Genetische Risiken in der Ratgeberliteratur

Gesundheitsratgeber predigen Vorsorge und Überwachung

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Ratgebern publiziert worden, die die Veralltäglichung genetischen Wissens dokumentieren. Sie verbinden die Darstellung von Orientierungswissen mit der Ausarbeitung praktischer Verhaltenslehren und verkoppeln Formen der Selbstführung mit Techniken zur Führung anderer.

In medizinischen Ratgebern wird häufig das ideale liberale Subjekt skizziert, das bereit und willens ist, „Verantwortung“ für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Die Gesundheits-„Führer“ sind in der Regel von Naturwissenschaftlern oder Medizinern verfasst, sollen aber anders als medizinische Fachliteratur von Laien gelesen und verstanden werden. Sie bieten Gesundheits-Informationen außerhalb des medizinischen Kompetenzbereichs und dienen zugleich zur Ergänzung und Einbettung ärztlichen Handelns. Die „Führer“ setzen das verantwortliche Subjekt ebenso voraus wie sie an dessen Produktion teilhaben. Sie erfordern Menschen, die finanziell und intellektuell in der Lage sind, Ratgeberliteratur zu kaufen und diese zu lesen, und die zudem bereit sind, medizinisches Wissen als maßgebende Autorität für wichtige Alltagsentscheidungen zu akzeptieren (Ruhl 1999, S. 103; Maasen 2004). Die im Folgenden exemplarisch untersuchten Bücher adressieren ihre Leserinnen und Leser weniger als Patienten denn als „Kunden“, die gezielt genetisches Wissen und medizinisch-technologische Optionen als Serviceleistungen nachfragen.(1)

