Reproduktion ohne Technologie

Eine Kritik der Serie „The Handmaid´s Tale"

Die erste Staffel von „The Handmaid´s Tale", der Verfilmung des 1985 von Margaret Atwood geschriebenen dystopischen Romans (deutsch: Report der Magd) wird in den Feuilletons als aktueller Kommentar zu Trumps Amerika diskutiert.

Sirenengeräusche. In einem alten Auto flieht eine Kleinfamilie, in ihren Gesichtern Panik. Drohend schwillt die Musik an und ab, man meint einen düsteren Chor zu hören, vielleicht ist es aber auch nur der Wind - sinnlich ist die Bedrohung wahrnehmbar. Kurz darauf bekommt die Frau einen Schlag auf den Kopf. Schnitt: Dieselbe Frau sitzt in altertümlich anmutender Kleidung, Haube und Kleid in einem Raum und berichtet von ihrem ausweglosen neuen Leben als Magd.

Nach einem militärischen Putsch hat sich in den USA eine patriarchale, theokratische Diktatur etabliert, die Republik Gilead: Allen Frauen wurde die Kreditkarte gesperrt, sie wurden aus der Lohnarbeit gedrängt. Als Folge einer ökologischen Katastrophe sind nur noch wenige Frauen fruchtbar. Diese werden in der neuen, streng hierarchisch organisierten Gesellschaft zu sogenannten Mägden, zu Reproduktionssklavinnen. Die Protagonistin Offred ist eine davon. Ihr Name bezeichnet ihre Zugehörigkeit zu Fred, einem der Kommandanten des neuen Regimes. In dessen Haus ersetzt sie den Bauch der unfruchtbaren Hausherrin und wird monatlich in einem aus der Bibel entlehnten Szenario vergewaltigt.

The Handmaid’s Tale erzählt vom Verlust der Emanzipation und entwirft ein Szenario, in dem Frauen auf biologische und soziale Mutterschaft reduziert werden. Visuell ist die Serie durchdachtes Handwerk aus stark formalisierten Bildern und einer sehr nah an der Person und dem Gesicht Offreds haftenden Handkamera. Die Gegenwart wirkt dadurch wie in dem Bildrahmen gefangen, ausweglos. Rückblenden zeigen in warmen Farben lebendige Szenen von Demos oder Freundinnen auf dem Unicampus - Gegenbilder einer untergegangenen Utopie. Die Serie arbeitet mit drastischem Bodyhorror, so wird die Amputation eines Armes im Detail gezeigt. Sie entfaltet das ganze Panorama misogyner Gewalttaten, wie Entmündigung, Vergewaltigung und klitorale Beschneidung und bedient sich historischer Verweise auf den Nationalsozialismus und die Sklaverei.

Das Buch und die Serie haben in den USA einen enormen Resonanzraum geschaffen und laden zu Gegenwartsbezügen ein. Feministinnen in den USA beziehen sich auf The Handmaid’s Tale und tragen die ikonographischen roten Roben und weißen Hauben der Mägde bei ihren Protesten gegen die Verschärfung von Abtreibungsgesetzen oder die Streichung staatlicher Förderung für Planned Parenthood.

Die Serie kommt aber aus der Welt, die sie darstellt und kritisiert, selber nicht heraus. In dieser totalitären Gesellschaft gibt es kaum Handlungsmöglichkeiten, Auswege oder Alternativen, Solidarität findet nicht statt oder misslingt. So eindringlich dies geschildert wird, so wenig Mühe wird auf die Darstellung selbstbestimmter Sexualität verwandt, diese erschöpft sich in Offreds Forderung, nicht immer nur unten zu liegen - ganz schön trist!

In den Rückblenden auf die Situation vor dem Putsch wird unsere Gegenwart idealisiert, bestehende Herrschaftsverhältnisse werden ausgeblendet. Die aus ihrem historischen Zusammenhang gerissenen Bezüge und die negative Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse taugen für eine Analyse der Gegenwart nicht, die autoritäre Züge trägt, aber eben keine Militärdiktatur ist. Reproduktionsverhältnisse werden nur hinsichtlich eines christlich fundamentalistischen Bildes von Geschlecht befragt, dessen einziges Ziel die vermeintlich gottgefällige Reproduktion der Gattung ist. Neoliberale Zugriffe auf Körper, die in transnationalen Zusammenhängen stattfinden und tatsächlich zunehmen, können so nicht in den Blick genommen und verstanden werden. Die negative, dystopische Darstellung ist eine dramaturgische Entscheidung - ob der Verzicht auf Gegenentwürfe oder eine differenzierte Analyse aber sinnvoll für ein feministisches Kino ist, darüber kann und sollte durchaus politisch gestritten werden.

 

„The Handmaid's Tale", Serie, unterschiedliche Regisseur*innen und Drehbuchautor*innen, darunter auch Margaret Atwood, mit Elisabeth Moss, Yvonne Strahovski, Max Minghella, 1. Staffel 11 Folgen, die 2. Staffel ist für 2018 angekündigt.

Rebecca Wilbertz ist Literaturwissenschaftlerin und Teil des trouble everyday collective, dessen Buch „Die Krise der sozialen Reproduktion“ 2014 im Unrast Verlag erschienen ist.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
242
vom August 2017
Seite 11