Rezension: Ethik ist Politik

Ethikräte sind in der EU fest etabliert, und spätestens seit der Einrichtung des Nationalen Ethikrats 2001 werden wir auch hierzulande daran gewöhnt, dass Experten ethische Fragen rund um die so genannten Lebenswissenschaften stellen und beurteilen. Auch wenn diese institutionalisierte Ethik gelegentlich problematisiert wird - eine politische Auseinandersetzung damit findet nicht statt. Schon deshalb ist Sabine Könningers Untersuchung unbedingt lesenswert. Indem sie die Entstehungsgeschichte des französischen Ethikrates in den Blick nimmt, politisiert sie Ethik und arbeitet deren Funktionen heraus: Die Ethik der Räte und Kommissionen schirmt Forschung von Kritik ab und sichert sie so als (ökonomisches) Innovationsfeld. Zugleich - und das ist mindestens ebenso wichtig - produziert sie Diskurse, strukturiert also die gesellschaftliche Wahrnehmung technologischer Entwicklungen. Neben der klaren Analyse ist die Darstellung konkreter Auseinandersetzungen rund um ethische Fragen spannend. So zeigt Könninger zum Beispiel, wie die heute so charakteristische Indifferenz der Ratsethik bereits in den 1970er Jahren in der Auseinandersetzung mit selbst ernannten Lebensschützern programmatisch wird. Auch einige andere Beobachtungen liefern Bausteine für eine längst überfällige. ideologiekritische Diskussion heutiger Ethikpolitik. Deshalb: Unbedingt lesen!

Uta Wagenmann

➤ Sabine Könninger: Genealogie der Ethikpolitik. Nationale Ethikkomitees als neue Regierungstechnologie. Das Beispiel Frankreichs, Transcript Verlag (2016), 344 Seiten, 39,99 Euro, ISBN 978-3-8376-3286-6.

Uta Wagenmann war Mitarbeiterin des GeN und ist GeN-Vorstandsmitglied.

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Erschienen in
GID-Ausgabe
242
vom August 2017
Seite 41