Keine Fragen, klare Botschaften

„BioLAGO“, die Universität Konstanz und der Praena-Test

„BioLAGO“ - wäre das nicht ein klangvoller Name für ökologisch erzeugtes Bodenseeobst? Zu spät, das Label ist bereits vergeben an ein „länderübergreifendes Netzwerk von Unternehmen sowie Forschungsinstitutionen in den modernen Biowissenschaften (Life Sciences) rund um den Bodensee“. Zu den achtzig Mitgliedern und Förderern gehört die Universität Konstanz, Gastgeberin einer Zusammenkunft des Netzwerkes am 25. Juli unter dem Motto „Uni meets Pharma”. Eingeladen war auch die Firma LifeCodexx, die den Praena-Test vermarktet. Ein Bericht.
Die Mitgliedsfirma Pantec Biosolutions aus Liechtenstein glaubt nicht an ein junges Publikum. Ihre Broschüren zur Faltenreduzierung liegen vor dem Eingang zum Raum 704 aus, der sich zusehends füllt - auch mit jungen Gesichtern. Kein Wunder, denn es stehen brisante Themen auf dem Programm: Neben allgemeineren Überschriften wie „Systembiologie und individualisierte Medizin“ oder „Biotechnologie im Gesundheitswesen“ zieht in diesen Tagen, in denen die mediale Öffentlichkeit ein Augenmerk auf den Praena-Test und seine bevorstehende Markteinführung geworfen hat, sicherlich insbesondere ein Vortrag Aufmerksamkeit auf sich: „Nicht-invasive Diagnostik der Trisomie 21 aus mütterlichem Blut“. Der erste Redner, Jens Selige, stellt die größte Forschungsinitiative in der Geschichte der Schweiz vor: SystemsX.ch, eine Schweizer Initiative zur Systembiologie. 1.000 Forschende, 200 Forschungsgruppen, 11 Universitäten und Forschungsinstitute, 200 Millionen Franken. Das Ziel: Leben verstehen, Weltklasse-Niveau erreichen, Privatwirtschaft einbinden. Fertig. Der Moderator fragt nicht nach Fragen. Gut, vielleicht findet man es hier unhöflich, einem eigens angereisten Vertreter des Nachbarlandes eine Debatte über dessen größte Forschungsinitiative aufzudrängen. Und wahrscheinlich sind die griffigen Formeln auch als Warm-up gedacht. Auch der nächste Redner, Ernst Hafen, Molekularbiologe an der ETH Zürich und deren Ex-Präsident, hält klare Botschaften parat: Seiner Meinung nach soll jedes Individuum Akteur der Forschung werden. Es brauche einen neuen Sozialvertrag: Ich bin dem Mitmenschen meine Daten schuldig - krank oder gesund, per Arzt oder Smartphone-App, alles ist datenwürdig im Namen der „Gesamtgesundheit“. Jetzt gibt´s aber Fragen, oder? Klar, für die Verkäufer von Diagnostika und Pharmazeutika wäre die Sache mehr als einträglich, doch sind die Versprechungen der „individualisierten Medizin“ nicht mehr als fraglich, und ist die Frage des Umgangs mit der Datenflut nicht mehr als dringlich? Aber nein, wieder keine Fragen, nächster Beitrag. Hier wird nicht diskutiert, hier wird präsentiert.

Die Präsentation des „Praena-Test"...