Der Wille zum Wissen

Aubrey Milunsky, Professor für Humangenetik an der Boston University School of Medicine und seit Beginn der 1980er Jahre Direktor des dortigen Zentrums für Humangenetik hat eine Reihe medizinisch-genetischer Ratgeber verfasst. Sein erstes Ratgeberbuch erschien 1977 unter dem Titel Know Your Genes. Der Band fand so großes Interesse, dass er schließlich in mehrere Sprachen übersetzt wurde.(2) Einige Jahre später überarbeitet Milunsky die Originalfassung und publiziert 1989 Choices, Not Chances. An Essential Guide to Your Heredity and Health. Weitere zwölf Jahre später erscheint 2001 eine ergänzte und aktualisierte Version des Buches, dessen Titel nun lautet: Your Genetic Destiny. Know Your Genes, Secure Your Health, and Save Your Life. Die Publikationsgeschichte dieser Reihe ist ein idealer Indikator für die Verschiebungen von Anforderungsprofilen und Verantwortungskonzepten in den vergangenen Jahrzehnten: Was hat sich in dem Vierteljahrhundert zwischen der ersten Publikation des Ratgebers und der letzten Fassung verändert? Welche Aspekte tauchen neu auf, welche verschwinden während der Publikationsgeschichte der Ratgeber? Know Your Genes beginnt mit einem Paukenschlag: „Sie sind Träger von vier bis acht Erbkrankheiten! Das sind wir übrigens alle!“ (1982, S. 9). Milunsky zeichnet bereits in diesem frühen Buch ein Szenario vielfältiger Bedrohung durch genetische Risiken, das sich in den späteren Ratgebern wiederholen wird. Genetische Risiken seien unsichtbar und betreffen ihm zufolge auch die scheinbar Gesunden, die eine Reihe von Krankheitsdispositionen in sich tragen. In den USA sei jeder zehnte von Erbkrankheiten bedroht, obwohl diese prinzipiell zu verhindern seien: „Die Wissenschaft stellt inzwischen zahlreiche Tests zur Verfügung, mit deren Hilfe die bei der Geburt sichtbar werdenden oder später im Leben ausbrechenden Erbkrankheiten verhindert oder wenigstens mit Erfolg behandelt werden können. [...] Wir alle haben das Recht und sogar die Pflicht, über unsere eigenen Gene Bescheid zu wissen und die möglichen Alternativen abzuwägen, wie wir gesunde Kinder bekommen können“ (1982, S. 9 f.). Milunsky formuliert hier zum ersten Mal das Thema, das er in den weiteren Ausgaben des Ratgebers immer wieder variieren wird: Das genetische Wissen erfordere, dass „alle, die Eltern werden wollen, verantwortungsbewußt handeln“ (1982, S. 13). Der Autor präsentiert das Problem einer genetischen Verantwortung als prekäres Verhältnis von Rechten und Pflichten, von medizinischem Wissen und den moralischen Zwängen, die sich aus diesem Wissen ergeben: „Sie haben ein Recht zu wissen, ob Ihr Risiko, erbgeschädigte Kinder zu bekommen, höher als normal ist [...]. Allerdings schulden Sie es auch sich selbst und Ihren zukünftigen Kindern, daß Sie Ihre Familiengeschichte kennen“ (1982, S. 12). Der „Wille zum Wissen“ wird hier absichtsvoll geweckt und zugleich gelenkt, die angesprochenen Subjekte sollen wissen wollen und dann gesundheitsbewusst die „möglichen Alternativen“ (1982, S. 10) abwägen, die sich aus dem Wissen ergeben – Alternativen, die sich in der Regel auf den Verzicht auf eigene Kinder oder dem Einsatz von Pränataldiagnostik und selektiver Abtreibung beschränken.(3) Das 1989 erschienene Buch Choices, Not Chances führt Milunskys Überlegungen weiter. In den vergangenen zwölf Jahren scheint die Anzahl so genannter schädlicher Gene jedoch enorm zugenommen zu haben. Waren „wir“ 1977 noch Träger von vier bis acht krankheitsverursachenden Genen, so seien es nun zwanzig. Obwohl also die Bedrohung objektiv angestiegen sein soll, wiederholt Milunsky – häufig mit denselben Worten – die Lektion seines vorangegangenen Buches. Der Hinweis auf mögliche genetische Risiken habe nichts Schicksalhaftes oder Unvermeidliches; vielmehr mache der wissenschaftliche und medizinische Fortschritt es möglich, mehr über genetische Ursachen von Krankheiten zu wissen und dieses Wissen praktisch einzusetzen (vgl. 1989, S. xviii). Der Appell mündet in der Aufforderung, den eigenen Stammbaum zu zeichnen (praktische Anleitungen dazu finden sich im Anhang des Buches), in dem alle in der Familie aufgetretenen Fälle von Geburtsfehlern, Erbkrankheiten, Krebsarten und Fehlgeburten einzutragen seien, um sich ein Bild über genetische Ursachen von Krankheiten zu verschaffen und das Risiko eines erneuten Auftretens bestimmen zu können.(4) Für Milunsky sind alle diese Leiden überflüssig. Verantwortlich seien nicht die Launen der Natur, sondern die Ignoranz der Eltern, die bestehende genetische Testmöglichkeiten ungenutzt ließen. Wie in dem vorangegangenen Buch versteht sich der Autor auch hier als Aufklärer, der gegen das faktische Unwissen und die moralischen Widerstände der Gesellschaft anschreibt.

