Komplexe Ungleichheitsverhältnisse

Feministische Argumente gegen Leihmutterschaft.

Feministische Argumente gegen Leihmutterschaft.

Leihmutterschaft ist zur Metapher für die transnationale Neukonfiguration von Kinderwunsch und Kinderkriegen geworden. Ich beschäftige mich vor allem mit Leihmutterschaft in Indien, wo im vergangenen Jahrzehnt ein reproduktionsindustrieller Komplex rund um preisgünstige Leihmütter entstanden ist und ein Fruchtbarkeitstourismus geboomt hat - bis 2016 die indische Regierung ein gesetzliches Verbot vorlegte, das aber noch nicht verabschiedet ist. Ich nehme einige feministische Argumente gegen die Reproduktionstechnologien auf und untersuche vor allem, wie Leihmutterschaft den Imperativen von Markt und Kommerz unterworfen wird.

Feministische Kritik

Seit den 1980er Jahren artikulierten feministische Wissenschaftlerinnen und Frauenbewegte eine grundsätzliche Kritik an reproduktiven Technologien: Aus ihrer Sicht fungieren die Technologien als patriarchale Kontrolle über Frauenkörper und Enteignung von weiblicher Körpermacht. Die Kritik richtete sich gegen eine Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt und die Intervention in bio-natürliche Prozesse zur Entstehung menschlichen Lebens. Sie lehnten sowohl die zunehmende Entnaturalisierung menschlichen Lebens durch die Technologien ab als auch die Rechtfertigung des Begehrens nach einem genetisch „eigenen“ Kind und die Setzung von vermeintlichen Qualitätsstandards für das Kind. Feministinnen kritisierten nicht nur diese Genetisierung des Kinderwunsches und die Möglichkeiten der Qualitätsselektion. Sie verfolgten auch kritisch, wie reproduktive Märkte dadurch entstanden, dass Körperstoffe und -materialien abgespalten und wie Rohstoffe gehandelt werden und körperlich und sozial verflochtene Prozesse wie Schwangerschaft und Geburt an eine unter Vertrag genommene Frau ausgelagert werden. Die Isolierung von Körpersubstanzen - Spermien, Eizellen, Stammzellen oder Nabelschnurblut - und Zerstückelung von reproduktiven Prozessen in einzelne Dienstleistungen verstanden sie als Voraussetzung für die Kommerzialisierung, dass sie als Waren auf Märkten angeboten und gekauft werden.

Die Kritik der Reprotechnologien war damals, zum Beispiel auf dem ersten feministischen Kongress gegen Gen- und Reproduktionstechniken 1985 in Bonn, eng verflochten mit der feministischen Kritik an der anti-natalistischen Bevölkerungskontrollpolitik gegenüber Armen, Subalternen und Indigenen im Globalen Süden und der damit verbundenen eugenischen und rassistischen Selektion. Im Globalen Norden identifizierten die Feministinnen die Reprotechnologien als Instrument pro-natalistischer und qualitätsoptimierender Bevölkerungs- und Biopolitik zur Realisierung des Kinderwunsches.

Effiziente Aneignung und Kontrollverlust

Mich interessiert besonders, wie Kommerzialisierung, kapitalistische Verwertung und Qualitätsoptimierung in den Prozess der heute international verbreiteten Leihmutterschaft eingeschrieben werden. Aus politisch-ökonomischer Perspektive sind Schwangerschaft und Geburt ausgelagerte Körperarbeit, eine marktvertraglich vereinbarte Dienstleistung, die ein Produkt - ein gesundes Qualitätskind - erzeugen soll. Dieser reproduktive und gleichzeitig produktive Prozess wird den kapitalistischen Prinzipien von Effizienz und Konkurrenz unterworfen, während gleichzeitig die Hierarchie zwischen Norden und Süden, Klasse, Kaste, Ethnie und Hautfarbe die Abläufe zwischen Bestelleltern und Leihmüttern mitbestimmen. Dieser Prozess basiert auf einer Aneignung von Bioressourcen und Arbeit der Leihmutter, sprich: es ist ein Extraktivismus vergleichbar der Ausbeutung von Rohstoffen.

Der Vertrag unterstellt Entscheidungsfreiheit und informierte Zustimmung aller Beteiligten und regelt den temporären Ressourcen- und Sorgeextraktivismus in komplexen Ungleichheitsverhältnissen. Eine informierte, das heißt wissensbasierte Zustimmung der Leihmutter ist aufgrund des großen Gefälles zwischen ihrem erfahrungsbasierten Körperwissen und dem medizinischen Expert*innenwissen in der Regel eine Illusion. Die medizin-technischen Details und Auswirkungen bleiben den Frauen ein Mysterium. Mit der Vertragsunterzeichnung verzichten sie nicht nur auf das Besitz- und Sorgerecht für den in ihrem Körper wachsenden Embryo. Sie treten mit der Verpflichtung zu Hormon- und Medikamenteneinnahme, häufigen Kontrolluntersuchungen und pränataler Diagnostik auch das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper und den Reproduktionsprozess ab. Amrita Pande, die jahrelang ethnographisch zu Leihmüttern geforscht hat, berichteten die Frauen, dass sie diese Schwangerschaften als ungleich belastender als ihre eigenen, nicht so medikalisierten empfinden. Die Auftragsarbeit ist prekär, weil temporär, ohne soziale Absicherung und jeglicher Kontrolle und Einflussnahme der Leihmutter entzogen. Sie darf den Vertrag nicht durch Abtreibung beenden. Da der größte Teil der Entlohnung erst bei „Lieferung“ des Kindes fällig wird, gehen die Frauen im Falle einer Fehl- oder Totgeburt meist nahezu leer aus, aber auch, wenn Eltern wegen „Qualitätsmängeln“ die Annahme eines Kinds zum Beispiel mit Trisomie 21 verweigern.

