Rezensionen

Fokus Reproduktive Rechte

Der Deutsche Juristinnenbund e.V. (djb) legt vor! Im Fokus des neuen Heftes stehen Reproduktive Rechte, auch als Vorbereitung für den zum gleichen Thema im September stattfindenden Bundeskongress (siehe Seite 44). Der dafür eingerichtete Arbeitsstab hat ein vierseitiges Diskussionspapier vorgelegt, das die These stark macht, Geschlechtergerechtigkeit sei ohne reproduktive Rechte nicht zu haben. Reproduktive Rechte sind einerseits noch keineswegs durchgesetzt, anderseits durch rechtspopulistische Parteien und Bewegungen gefährdet.

Der Schwerpunkt ruft aber auch differenziert dazu auf, die Grenzen reproduktiver Rechte zu diskutieren. Die Auseinandersetzung mit ihnen könne „schmerzhaft sein“, sei „aber gesellschaftspolitisch umso wichtiger“, wie Maria Wersig im Editorial schreibt. Das „Screening auf bestimmte Krankheiten oder Behinderungen“ mittels PID und PND sei „hoch problematisch, weil es den Eindruck erweckt, es gäbe lebensunwertes Leben oder Behinderung wäre etwas, was sich durch richtige Planung oder rechtzeitiges Entdecken ‚vermeiden‘ ließe und diese Vermeidung sei wünschenswert“. Dies werfe „die Frage nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für freie reproduktive Entscheidungen auf“. In Bezug auf „besonders problematische Maßnahmen wie Eizellspende und Leihmutterschaft“ regt das Diskussionspapier des Arbeitsstabs an, dass hier in einem künftigen Fortpflanzungsmedizingesetz ein Verbot „aus emanzipatorischer Perspektive“ in Frage kommen könnte, für die Anerkennung der im Ausland hergestellten Wunschelternschaft könnten „Nachweise von Mindeststandards“ obligatorisch gemacht werden. Der Ansatz der Reproduktiven Rechte hat den Charme, dass diese Problematisierungen gleichzeitig und widerspruchsfrei neben Forderungen nach einem diskriminierungsfreien Zugang zu legalen Methoden der assistierten Reproduktion für alleinstehende Frauen und lesbische Paare stehen können. Ein Gesprächsporträt mit Monika Zumstein, der ehemaligen Vorsitzenden des Arbeitsstabs „Gentechnologie“ des djb rundet das Heft mit einem Rückblick auf die Kontroversen über Reproduktions- und Gentechnologie in den 1980er Jahren ab. Ein wichtiger Beitrag zu einer dringend nötigen Diskussion!

Kirsten Achtelik

➤ djbZ 2017 Heft 1, Editorial und Inhaltsverzeichnis unter www.djb.de/publikationen/zeitschrift/djbZ-2017-1.

 

Beispiele gegen Techniken

Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim kritisiert in ihrer neuen Publikation eine Reproduktionsmedizin, die nach dem Prinzip von Gewinn-Maximierung und Produktoptimierung funktioniert. Doch während ältere Titel Spannungsverhältnisse aufmachen und darin positionierte Subjekte sichtbar werden, die sich in riskanten Feldern bewegen, bläst der aktuelle Band frontal zum Angriff auf den Medizinapparat. Der Band steht in der Reihe „Unruhe bewahren“. Gegen eine „Gegenwartstendenz, die immer ungemütlicher wird“ setzt sie die „Leidenschaft für das Unzeitgemäße“. Auf diese Weise ist ein konservativer Rahmen skizziert, der tatsächlich Unruhe erzeugt: Wer möchte schon rückwärtsgewandt sein? Auch wenn die Technologien mit Risiken verbunden sind: ein zurück - etwa zur Natur? - ist nicht möglich.

Zu Beginn erzählt die Autorin von sich als Tante eines glücklichen Zweijährigen, den es ohne IVF nicht gäbe - muss heute am Anfang einer Kritik an der Reproduktionsmedizin eine Erklärung persönlicher Empathie stehen? Der Band diskutiert in Kapitel 2 Social Freezing als zweifelhafte neue Freiheit der Frau und in Kapitel 3 die Globalisierung der Fortpflanzungsmedizin im Kinderwunschtourismus. Kapitel 4 betrachtet unter dem Stichwort Kommerzialisierung die Werbung der Reproduktionsmedizin. Beck-Gernsheim beschrieb ihren Ansatz einmal in Abgrenzung zu dem ihres Mannes, dem Soziologen Ulrich Beck: Dieser komme von der Abstraktion, sie dagegen von unten, vom sehr konkreten Beispiel. Und so reihen sich in diesem Band auch die Beispiele aneinander, eine „Monstrosität“ jagt die nächste. „Bedenkenträger gesucht“, lautet der Ausblick. Er will ermutigen, weiter Fragen zu stellen, die das Feld jenseits der geglückten Familiengründung erhellen: Wie viele Hoffnungen werden enttäuscht? Wer verdient daran? Doch dann wird als Motiv für die Fragen der Blick auf die mit Hilfe der Techniken entstandenen Kinder gerichtet, die um ihre Herkunft - traditionelle Familien- und Abstammungsgeschichten – gebracht würden. Richtige Fragen, falscher Fokus? Eine emanzipative Kritik an der Reproproduktionsmedizin möchte sich daran wohl eher nicht anschließen.

Susanne Diehr

➤ Elisabeth Beck-Gernsheim: Die Reproduktionsmedizin und ihre Kinder. Erfolge - Risiken - Nebenwirkungen. Residenz Verlag (2016), 144 Seiten, 19,00 Euro, ISBN 9783701716555.

