Spanische Leihbäuche?

Zehn Gebote gegen Liberalisierung

Spanien ist ein Zielland des europäischen Reproduktionstourismus, Eizellabgabe ist legal, Wunscheltern verbinden das gerne mit einem Strandurlaub. In diesem Jahr gab es auf mehreren Ebenen Versuche, die verbotene „Leihmutterschaft“ zu legalisieren, aber auch Protest.

„Kauf keine Babys. Beute keine Frauen aus.“ Unter diesem Motto protestierten Feministinnen und Queers gegen die Messe für Reproduktionsmedizin und vor allem „Leihmutterschaft“, „Surrofair“, die im März in Madrid stattfand.1 Im Mai 2017 verabschiedete das spanische Bioethik-Komitee einstimmig einen Bericht über die ethischen und rechtlichen Aspekte der Leihmutterschaft. Darin sprechen sich die Mitglieder ausdrücklich für ein Verbot der Leihmutterschaft und seine Durchsetzung im In- und Ausland aus.2

Die spanischen Liberalen (Ciudadanos) legten dann im Juni einen Gesetzesentwurf vor, der die „altruistische Leihmutterschaft“ legalisieren soll. Die spanischen Sozialisten (PSOE) sprachen sich auf ihrem Parteitag gegen eine Legalisierung aus, weil die „Leihbäuche“ wie die Praxis in Spanien kritisch genannt wird, die Rechte der Frauen aufweichten. Die Linkspopulisten von Podemos sind sich noch nicht einig geworden: Eine starke feministische Strömung lehnt eine Liberalisierung klar ab, während Linksliberale dadurch ein „Recht auf Familie“ garantieren wollen. Neben unfruchtbaren heterosexuellen Paaren werden besonders homosexuelle Männer als Gruppe genannt, denen dieses „Recht“ bislang verweigert werde. Tatsächlich gibt es in der spanischen LGBTQI*-Szene 3 heftige Debatten um das Thema. Die Bestelleltern-NGO „Es sind unsere Kinder“ war mit einem eigenen Block auf der großen, kommerzialisierten Pride vertreten. Im Vorfeld der alternativen Demo fand eine Veranstaltung unter dem Titel „Körpersouveränitäten“ statt, auf der die Kundgebung gegen die „Surrofair“ mit „Lebensschützer“-Mahnwachen vor Abtreibungskliniken verglichen wurde.4

In diese Situation intervenierte der schwule Journalist Raúl Solís mit „10 Geboten“ um die rethorischen Fallstricke aufzuzeigen.5 Diese geben wir in Auszügen wieder:

 

1) Die Verteidiger des Leihgebärens geht es nicht um die die Freiheit der Frauen. Die angestrebte „rechtliche Sicherheit“ soll die der Uterus-Käufer sein.

2) Die altruistische Leihmutterschaft existiert bereits und nennt sich Adoption.

3) Die Adoption ist ein langsamer Prozess, weil es hier um die Rechte des Kinds geht und nicht um die der Erwachsenen.

4) Es gibt in keiner Verfassung oder Menschenrechtsdeklaration ein Recht darauf, Eltern zu sein - das ist ein Wunsch. Die eigenen Wünsche auf Kosten anderer Leute umzusetzen, gelingt Leuten, die finanzielle oder andere Previlegien haben.

5) Wir sind als Linke für die Abschaffung der Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt, wir wollen dem nicht noch eine Nische hinzufügen.

6) „Mein Bauch gehört mir“ wird von einigen Frauen als Argument für die Liberalisierung der „Leihmutterschaft“ benutzt. Aber genau wie der Staat bestimmte Arbeitspraktiken verbietet, muss er auch im Einklang mit den Menscherechten verbieten, dass eine Frau ihre Gebärmutter vermietet.

7) Blutspenden ist etwas völlig anderes als „Leihmutterschaft”: Es ist tatsächlich altruistisch, es gibt keinen Geschäftsvertrag und das Wichtigste: Der Spender kann sich jederzeit umentscheiden.

8) Feminismus hat zum Ziel, dass keine Frau ausgebeutet, misshandelt, erniedrigt, vergewaltigt oder gedemütigt wird. Er verteidigt die Freiheit - nicht das zu tun, worauf man gerade Lust hat, sondern in Verantwortung für die Gesellschaft, deren Teil man ist. Leihgebären ist Ausbeutung durch Reproduktionszentren und keine Freiheit.

9) Die historische Forderung der LGBTQI*-Bewegung ist die Freigabe der Adoption, nicht des Leihgebärens. Viele Schwule wollen nicht, dass ihr Kinderwunsch dieser Politik als Vorwand dient.

10) Die „fortschrittlichen“ Parteien, die sich so für die Liberalisierung des Leihgebärens und für die Rechte der Schwulen einsetzen, sind - falls das jemand vergessen haben sollte - gegen die Ehe für alle. Sie verteidigen nicht die Gleichheit von Queers sondern die Unternehmen, die ein Geschäft mit den Gebärmüttern von Frauen machen wollen.

 

Text und Übersetzung von Kirsten Achtelik.

Kirsten Achtelik ist Mitarbeiterin des GeN und Redakteurin des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
242
vom August 2017
Seite 19