GVO im Raps

Europaweite Verunreinigung zieht Kreise

Nach und nach werden Details einer Verunreinigung von Raps-Züchtungsmaterial mit der gentechnisch veränderten Linie OXY-235 bekannt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit reagiert nur zögerlich.

Auf das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ist Verlass: MitarbeiterInnen des Amtes hatten dem Autor eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz 1 beantwortet, in der es um eine unabsichtliche Freisetzung von gentechnisch veränderten (gv) Rapspflanzen ging.2 Eine Vorab-Antwort erreichte uns per eMail am 3. Dezember. Interessant wurde es am folgenden Tag: Am 4. Dezember veröffentlichte das BVL den Sachverhalt als BVL Newsletter Gentechnik und auf seiner Website.3 Das Amt selbst hatte - so stand es in besagter Antwort auf die Anfrage - „am 27. Oktober von der gentechnikrechtlich zuständigen Behörde Großbritanniens Informationen über den Nachweis von gv Winterraps in konventionellem Raps“ erfahren. Mehr als einen Monat hat das BVL nicht an die Veröffentlichung der Kontamination gedacht, und dann geht es plötzlich ganz schnell ... ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Mittlerweile stellt sich der Sachverhalt wie folgt dar: Verunreinigtes Saatgut ist in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Rumänien, Ungarn und der Tschechischen Republik ausgesät worden. Betroffen sind ausschließlich Versuchsstandorte, hierzulande 48 Parzellen auf zehn Standorten in acht Bundesländern.4 Soweit bisher bekannt, haben die Verwaltungen in den Bundesländern entsprechende Aufforderungen erlassen, dass die Pflanzen zu zerstören seien - sei es durch Ausreißen, sei es durch Spritzen mit Unkrautvernichtungsmitteln.5

Das französische Saatzuchtunternehmen R.A.G.T. 2n hatte bei eigenen Kontrollen eine Kontamination des Züchtungsmaterials entdeckt. Nach dem aktuellen Stand der Dinge ist die Kontamination der Rapslinie auf die Nutzung einer Fläche für die Sortenentwicklung zurückzuführen, auf der Mitte der 1990er Jahre Freisetzungsversuche mit dem gentechnisch veränderten Raps durchgeführt worden waren. Wie die Kontamination der aktuellen Linie mit dem gv-Raps im Detail verlaufen ist, ist jedoch bisher nicht bekannt.

Sehr wohl bekannt ist allerdings die besondere Empfindlichkeit von Raps für Kontaminationen. Dafür gibt es nicht zuletzt auch biologische Gründe. So können Rapssamen zum Beispiel bis zu fünfzehn Jahre im Boden überdauern, ohne dass sie ihre Keimfähigkeit verlieren.6 Auch verbleibt bei der Ernte der Pflanze eine große Menge an Samen auf dem Feld, einfach weil die Samen aus den Schoten fallen. Nicht zuletzt aus diesen Gründen hatte zum Beispiel die IG Saatgut im November 2012 festgestellt, dass die „Nutzungsgeschichte von Flächen“ für die „Beurteilung von Kontaminationsrisiken“ relevant sei.7

Mindestens an dieser Stelle, das wird schon jetzt deutlich, muss die Situation für Landwirtinnen und Landwirte wie auch für ZüchterInnen, die gentechnikfrei produzieren wollen, verbessert werden. Alle früheren Standorte von Freisetzungsversuchen mit gentechnisch verändertem Raps müssen sobald als möglich in einer leicht handhabbaren Datenbank über das Internet verfügbar sein.

  • 1. Umweltinformationsgesetz, im Netz unter www.gesetze-im-internet.de/uig_2005/index.html.
  • 2. Siehe dazu „Europaweite Verunreinigung von Rapssaatgut“ im GID 233 (Dezember 2015), im Netz unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/3180.
  • 3. www.bvl.bund.de oder www.kurzlink.de/gid234_zn.
  • 4. Die betroffenen Flächen liegen in folgenden Bundesländern: Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Schreiben des BVL vom 02.12.15 an das GeN.
  • 5. Die Interessengemeinschaft gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut), die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und das Gen-ethische Netzwerk (GeN) haben nach Bekanntwerden der Tragweite der Kontamination in Deutschland eine Abfrage an die zuständigen Stellen in den betroffen Bundesländern gestartet. Es liegen noch nicht alle Antworten vor. Eine Auswertung folgt.
  • 6. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft: Praxishandbuch „Bio-Produkte ohne Gentechnik“ E1, S. 14. Im Netz unter www.boelw.de/bioxgen.html.
  • 7. „Saatgut sichern - Schwellenwerte verhindern“. Bericht der Interessengemeinschaft gentechnikfreie Saatgutarbeit. Hannover, 2012. Im Netz unter www.gentechnikfreie-saat.de.

Christof Potthof ist Mitarbeiter im Gen-ethischen Netzwerk und Redakteur des GID.

zur Artikelübersicht
GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
234
vom Februar 2016
Seite 31