International werben Kliniken häufig mit einer Erfolgsquote von 60 Prozent beim Embryotransfer nach der In-Vitro-Fertilisation, obwohl der Durchschnitt seit Jahren bei einem Drittel liegt. In Indien werden meist fünf Embryonen implantiert oder sogar an zwei Leihmütter gleichzeitig transferiert, um die Chance auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. Kommt es zu mehreren oder Mehrlingsschwangerschaften, werden je nach Wunsch der Bestelleltern ein oder zwei Föten abgetrieben, so wie auch genetisch „anormale“ und behinderte Föten abgetrieben werden. Die Leihmütter werden vorab oft weder über die Embryo-„reduktion“ noch über die Form der Entbindung, meist Kaiserschnitt, informiert.

Die Bestelleltern suchen über Vermittlungsagenturen oder die Klinik eine „Leihmutter“ aus mehreren angebotenen aus. Ihnen werden nicht nur günstige Package-Deals mit Tourismus und Rechtsbeistand angeboten, sondern auch Risikominderungs- und Sharing-Vorschläge gemacht, die den Preis reduzieren. Wunschmütter bekommen einen Discount, wenn sie Oozyten (unfertilisierte Eizellen aus der Petrischale) abgeben. Es ist nicht bekannt, was mit „überschüssigem“ Biomaterial geschieht, aber es liegt strukturell nahe, dass nicht-implantierte Embryonen und Nabelschnurblut innerhalb von reproduktionsindustriellen Netzwerken weiterverwertet werden.

Leihmutterschaft als imperiale Lebensweise

All diese Mechanismen zeigen, wie sehr alle Akteur*innen und Abläufe im Reproduktionsprozess in die Verwertungsdynamiken der kapitalistischen Bioökonomie und einer inzwischen komplex entwickelten Industrie eingebunden sind. Diese realisiert ein vermeintliches Recht auf reproduktive Selbstbestimmung und den Kinderwunsch kaufkräftiger globaler Ober- und Mittelschichten durch eine In-Wert-Setzung und Indienstnahme anderer Geschlechtskörper und (re-)produktiver Arbeit. Diese markt- und technologievermittelte Bedürfniserfüllung auf Kosten anderer im Globalen Süden ist „imperiale Lebensweise“ (Ulrich Brand/Markus Wissen). Eingebettet in quasi neokoloniale Herrschaftsverhältnisse schaffen die Reproduktionstechnologien so eine Umschichtung von Reproduktion mit eugenischen Elementen und neuen sozialen Ungleichheiten zwischen Frauen.

Wegen der Nord-Süd-Ungleichheiten werden Auftraggebende aus den Ober- und Mittelschichten weiterhin die günstigen Angebote auf den Märkten im Globalen Süden wahrnehmen, auch wenn Leihmutterschaft in westlichen Ländern legalisiert werden sollte. Aufgrund der Verbote von Leihmutterschaft für Ausländer*innen in Nepal, Thailand, Kambodscha und bald auch Indien funktionieren die Reproduktionsmärkte in asiatischen Ländern derzeit wie ein Verschiebebahnhof für reproduktive Anbieter*innen und Nachfrager*innen. Nach dem Leihmutterschafts-Verbot in Thailand wurden Thailänderinnen zum Embryotransfer und zur Geburt nach Kambodscha gebracht. Indische Reproduktionsunternehmen sind bereits im Untergrund verschwunden, die Leihmütter werden in die Illegalität, in mobile Arrangements und in eine noch größere Rechtlosigkeit getrieben.

Das indische Verbot kommerzieller Leihmutterschaft erregt bei Feministinnen Unbehagen auf Grund der hindu-identitären, anti-emanzipatorischen und moralischen Profilierungsinteressen der Regierung. Reproduktionstechnologien werden - wie auch die Ausbeutung von Frauen in informellen Arbeitsverhältnissen - nicht prinzipiell bekämpft, sondern je nach bio- und machtpolitischen Zielen benutzt oder verboten. Leihmutterschaft kann nicht mehr ohne die industrielle und Marktperspektive gedacht werden, aber auch nicht ohne eine selektiv-eugenische, rassistische und neokoloniale bevölkerungspolitische Dimension. Jede Liberalisierung trägt zu deren Normalisierung bei.

Christa Wichterich ist Soziologin und freie Publizistin. Sie arbeitet seit den 1980er Jahren zu Bevölkerungspolitik und Reproduktionstechnologien, vor allem am Beispiel Indiens, weil sie dort mehrere Jahre gelebt hat. Bis vor kurzem war sie Gastprofessorin für Geschlechterpolitik an der Uni Kassel.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
242
vom August 2017
Seite 12 - 13