Reproduktion als genetische Verantwortung

Wie das Vorgängerbuch bezieht auch Choices, Not Chances die Forderung nach einer genetischen Verantwortung auf die Frage der Reproduktion. Die Leserinnen und Leser werden immer wieder als Mutter oder Vater beziehungsweise als potentielle Eltern angesprochen. Im Buch von 1989 taucht jedoch ein neuer Aspekt dieser Verantwortung auf, der sich auf die Verpflichtung zur Weitergabe genetischer Informationen bezieht: „Eltern müssen begreifen, dass sie für die Mitteilung verantwortlich sind. Ebenso wichtig ist, dass Paare mit einem behinderten Kind ihre Geschwister, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins informieren, wenn diese in einem Alter sind, in dem sie noch Kinder bekommen können. […] Vermeidbare Geburten von geistig schwer zurückgebliebenen Kindern bei nahen Verwandten sind nicht akzeptabel und unverantwortlich, wenn es versäumt wurde, die Betroffenen über einen Chromosomendefekt zu informieren. Familien, die teilen und mitteilen, sorgen füreinander.“ (S. 11; Hervorheb. im Orig.; Übers. TL). Die Bereitschaft, genetische Informationen im Kontext von Reproduktionsentscheidungen an Verwandte weiterzugeben, wird hier also als eine Art Qualitätsmerkmal für eine „intakte“ Familie, als Test für verantwortliches Denken und gegenseitige Fürsorge, als Ausweis moralischer Qualität begriffen. Your Genetic Destiny von 2001 unterscheidet sich von den früheren Büchern in zweierlei Hinsicht. Erstens verlagert sich der Schwerpunkt der Argumentation von der Kontrolle genetischer Risiken für Nachgeborene hin zu ihrer medizinischen Relevanz für die eigene Gesundheit. Zwar wird immer noch die Frage der Weitergabe „kranker“ Gene ausführlich behandelt und der moralische Imperativ zur Kommunikation genetischer Risikoinformation an Verwandte erneuert (vgl. etwa 2001, S. 7), aber daneben zeichnet sich ein neuer Akzent ab, der die Bedeutung der Gene für die eigene Gesundheit herausstellt und eine „genetische Verantwortung“ auch gegenüber sich selbst artikuliert. Anders als in den vorangegangenen Büchern beschäftigt sich der Hauptteil von Your Genetic Destiny außerdem nicht mehr mit der Gefahr relativ seltener Erbkrankheiten. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Bedeutung „schädlicher“ Gene für eine Reihe von weit verbreiteten Krankheiten: Fettleibigkeit, Krebs, Schizophrenie, Depression, Alzheimer, Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Milunsky erörtert die genetischen Faktoren, die zur Entstehung oder dem Verlauf dieser Krankheiten beitragen sollen und stellt genetische Tests vor, sofern diese bereits verfügbar sind. Mit dem zunehmenden Testmöglichkeiten und dem steigenden Wissen um genetische Komponenten, so schreibt er, wachsen auch die Anforderungen an die Einzelnen und deren Verantwortung für das eigene Wohlergehen und die Gesundheit der Familie. Im Vergleich zu seinen früheren Büchern spricht Milunsky jetzt weniger von Rechten, sondern appelliert unmittelbar an das individuelle Interesse des Einzelnen an seiner eigenen Gesundheit. Das Recht auf Gesundheit weicht einer Pflicht zur umfassenden Information über genetische Risiken: „Machen Sie sich mit ihrer Familiengeschichte vertraut, seien Sie ihrer ethnischen Herkunft bewusst, finden Sie ihre genetischen Empfänglichkeiten heraus, wählen sie die notwendigen Gentests aus, ergreifen Sie präventive Maßnahmen, legen Sie ein angemessenes Überwachungsregime fest und nutzen Sie vorsorgende Behandlungsformen, sofern diese verfügbar sind. Auf diese Weise können Sie ihr genetisches Schicksal kontrollieren, ihre Gesundheit sichern und – auf mehr Weisen als Sie jetzt verstehen mögen – ihr Leben retten.“ (2001, S. xv; Übers. TL). Misst man das Buch an seinem Versprechen, lebenssichernde, beziehungsweise lebensrettende Gesundheitsinformationen bereit zu stellen, fällt das Ergebnis eher enttäuschend aus. Dies liegt erstens daran, dass für viele Krankheiten, bei denen von einer starken genetischen Komponente für die Krankheitsentstehung ausgegangen wird, bislang keine therapeutischen Optionen bereitstehen. Zweitens ist die Rolle der Gene bei Krankheiten wie Krebs oder Depression eher gering zu veranschlagen. Und drittens kommen die Ratschläge in Your Genetic Destiny über triviale Alltagsweisheiten selten hinaus. Ein Beispiel dafür sind die Ausführungen zu „Krankheiten“, die durch eine einzige Genveränderung hervorgerufen und durch Umweltfaktoren entscheidend moduliert werden. Die medizinischen Vorschläge beschränken sich meist auf den Hinweis, man solle die schädigenden Substanzen meiden. Ein genetisches Wissen ist dafür wohl kaum erforderlich (2001, S. 135).

