und Embryologie finden Sie unten auf dieser Seite. Den englischen Originalbrief können Sie mit dem folgenden Link aus dem Netz laden:
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/files/1212_GeN_Letter_to_Lisa_Jardi...
(pdf-Dokument, direkter Link, ca. 70 KB)






Sehr geehrte Frau Professor Jardine,


obwohl unsere Organisation ihren Sitz in Deutschland hat, nehmen wir mit diesem Schreiben Bezug auf den gegenwärtig laufenden Meinungsbildungs-Prozess in der HFEA über den reproduktionsmedizinischen Einsatz von Techniken zum Austausch von Mitochondrien. Wie auf der Internetseite der HFEA richtig zu lesen ist, handelt es sich bei den Techniken zum Ersatz von Mitochondrien in Eizellen um einen Eingriff in die menschliche Keimbahn. Unserer Meinung nach sind solche Eingriffe - und damit auch die anstehende Entscheidung der HFEA - ein Thema von globaler Bedeutung. Daher halten wir es für geboten, uns im Konsultationsprozess zu Wort zu melden.


Hiermit möchten wir unsere großen Bedenken gegen die neue Technik des Mitochondrien-Austausches äußern. Wir ersuchen die HFEA zu empfehlen, die gegenwärtigen britischen Gesetze, die die Anwendung solcher Techniken verbieten, nicht zu ändern.


Derzeit besteht der weltweit akzeptierte Konsens, Eingriffe in die menschliche Keimbahn nicht vorzunehmen, sei es zu medizinischen oder nicht-medizinischen Zwecken. Dieser Grundsatz wurde nach sorgfältigen Beratungen internationaler Organisationen, Wissenschaftler_innen, Fachmediziner_innen, Ethiker_innen und einer großen Zahl zivilgesellschaftlicher Gruppen entwickelt. Wir schließen uns den Argumenten, die das Center for Genetics and Society (CGS) im Zuge des Meinungsbildungsprozesses vorgebracht hat, an: Die Legalisierung von Eingriffen in die Keimbahn würde weiteren Eingriffswünschen und einer neuen, hoch technisierten Form der menschlichen Eugenik Tür und Tor öffnen.


Wie das CGS detailliert darlegt, wird es nicht möglich sein, Keimbahneingriffe zu begrenzen; wird der Mitochondrien-Austausch erlaubt, um es Risiko-Familien zu ermöglichen, ein „gesundes“ Kind zu bekommen, gerät die Verweigerung von Keimbahneingriffen in anderen Fällen unter Begründungszwang.


Auch den weiteren Bedenken des CGS möchten wir uns anschließen. Da ein Eingriff in die menschliche Keimbahn alle nachfolgenden Generationen betrifft, würde das im Konzext der Nürnberger Ärzteprozesse entstandene, fundamentale Prinzip medizinischer Ethik verletzt: das Prinzip der (Patienten)Zustimmung.


Auch unterstützen wir den vom CGS gemachten Vorschlag, auf ein internationales Moratorium zum Stopp aller Verfahren hinzuarbeiten, die Eingriffe in die menschliche Keimbahn beinhalten, und in einem weltweit abgestimmten Diskurs die vollen Auswirkungen und die Langzeitfolgen solcher Prozeduren zu erörtern.


Hochachtungsvoll


Uta Wagenmann
Dr. Alexander von Schwerin
Dr. Susanne Schultz
Dr. Ulrike Klöppel
Monika Feuerlein


Gen-ethisches Netzwerk (GeN), Berlin, Deutschland


Berlin, 5. Dezember 2012

AnhangGröße
1212_GeN_Letter_to_Lisa_Jardine.pdf68.96 KB