Gentests und Genomsequenzierung

Die vollständige Sequenzierung der menschlichen DNA war das große Projekt der 1990er Jahre, die Kosten des Human Genome Projects betrugen drei Milliarden US-Dollar. Seitdem wird die Technologie immer schneller und billiger. Parallel steigt die Anzahl kommerzieller Anbieter, die ihren Kund*innen wissenschaftlich fragwürdige Aussagen zu Gesundheitsrisiken oder Lebensstilfragen durch Sequenzierung ihres Genoms oder einzelner Genvarianten versprechen.

Doch ob die Sequenzierung des gesamten Genoms oder Exoms (dem proteinkodierenden Bereich) tatsächlich zu einer besseren Diagnose und Therapie führt ist unklar. Auch ist umstritten, inwieweit genetische Informationen solche Rückschlüsse zulassen, wenn es nicht seltene monogenetische (von einer Genvariante verursachte) Erkrankungen geht. Denn der tatsächliche kausale Zusammenhang von abweichenden Genvarianten mit möglichen Konsequenzen für die Gesundheit ist für die allermeisten Erkrankungen unbekannt. Das GeN kritisiert zudem, dass die Entscheidung für eine Sequenzierung angesichts möglicher nicht interpretierbarer Ergebnisse und Nebenbefunde kaum als eine „informierte“ zu bezeichnen ist.

Beiträge zu diesem Thema

  • Genetischer Postdeterminismus

    Vanessa Lux , 31. Oktober 2011

    An der psychiatrischen Genetik ist der Paradigmenwechsel in der Genomforschung nicht spurlos vorbeigegangen, die Abkehr vom genetischen Determinismus hat ihr methodisches Gerüst erschüttert - und dennoch wird weitergemacht wie bisher.

  • Epigenetik: Ende des Gen-Determinismus?

    Interview mit
    Joachim Bauer , 22. August 2011

    Der Hype um die Epigenetik hält sich hartnäckig. Der GID beobachtet das boomende Wissenschaftsfeld schon seit einiger Zeit (siehe zum Beispiel GID Spezial Nr. 8). Welche Auswirkungen hat diese Forschungsrichtung auf das vorherrschende genzentrierte wissenschaftliche und gesellschaftliche Weltbild? In einer losen Folge von Beiträgen begleiten wir in den kommenden Ausgaben die Debatte um die Epigenetik.

  • Eine Zukunft ohne Krankheiten?

    Interview mit
    Hannelore Daniel , 11. Juli 2011

    „Grüntee für die Dame und Kaffee für den Herrn.“ Solche Aussagen, basierend auf der Analyse des genetischen Profils, sind heutzutage keine Fiktion mehr. Dienstleistungsfirmen bieten individualisierte Ernährungsempfehlungen an und die Lebensmittelindustrie lockt mit den dazu passenden personalisierten Lebensmitteln. Functional Food und die Wissenschaft dahinter.

  • Die Diskriminierung liegt im Gesetz

    Oliver Tolmein , 10. September 2010

    In einem Urteil hat der Bundesgerichtshof festgestellt: Präimplantationsdiagnostik ist nicht strafbar. Die selektive Auswahl von Embryonen mit genetischen Besonderheiten ist im Embryonenschutzgesetz nicht explizit verboten. Die dadurch mögliche individuelle Eugenik diskriminiert Menschen mit Behinderung.

  • ADHS: Genetifizierung soll die Eltern entlasten

    Jennifer Schwarz , 10. September 2010

    Wenn Kinder nicht still sitzen können, sich leicht ablenken lassen, schnell frustriert sind oder ununterbrochen reden und rumzappeln, wird heutzutage häufig die Diagnose ADHS gestellt. Eindeutige biologische Ursachen sind bisher nicht bekannt, vielfach wurde kritisiert, dass hinter der Diagnose eigentlich Erziehungsprobleme stehen - und dennoch wird nach den Genen gesucht.