„Fit wie ein Affe“

Mit der skizzierten Verschiebung von Verantwortungsbereichen und moralischen Anforderungen korrespondiert eine Ausweitung von Interventionsangeboten. Der Einsatz genetischen Wissens und gendiagnostischer Verfahren löst sich von einem mehr oder weniger konkretisierten Krankheitsverdacht und wird zunehmend für die Untersuchung allgemeiner gesundheitlicher Dispositionen und individueller Lebensstilrisiken herangezogen. Trendsetter in dieser Hinsicht war die Kosmetikkette Body Shop, die vom Dezember 2001 bis März 2003 in einer Reihe ihrer Filialen eine Erbgut-Analyse anbot, die von der britischen Firma Sciona entwickelt wurde. Die Marketingidee („Du kannst mit Deinen Genen zusammenarbeiten“) illustriert einen allgemeinen Entwicklungstrend, demzufolge die individuelle genetische Konstitution auch in Ernährungs- und Wellnessratgebern eine immer größere Rolle spielt. So bietet etwa der Konstanzer „Männerarzt“ und Autor Rolf-Dieter Hesch in seiner Praxis gleich mehrere genetische Diagnosen als integralen Bestandteil eines anti-aging-Programms an, das „mann-agement“ beziehungsweise „hommage“ heißt und ratsuchenden Männern verspricht, gesund alt zu werden. Auf seiner Homepage (www.hommage.de) und in einem Gesundheitsratgeber mit dem Titel Absolut Mann, den Hesch zusammen mit einem Ko-Autor verfasst hat, stellt er sein „Balance-Seminar für den modernen Mann“ vor, in dessen Zentrum die Optimierung der Lebensqualität und die Minimierung von Gesundheitsrisiken steht (Hesch/Bosch 2001). Angesichts der mangelnden wissenschaftlichen Grundlagen der hier angebotenen Gentests erscheint die von den Autoren präsentierte Vermutung zu den Ursachen des Alterns gewagt: „Der Löwenanteil der Ursachen des menschlichen Alterns besteht also […] nicht in der Erbmasse als solcher, sondern in den Schäden am Erbgut. Altern erfolgt demnach durch Mutationen“ (Hesch/Bosch 2001, S. 30; S. 24 f.). In dieser Perspektive ist Altern kein natürlicher Prozess, sondern ein genetischer Defekt. Alterungsprozesse sollen das Resultat einer krankhaften genetischen Veränderung sein, der mit verschiedenen Techniken der Selbststeuerung und der Veränderung des Lebensstils begegnet werden könne. Ähnlich wie im Wellness-Bereich wird auch in Ernährungsratgebern immer häufiger auf genetische Erklärungsmodelle zurückgegriffen. Ein Beispiel dafür ist ein Buch, das unter dem Titel Menschennahrung. Über die der menschlichen Genetik angemessene Ernährungsweise vor einigen Jahren erschienen ist. Der Autor, der unter dem Pseudonym Arjuna publiziert, sieht sich „insofern im yogischen Geiste, daß er das Erreichen absoluter Freude als das eigentliche Ziel des menschlichen Lebens sieht“ (Arjuna 2001, S. 272). Er will mit seiner Ernährungslehre an die umfassende Einheit von Körper, Geist und Seele erinnern, was bei ihm dazu führt, eine umfassende Kontrollvision zu entwerfen, die schließlich jede Krankheit auf ein selbstverschuldetes Fehlverhalten zurückführt: „Du bist der einzige, der auf Deine Gesundheit Einfluß hat. Du bist nicht der willenlose Spielball des Zufalls oder des Schicksals! Du bist auch nicht irgendwelchen Krankheitserregern von außen hilflos ausgeliefert. Kein Erreger kann Dich krank machen! Nur deine falsche Lebensweise gibt ihnen den Mut dazu!