 

Technowissenschaften gestalten?

Der Sammelband „Monströse Versprechen“ ist in der Hauptsache eine Wiederauflage älterer Texte aus den 1980er und 90er Jahren. Neu hinzugekommen ist das Vorwort von Frigga Haug, in dem sie ihre eigene Auseinandersetzung mit Haraways Texten nachzeichnet, der 2001 erstmals auf Deutsch erschienene Text „Genfetischismus“ und ein Kapitel aus dem 2016 auf englisch erschienenen „Staying with the trouble: Making Kin in the Chthulucene“. Im wieder abgedruckten Vorwort zu deutschen Erstausgabe von 1995 schrieb Haraway: „Wie können wir in diesen, in unseren Zeiten mit unserer Arbeit dazu beitragen, politische Hoffnung […] materiell und perspektivisch am Leben zu erhalten?“ Diese Frage ist heute noch genauso aktuell wie vor mehr als 20 Jahren. Haraway plädiert dafür, die „Technowissenschaft“ beziehungsweise die Gen- und Reprotechnologien nicht abzulehnen oder sich vor ihnen zu verstecken, sondern sie zu formen und die Wirklichkeit miteinander neu zu gestalten. Aber wie? Wie Haug in ihrem Vorwort richtig bemerkt, bleibt Haraway oft so vage, dass sich jede*r Leser*in das ihr*ihm Passende raussuchen kann. Auch die monströsen Wortreihungen, die mehr mit einer Predigt gemein haben als mit einer Analyse, erzeugen oft eher leichten Schwindel als tiefgehenden Erkenntnisgewinn - für manche*n vielleicht auch beides. Ihrem Appell „Make kin, no babies!“ also etwa Wahlverwandtschaft, Fürsorge und aufeinander-bezogen-sein anders herzustellen als über die eigene Reproduktion und Blutsverwandtschaft ist unbedingt zuzustimmen - ob dies sinnvollerweise über die Auflösung der Grenze zwischen Menschen und Tieren und die Assemblagebildung mit anorganischer Materie funktionieren kann und soll, darf jedoch stark bezweifelt werden. Bei der Lektüre der Texte wächst das Bedauern darüber, dass eine feministisch-sozialistische Medizinpolitik, die Haraway im Cyborg-Manifest vor mehr als 30 Jahren anregte, noch immer nicht existiert, gleichzeitig mit dem Wunsch, wieder in einen größeren feministischen Austausch über die Bedeutung des Status Quo in Gen- und Repromedizin zu kommen - mögen sich alle die finden, denen es nach der Lektüre ebenso geht!

Kirsten Achtelik

➤ Donna Haraway: Monströse Versprechen. Die Gender- und Technologie-Essays, Argument Verlag (2017), erweiterte Neuausgabe, 320 Seiten, 27 Euro, ISBN 978-3-86754-504-4.

 

Reproduktive Entscheidungsprozesse

Der Band ist eine soziologische Dissertation, die den Entscheidungsprozessen für eine reproduktionsmedizinische Behandlung nachgeht. Die bisherige Studienlage dazu ist schlecht, eine genauere Klärung der Faktoren, die zu der Entscheidung der Techniknutzung führen, absolut wünschenswert. Passet-Wittig kritisiert, dass in herkömmlichen Studien die Einstellungen zu Familie oder Geschlechterrollen nur für die Vergangenheit abgefragt werden. Gerade bei diesen veränderlichen Variablen wäre es jedoch wichtig, sie in ihrer Veränderung während des Entscheidungsprozesses und der Kinderwunschbehandlung zu erforschen. Interessant auch der Hinweis, dass für vorliegende Studien fast immer nur die Frauen befragt würden, während das Hauptklientel doch heterosexuelle (Ehe)Paare sind, deren Dynamik den Entscheidungsprozess beeinflusst. Die Autorin, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden arbeitet, hat ihre Forschung daher explizit auf Paare fokussiert. Sie kann zeigen, dass entgegen herkömmlicher Annahmen die Gruppe der Paare, die eine Kinderwunschbehandlung in Anspruch nehmen, relativ heterogen ist und auch jüngere sowie und ökonomisch schwächere Paare die Techniken nutzen. In ihrem Fazit geht Passet-Wittig explizit auf die politischen und gesellschaftlichen Implikationen ihrer Ergebnisse ein. Die Kostenübernahmepraxis der Kinderwunschbehandlung erscheint ihr überholt und restriktiv. Diese Kritik ist durch die Ausweitung der Zuzahlung für IVF auch für unverheiratete Paare teilweise überholt, alleinstehende Frauen und homosexuelle Paare werden jedoch weiterhin problematischerweise von der Zuzahlung ausgeschlossen. Die Autorin weist die „falsche Sicherheit“, die das Social Freezing für eine späte Familienplanung zu bieten scheint, genauso zurück wie die Erwartung, durch Reproduktionstechniken könne ein als problematisch empfundener Bevölkerungsrückgang gestoppt werden. Für eine gesellschaftliche Debatte über die Bedeutung und Realisierung eines Kinderwunsches ist aktuelles Wissen über die individuellen Motivationen und Entscheidungsfaktoren, das in Studien wie dieser generiert wird, unverzichtbar.

Kirsten Achtelik

➤ Jasmin Passet-Wittig: Unerfüllte Kinderwünsche und Reproduktionsmedizin. Eine sozialwissenschaftliche Analyse von Paaren in Kinderwunschbehandlung. Verlag Barbara Budrich (2017), 249 Seiten, 46,00 Euro, ISBN 978-3-8474-2080-4.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
242
vom August 2017
Seite 14 - 15