Gerade für Wera Hofmann, medizinische Direktorin der Konstanzer Firma LifeCodexx, muss es ziemlich entspannend sein, dass sie heute keine Fragen aus dem Saal zu erwarten hat - es ist Ende Juli, und noch kann das zuständige Freiburger Regierungspräsidium sich gegen die Markt­einführung des Tests aussprechen. Hofmanns Thema: Erfolg einer Firma durch unkomplizierte öffentliche Förderung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesministerium für Wirtschaft haben LifeCodexx in einer wichtigen Phase der Produktentwicklung entscheidende finanzielle Unterstützung gewährt und nun gibt es den Praena-Test, der bereits ab der zehnten Schwangerschaftswoche mittels einer simplen Probe des mütterlichen Blutes eine Trisomie 21 beim Ungeborenen diagnostizieren kann. Gleich zu Beginn ihrer Präsentation verteidigt Wera Hofmann den Praena-Test gegen kritische Berichterstattungen. Ein Dammbruch der Pränataldiagnostik werde an die Wand gemalt, wo doch mithilfe des Praena-Tests Leben gerettet werde, nämlich das Leben der etwa 700 Ungeborenen, die jährlich infolge einer invasiven Fruchtwasseruntersuchung sterben. 700 Rettungen! Da müsste man doch fragen, ob LifeCodexx nicht nur öffentliche Förderung, sondern gleich das Bundesverdienstkreuz gebührt. Moment, die Fruchtwasseruntersuchung wird ja gar nicht überflüssig, nach einem positiven Befund muss sie ja trotzdem gemacht werden. Wenn nun aber die Testschwelle sinkt, weil der winzige Piks, mit dem der schwangeren Mutter Blut abgezapft wird, den Fetus nicht direkt gefährdet, wird es doch auch mehr Trisomie 21-Diagnosen geben - also auch mehr Fruchtwasseruntersuchungen. Führt dieser Test also unterm Strich dazu, mehr Schwangerschaften zu gefährden als bisher? Und wenn sich nun an der bisherigen 9:1 Entscheidung gegen den positiv getesteten Fötus nichts ändert... hat das alles eigentlich schon mal jemand gegengerechnet in diesen Ministerien? Jetzt sagt Frau Hofmann, der Praena-Test werde nur in strengen Grenzen, nach ärztlicher Empfehlung, für Risikoschwangere eingesetzt. Was heißt hier „nur"? Schon heute macht der Anteil der Risikoschwangerschaften über 70 Prozent aus und ist laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eher der Normalfall. 70 Prozent, das sind bei 700.000 Geburten im Jahr etwa 490.000 Schwangere - was für ein Markt, wenn die alle den Praena-Test für 1.249,50 Euro kaufen! 612.255.000 Euro, das ist eine beeindruckende Zahl, selbst wenn wir sie halbieren oder dritteln, vierteln, fünfteln... Und bald wird es mehr Tests geben. Wera Hofmann wirft einen Blick nach vorn: Bluttests auf Trisomie 13 und 18 sind in Arbeit, und vieles mehr sei möglich, man werde „sicherlich weiter gehen“. Applaus.

... der akademische Fokus...

Es gab Zeiten, nicht unvordenklich lange her, in denen es unvorstellbar gewesen wäre, dass sich angesichts gesellschaftlich hochbrisanter Themen ein universitärer Hörsaal derart dem gewünschten Stillschweigen ergeben hätte. Ohne auch nur den Hauch einer intellektuellen Unruhe geht es in die Kaffeepause, und auch die hat auf dem Programmzettel einen Namen, damit hier keiner auf falsche Gedanken kommt: „Networking“. Nach der Kontaktbörse mit Kaffee und Kuchen ergreift der Rektor der Universität Konstanz das Wort. Unberührt davon, dass soeben ein biomedizinisches Verfahren, das nicht nur Behindertenverbände auf die Barrikaden bringt, in seinem Haus ohne Diskussion quasi durchgewunken wurde, widmet Ulrich Rüdiger sich dem Thema „Exzellente Forschung und moderne Technologie made in Konstanz“ - und zeigt hier, dass er durchaus zu Emotionen fähig ist: Diese nervenaufreibende Exzellenzinitiative! Wie sie alle auf die Förderzusagen gehofft und gewartet haben, wie es dann gerade am Tag der Verkündung, an jenem 15. Juni, eine Überlastung des elektronischen Systems gegeben habe und die Spannung ins Unermessliche gestiegen sei, und dann dieser Maximalerfolg! Über 100 Millionen Euro - Freibier sei geflossen! Der Mann ist zweifellos noch immer in Feierlaune. Er strahlt und erntet beifälliges Nicken. So sehen Sieger aus. Leider muss Rüdiger nun schon weiter zur nächsten Veranstaltung, dabei sei er doch selbst eigentlich Naturwissenschaftler, sagt er, und würde lieber mitdiskutieren als Grußworte sprechen. Hat er denn gar nicht mitbekommen, dass auf dieser Veranstaltung nicht diskutiert wird?