“ (2001, S. 4). Da bei der Krankheitsentstehung Ernährungsfaktoren eine überragende Bedeutung zukomme, sei die eigene Gesundheit das notwendige Resultat einer Entscheidung für die richtige Ernährung. Diese Perspektive bestimmt auch die Einschätzung genetischer Risiken durch den Autor: „Nehmen wir an, Du hättest eine ererbte Disposition zu einem Herzinfarkt und lebst sehr gesund, z.B. cholesterin- und fettarm, dann wirst Du wahrscheinlich nie etwas von Deiner genetischen Krankheitsneigung bemerken. Doch Du könntest Dir einfach etwas weniger ‚Sünden’ in Deiner Lebensweise erlauben als ein anderer Mensch. Du mußt auf deine Gesundheit einfach etwas mehr achten“ (2001, S. 6 f.). Auch in diesem Fall bleibt also die Möglichkeit einer Kontrolle oder zumindest günstigen Beeinflussung genetischer Faktoren. Allerdings ist die epistemische Grundlage für die Ernährungsvorschläge in diesem Fall eine andere als im Mainstream der Ratgeberliteratur. Während die Mehrzahl der Texte unterschiedliche individuelle Dispositionen und genetische Variabilitäten zwischen Individuen herausstellt,(5) geht Arjuna von einer genetisch homogenen Menschheit aus, die einem relativ starren Anpassungsdruck an evolutionäre Notwendigkeiten ausgesetzt ist. Die genetische Ausstattung habe sich über die Jahrtausende hinweg kaum verändert und daher sei für alle Menschen aus gesundheitlichen Gründen eine Rückkehr zur Rohkost angezeigt. Die Argumentation ist denkbar schlicht: Der Mensch ist danach an die gegenwärtige Esskultur genetisch nicht angepasst, die wiederum für die Mehrzahl aller Krankheiten verantwortlich ist. Da wir unsere genetische Ausstattung mit unseren Vorfahren aus der Steinzeit teilen, diese aber weder das Kochen, noch künstliche Geschmackstoffe oder Genussmittel wie Zigaretten oder Alkohol kannten, sei auf diese Substanzen zu verzichten und Rohes zu verspeisen. Arjuna führt aus, welche Stoffe der Mensch in welcher Form zu sich nehmen sollte, wie die Selbstheilungskräfte des Körpers angeregt und das Immunsystem gestärkt werden. Das Programm könnte zusammenfassend lauten: „Zurück zur Natur!“ oder wie der Autor selbst formuliert: „Fit wie ein Affe“. „Affen leben gesund, da sie ihren Genen entsprechend leben und sich ernähren. Das sieht man ihnen auch an. In freier Wildbahn sind Affen nahezu frei von allen Krankheiten und obendrein noch enorm fit: Ein Bonobo von etwa 40 kg Körpergewicht hat in etwa die Kraft eines 90 kg schweren austrainierten Menschen“ (2001, S. 29). Jenseits der Wellness- und Ernährungs-Führer gibt es auch Lebenshilferatgeber, die über den gesundheitsbezogenen Fokus hinausgehen und Informationen über die Bedeutung genetischer Faktoren für alle möglichen Lebensentscheidungen und Alltagsfragen anbieten. Diese rekurrieren weniger auf medizinisch-genetisches Wissen als auf verhaltensgenetische Konzepte. In diese Gattung fällt etwa das Buch Unsere Gene. Eine Gebrauchsanleitung für ein besseres Leben vom Terry Burnham und Jay Phelan (2002). Seine – wenig originelle – Ausgangsthese lautet, dass jene ererbten Instinkte, die unseren Vorfahren in der Steinzeit noch das Überleben sicherten, an die moderne Welt nicht richtig angepasst seien und zu vielfachen Problemen führten. In dem Ratgeber, der die Thesen der Evolutionsbiologen Edward Osborne Wilson und Steven Pinker popularisiert, findet sich die evolutionsbiologische Überzeugung, dass