Hinter dem schönen Schein

Kinderwunschmesse, Positionspapiere, Bioethik-Foren - die Diskussion um eine mögliche Liberalisierung bisher in Deutschland verbotener Reproduktionstechniken hat in diesem Jahr an Fahrt aufgenommen.

Die politischen und gesellschaftlichen Akteure bringen sich für die nächste Legislaturperiode  in Position. Höchste Zeit auch für das GeN, eine Bestandsaufnahme des Feldes vorzunehmen und geeignete Gegenargumente zu entwickeln. Dabei geht es uns nicht in erster Linie um den Erhalt des Status Quo, sondern darum, eine  kohärente Position gegen die Liberalisierung  und ihre falschen Versprechen zu finden. Das kann nur in einem Reflexions- und Diskussionsprozess gelingen, in dem die verschiedenen feministischen Argumente  auf ihre Gültigkeit überprüft  werden. Die Schwerpunktartikel werfen daher aus unterschiedlichen Perspektiven Schlaglichter auf die Debatte - auf der Suche nach einem Standpunkt und in der Hoffnung auf weitere Beteiligung. Zwar diskutieren FeministInnen schon seit den 1980er Jahren kritisch über Reproduktionstechniken, eine Aktualisierung der Kritik steht aber weitgehend aus. Auch dieser Schwerpunkt kann nur ein Anfang sein und weder alle wichtigen Perspektiven einbeziehen noch alle Liberalisierungs-Argumente widerlegen.

Einig sind sich unsere Autorinnen darin: Die Erfüllung der eigenen (reproduktiven) Wünsche auf Kosten anderer kann keine politische Forderung sein - weder im nationalen noch im internationalen Rahmen. Sie stellen aber sehr unterschiedliche Fragen und nehmen verschiedene Perspektiven ein. Diese machen sich auch an der Begriffsverwendung bemerkbar: Leihmutterschaft, „Leihmutterschaft“, Leihgebären; Eizellspende, Eizell„spende“, Eizellabgabe, Eizellverkauf - wir haben es unseren Autorinnen überlassen, wie sie die Techniken bezeichnen, da wir eine Diskussion darüber fruchtbar und wichtig finden.

Ein Glossar erklärt die Funktionsweise der Reproduktionstechniken und wie sie derzeit in Deutschland geregelt sind - von „Bechermethode“ bis „Leihmutterschaft“. Ist Eizellenabgabe und Leihgebären Arbeit? Das steht für Susanne Schultz außer Frage. Wie dieses Arbeitsverhältnis jedoch zu verstehen ist und was Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Sexarbeit sind, dazu hat sie einige Thesen aufgestellt. Eine längere Version dieses Papiers findet sich auf der Webseite des Gen-ethischen Netzwerks. Ganz sicher sind wir uns darüber, dass wir nicht alle Argumente gegen die Techniken richtig und produktiv finden. Grund genug, einen Blick auf die neue Verfilmung des Romans Report der Magd zu werfen. Viele FeministInnen beziehen sich in ihren Protesten positiv auf die Story und Ikonographie der Serie The Handmaid's Tale - Rebecca Wilbertz ist aber nicht überzeugt davon, dass die Geschichte etwas zu den heutigen Debatten beitragen kann. Die komplexen Ungleichheitsverhältnisse, die es zwischen „Leihmüttern“ und Bestelleltern vor allem im Globalen Süden gibt, beleuchtet Christa Wichterich - Leihmutterschaft als imperiale Lebensweise. Vier Rezensionen stellen anschließend aktuelle Publikationen zum Thema vor. Viel Diskussionsstoff bieten die Techniken auch für die queere Community und für Menschen mit Behinderung. Kritische Perspektiven fehlen jedoch. Kirsten Achtelik hat einige Diskussionsstränge zusammengefasst und eingeordnet. In anderen europäischen Ländern ist man da schon „weiter“. Das in reproduktionsmedizinischen Fragen liberale Spanien diskutiert seit Monaten über die Freigabe der „Leihmutterschaft“. Einen kurzen Einblick in die Debatte gibt die Übersetzung von nicht ganz ernst gemeinten schwul-emanzipatorisch-linken „10 Geboten“. Last but not least denkt Ulrike Baureithel über das Prinzip der Spende nach und darüber, ob der vielbeschworene Altruismus überhaupt möglich ist (Spoiler: eher nicht!).

Die Bilder der Titelseite und des Schwerpunktes zeigen die schöne Welt der reproduktionsmedizinischen Hochglanzprospekte und Werbebroschüren: glückliche  Menschen, Garantien und Wunscherfüllung. Wir haben für diesen Schwerpunkt hinter die Fassaden geschaut.

In letzter Minute erreichte uns die Meldung, dass Anfang August in Portugal die „Leihmutterschaft“ von einer linken Regierung legalisiert wurde. Dies soll für Wunschmütter unter 50 Jahren gelten, die unfruchtbar sind, keinen Uterus haben oder deren Leben im Falle einer Schwangerschaft gefährdet wäre. Aus der schwulen Community gibt es Stimmen, die sich von diesem Gesetz diskriminiert fühlen.

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
242
vom August 2017
Seite 6