...und die Abwesenheit kritischen Geistes

Den Abschluss bildet eine key note: „Biotechnologie im Gesundheitswesen und Medtech: wo könnte die Reise hingehen?" Das Wort hat Hans-Peter Meyer von der Lonza AG, einem der führenden Schweizer Life-Sciences-Unternehmen. Der Schweizer Kollege schlüsselt die lebenswissenschaftliche Problematik erst einmal über die Untiefen der Finanzmärkte auf. Weiter geht´s zur künstlich hergestellten Insektenseide und deren Potenzial, biomedizinisch und ökonomisch. Schnell müsse man sein, damit „der Chinese“ das Geschäft nicht wegschnappe. Aber es gibt auch eine Handvoll schöner Worte: Günther Anders wird aufgerufen, Henry Ford, Willy Brandt - eine beeindruckende, wenn auch ungewöhnlich disparate Reihe von Statthaltern des feinen kritischen Geistes, und jetzt auch noch Paul Valéry: „Die Zukunft ist leider auch nicht mehr das, was sie einmal war." Wie wahr! Wenn man das jetzt noch in Bezug setzen würde zum Praena-Test und zu den Programmen der individualisierten Medizin, von denen hier so enthusiastisch die Rede gewesen ist, dann könnte man geradezu ins Denken geraten. Aber der Geist kommt nicht zum Zuge. Er wird nur aufgerufen und zieht über die Köpfe hinweg - wie die Gewitterwolken draußen über den See. Am Ende ist die Veranstaltung, zeitlich betrachtet, fünf Minuten im Plus. Der BioLAGO-Vorstandsitzende Klaus Schäfer will nun doch noch eine Frage zulassen - aber das Publikum kann sich aus seiner rezeptiven Haltung so schnell kaum befreien. So dankt er schließlich für zahlreiches Erscheinen und diesen „interessanten und inspirierenden Nachmittag“. Wie wäre es mit „instruktiv"? Fängt auch mit „in" an, träfe den Sachverhalt jedoch weit besser. Denn nicht jeden Tag lässt sich der intellektuelle Offenbarungseid der Universität als Institution, die auf dem Recht und der Notwendigkeit von Frage und Äußerung in allen Verhandlungen des Wissens und Forschens gebaut ist, so unverstellt besichtigen. Auf jeder Parkbank, in jedem Friseursalon lässt sich mehr denkerische Umtriebigkeit beobachten als auf dieser Plattform - die sich diese Bezeichnung denn auch redlich verdient hat. Eine kleine Veranstaltung in einer entlegenen Universität? Nur auf den ersten Blick. Wer in diesen Tagen wissen will, warum ein prädiktiver Test in diesem Land auf eine Weise öffentlich gefördert, beworben, verteidigt und vermarket wird, die in ihrer Ignoranz und in ihrer Unverfrorenheit äußerst beunruhigend ist, der hätte kaum einen instruktiveren Ort finden können als den Hörsaal 704 der Universität Konstanz an diesem Nachmittag - als das Gewitter einfach nicht kam.

Kim Kawa ist Wissenschaftsforscherin und freie Autorin. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeiten ist die Politik der Lebenswissenschaften.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
214
vom Oktober 2012
Seite 30 - 31