wir im Hinblick auf unsere genetische Ausstattung „noch immer Höhlenbewohner“ (2002, S. 306) seien. Anders als in dem Buch von Arjuna wird hier jedoch den inneren Widerständen gegen eine rationale Einrichtung der Lebensführung wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Die Ursache für eine Vielzahl persönlicher Schwächen und Alltagsprobleme von Untreue über Faulheit bis hin zu Habgier und Drogensucht liege in genetisch fixierten Verhaltensdispositionen. Der vermeintlich freie Wille ist den Autoren zufolge immer schon durch genetische Faktoren überdeterminiert, das Ich nicht Herr im eigenen Hause: „Selbst in Bereichen, wo wir das Gefühl haben, nach freiem Willen zu handeln, werden unsere persönlichen Dramen auf der genetischen Bühne ausgetragen“ (2002, S. 9).(6) Damit reden die Autoren jedoch nicht einem genetischen Determinismus das Wort; im Gegenteil verstehen sie ihr Buch als eine Handreichung zur Selbstdisziplinierung und als Mittel des Widerstands gegen die genetische Programmierung. Die Gene seien nicht nur die Ursache der Verhaltensschwächen und der inneren Kämpfe, sondern auch der „Schlüssel“ (2002, S. 309) zu ihrer Überwindung: „Denn neben allen Vorlieben und Leidenschaften haben wir mit unseren Genen auch die Anlage zur Erzeugung von Willenskraft mitbekommen und damit die Fähigkeit, unsere Verhaltensweisen bewusst zu beherrschen. Mit dieser einzigartigen menschlichen Fähigkeit sind wir imstande, uns über unsere Triebhaftigkeit zu erheben. Wie das geht, verrät dieses Handbuch“ (2002, S. 13). Die Autoren entwerfen ein agonistisches Selbstverhältnis, in dem das „Ich“ über „seine Gene“ wacht, und die aus ihnen resultierenden archaischen natürlichen Begierden beherrscht, eindämmt oder zurückweist. Die moralische und soziale Kompetenz der Einzelnen manifestiert sich darin, ob und wie erfolgreich sie dieser Aufgabe gewachsen sind, und in gewisser Weise zeigt sich das „Ich“ erst in diesem Akt der Kontrolle und Zähmung der Gene. Die rationale Lebensführung der Subjekte ist permanent bedroht und gefährdet, in die überkommenen Verhaltensmuster der Vergangenheit zurückzufallen. Nur Individuen, die sich durch einen qualifizierten Umgang mit dem genetischen Erbe auszeichnen, weisen sich als Subjekte aus, alle anderen – so könnte man die Argumentation der Autoren weiterführen –verharren auf der Stufe von Steinzeitmenschen, an denen die menschliche und soziale Evolution scheinbar spurlos vorbei gegangen ist. Der Umgang mit den Genen ist eine Art Lackmus-Test, an dem sich moralische Autonomie und Selbstbeherrschung der Subjekte zeigen. In dieser Konzeption sind Gene also das Problem und die Lösung. In dem Verständnis der natürlichen genetischen Anlagen, in der Information über die inneren Widerstände gegen eine rationale Einrichtung der Lebensführung, und in der aktiven Auseinandersetzung mit ihnen nimmt das autonome liberale Subjekt Form und Gestalt an. Freiheit ist also nicht das Gegenbild zur Natur; vielmehr zeigt sich das autonome Subjekt erst im Kampf mit der inneren Natur, mit Begierden und Beharrungsvermögen. Wie die Metapher der Autoren von der „genetischen Bühne“ andeutet: Zwar sind die Gene der Boden, auf dem das Stück gespielt wird, um welches Stück es sich dabei handelt – ob Komödie oder Tragödie –, bleibt jedoch den Einzelnen überlassen.

