Public Health und Genetik

Einführung

Public Health-Genetik sieht ihre Aufgabe darin, den Nutzen von Ergebnissen der Genom- und Genforschung für die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung abzuschätzen und dabei ethische und soziale Fragen einzubeziehen. Die neue Disziplin hat aber noch ganz andere Funktionen.

Während Englischwörterbücher „public health“ immer noch mit „Volksgesundheit“ übersetzen, versuchen Public Health-Wissenschaftler in der Bundesrepublik, sich durch die konsequente Verwendung der englischen Vokabel von eugenischen Konnotationen des Begriffs abzugrenzen.(1) Auch der sich in der Bundesrepublik und anderen europäischen Ländern derzeit formierenden neuen Disziplin, der Public Health-Genetik, geht es keinesfalls um die „Ausmerze“ unerwünschter genetischer Dispositionen oder gar ihrer Träger. Dennoch bewegt sich der Ansatz auf einem hochpolitischen Feld: Zumindest in den EU-Mitgliedsstaaten geht es schon lange darum, gesundheits- und forschungspolitische Strategien miteinander in Einklang zu bringen. Insbesondere die EU-Kommission, aber auch die nationalen Forschungsministerien, weisen der Gen- und Genomforschung die Funktion eines wesentlichen Wirtschaftsfaktors zu; die Zukunft der EU soll in einer „knowledge based society“ liegen, in der Kapitalakkumulation vor allem durch Wissensproduktion und Technologieentwicklung gewährleistet ist. Legitimation erfährt diese Politik, wenn eine durch wissenschaftliche Expertise fundierte Integration von Ergebnissen der Gen- und Genomforschung in die Gesundheitssysteme stattfindet. Daneben entsteht im Prozess dieser Integration ein neues Verständnis von Gesundheit und Gesundheitsversorgung, das, so stellt die kanadische Rechtswissenschaftlerin Roxanne Mykitiuk treffend fest, „die Förderung der Biotechnologie als einer Form der industriellen Produktion mit der Privilegierung individueller Verantwortung und Risikoverwaltung auf dem Gebiet der Gesundheit verbindet“.(2) Wir möchten mit unserem Schwerpunkt einen Einblick in Konzepte der europäischen Public Health-Genetik geben. Zum Einstieg beschreiben Norbert Paul und Ilhan Ilkilic theoretisch-strukturelle Probleme und methodische Anforderungen, die sich konsequenterweise aus dem Ansatz ergeben. Sie plädieren für einen an wissenschaftlicher Evidenz orientierten Umgang mit dem neuen Wissen, der von der Frage geleitet ist, inwieweit mit den jeweiligen Verfahren und Produkten die soziale Erreichbarkeit von Gesundheit verbessert werden kann. Mit dieser Forderung stehen sie, wie Uta Wagenmann zeigt, allerdings recht einsam in der politisch-institutionellen Landschaft, in der sich die Public Health-Genetik etabliert. Hier geht es zum einen um wissenschaftliche Expertise bei der Regulierung des Marktes, auf dem die Produkte einer ökonomisch motivierten Forschungspolitik zirkulieren, und zum anderen um die Beeinflussung der öffentlichen Wahrnehmung – den schon aus der Bioethik bekannten „Dialog mit der Öffentlichkeit“, der unter dem Label von Information und Bildung doch vor allem genetische (und damit individualisierte) Konzepte von Krankheit und Gesundheit im Alltagsbewusstsein verbreitet. Diese Konzepte sind nicht zuletzt in der Public Health-Genetik Ausgangspunkt von Verschiebungen im Verhältnis individueller Rechte zu gesellschaftlichen Pflichten; Thomas Lemke zeigt, wie die Rede von Gesundheitsverantwortung und genetischer Solidarität mit der Umstrukturierung und Privatisierung der Gesundheitssysteme korrespondiert. Welche Bedeutung das genetische Wissen für das Krankenversicherungssystem hat und haben wird, ist Thema des Interviews, das wir mit Bernhard Egger vom Bundesvorstand der AOK geführt haben. Zum Abschluss geht es um den Dreh- und Angelpunkt nicht nur der neuen Public Health-Genetik, sondern von Gesundheitswissenschaft und -politik überhaupt: Ulrich Bröckling untersucht das Präventionsprinzip und fördert einiges zutage, das einen anderen Blick auch auf die schöne neue Welt der genetischen Vorsorge und Vorhersage erlaubt.

  1. Vgl. etwa PONS Wörterbuch für Schule und Studium, Stuttgart: Klett 2003 oder Muret-Sanders e-Großwörterbuch Englisch 4.0, Berlin und München: Langenscheidt 2006
  2. Vgl. Roxanne Mykitiuk: The new genetics in the post-keynesian state, 2001, S.3; im Netz unter www.cwhn.ca/groups/biotech/availdocs/15-mykitiuk.pdf. Sie untersucht in ihrem Text die kanadische Biotechnologie-Politik und ihr Zusammenspiel mit der Privatisierung vormals öffentlicher Aufgabenbereiche.

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
184
vom Oktober 2007
Seite 4