Vom Imperativ der Vorsorge zum Postulat der Sorglosigkeit

Die beschriebenen Ratgeber arbeiten mit der suggestiven Annahme, dass ein in ihrem Sinne „verantwortliches“ Handeln einen gesunden Körper (der eigene oder der des Kindes), aber auch höhere körperliche Leistungsfähigkeit, größeres Sozialprestige oder eine gesteigerte Lebensqualität produziert. Allerdings setzt dieses Versprechen eine systematische Angstproduktion, eine ruhelose Besorgnis um den eigenen Körper, dessen Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Diese Kopplung von Kontrollphantasma und Gesundheits(vor-)sorge muss nicht unwidersprochen bleiben. Bereits vor einhundert Jahren hat der britische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton in seinem Buch Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter auf ein „Paradox der Prävention“ hingewiesen, das heute vielleicht aktueller ist als je zuvor. „Ich weiß nicht, ob die wissenschaftlichen Kuppler recht haben [...],“ schrieb er, „wenn sie erklären, eine medizinische Überwachung werde zu starken und gesunden Menschen führen. Ich bin mir nur gewiß, daß, falls es stimmt, die erste Handlung der starken und gesunden Menschen darin bestünde, die medizinische Überwachung zu zerschlagen. Der Fehler bei all diesem medizinischen Gerede liegt eben darin, daß es die Idee der Gesundheit mit der Idee des Sorgens verknüpft. Was hat Gesundheit mit Sorge zu schaffen? Gesundheit hat etwas mit Sorglosigkeit zu tun! In besonderen und außergewöhnlichen Fällen ist es nötig, sorgsam zu sein. Wenn es um unsere Gesundheit besonders schlecht steht, mag es erforderlich sein, Sorge walten zu lassen, um wieder gesund zu werden. Aber auch da streben wir nach Gesundheit nur, um sorglos sein zu können. Als Ärzte sprechen wir zu ausgesprochen kranken Menschen, und denen müssen wir Sorgsamkeit ans Herz legen. Als Soziologen sprechen wir den normalen Menschen, die Menschheit, an, und der Rat an die Menschheit kann nur lauten, die verkörperte Sorglosigkeit zu sein“ (Chesterton 1998, S. 73 f.). Dieser „Rat an die Menschheit“ wäre freilich das Ende einer Ratgeberliteratur, die Ängste um die Gesundheit kultiviert und „Beratungsresistenz“ als Mangelzustand und eine Form der Irrationalität begreift.(7)

  1. Bereits im Titel formuliert ist diese „Kundenorientierung“ in dem Buch Does It Run in the Family? A Consumer’s Guide to DNA Testing for Genetic Disorders (Teichler Zallen 1997). Immerhin räumt die Autorin in einer Vorbemerkung ein, dass der Konsumentenbegriff in diesem Kontext eigentlich „unangemessen“ sei. Nach ihrer Einschätzung stehe jedoch kein besserer Ausdruck zur Verfügung (Teichler Zallen 1997, xiii).
  2. Das Buch wurde 1979 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Unsere biologische Mitgift. Was man über Erbanlagen wissen muß publiziert. Allerdings wird der Autorenname in dieser Fassung irrtümlich mit Milunski angegeben. Im Folgenden wird aus der deutschen Ausgabe von 1982 zitiert.
  3. Dies zeigt deutlich das unter der Überschrift „Alternativen“ geschilderte „Anschauungsbeispiel“ (S. 15).
  4. Jenseits der Ratgeberliteratur hat dieser Vorschlag auch Eingang in aktuelle gesundheitspolitische Programme gefunden. Alan Petersen beschreibt eine Broschüre mit dem Titel „Check your family health tree“, die das Health Department of Western Australia 1995 herausgab: “[I]ndividuals are instructed on how to draw a ‚family health tree’ which ‚may help you become aware of conditions that run in your family’ and are told that ‚the information can then be taken to your doctor or a genetic counsellor and may be useful in prevention, early diagnosis and treatment of treatment of the condition.’“ (Petersen 1998, S. 66)
  5. Ein Beispiel für diesen Trend ist etwa Genetic Nutritioneering. How You Can Modify Inherited Traits and Live a Longer, Healthier Life von Jeffrey S. Bland und Sara H. Benum.” (1999, S. xi; vgl. DeBusk 2003; vgl. dazu auch Lemke 2002, S. 412-416);
  6. José van Djick macht für ihre kulturwissenschaftlichen Analyse des Gendiskurses die Metapher von der Genetik als Theater fruchtbar (1998)
  7. Eine Langfassung des Textes ist unter dem Titel »›Du und deine Gene‹ – Subjektivierungsprogramme und Verantwortungskonzepte in Gesundheitsratgebern« in der Zeitschrift Pflege und Gesellschaft (11. Jg., Nr. 4, 2006, S. 293-306) erschienen.

Literatur

Arjuna 2001: Menschennahrung. Über die der menschlichen Genetik angemessene Ernährungsweise. Erlangen: Libri Books on Demand. Bland, Jeffrey S./Benum, Sara H. 1999: Genetic Nutritioneering. How You : Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter. Frankfurt am Main: Eichborn. DeBusk, Ruth M. 2003: Genetics: The Nutrition Connection. Chicago, IL.: American Dietetic Association. Dijck, José van 1998: Imagenation. Popular Images of Genetics. New York: New York University Press; 1998. Hesch, Rolf-Dieter/Bosch, Gerald 2001: Absolut Mann. München: Midena Verlag. Lemke, Thomas 2002: »Mutationen des Gendiskurses: Der genetische Determinismus nach dem Humangenomprojekt”, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 30. Jg., Heft 3, 2002, S. 400-425. Maasen, Sabine 2004: »Die Hypostasierung der Wahl in Ratgeberbüchern«, in: Friedrich Balke, Gregor Schwering und Urs Stäheli (Hg.), Paradoxien der Entscheidung. Wahl/Selektion in Kunst, Literatur, Medien, Bielefeld: transcript, S. 211-241. Milunsky, Aubrey 1977: Know Your Genes. Boston: Houghton Mifflin Company. Milunsky, Aubrey 1982: Unsere biologische Mitgift. Was man über Erbanlagen wissen muß. Frankfurt am Main/Berlin/Wien: Ullstein. Milunsky, Aubrey 1989: Choices, Not Chances. An Essential Guide to Your Heredity and Health. Boston u.a.: Little, Brown and Company. Milunsky, Aubrey 2001: Your genetic destiny. Know your genes, secure your health, save your life. Cambridge, MA: Perseus Publishing. Petersen, Alan 1998: »The new genetics and the politics of public health«, in: Critical Public Health, Vol. 8, No. 1, S. 59-71. Rimke, Heidi Marie 2000: »Govering Citizens through Self-Help Literature«, in: Cultural Studies, Vol. 14, S. 61-78. Ruhl, Lealle 1999: »Liberal governance and prenatal care: risk and regulation in pregnancy«, in: Economy & Society, Vol. 28, No. 1, S. 95-117. Teichler Zallen, Doris 1997: Does it run in your family? A Consumer's Guide to DNA testing for genetic disorders. New Brunswick, NJ/London: Rutgers University Press.

Thomas Lemke ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
181
vom April 2007
Seite 39 - 44