Kritische Wissenschaft

Forschen, Reflektieren, Diskutieren

Dieser Schwerpunkt der 250. Ausgabe des Gen-ethischen Informationsdienstes (GID) beschäftigt sich mit Fragen, die den Verein, die Redaktion und sicherlich auch viele Mitglieder und Leser*innen immer wieder umtreiben: Was ermöglicht, was verunmöglicht kritische Forschung? Wie wird mit für Manche*n unliebsamen Ergebnissen umgegangen? Woher kommen die Mittel, um auch unangenehme Fragen anzugehen? Wie kann kritische Forschung in Gesellschaftsveränderung umgesetzt werden?

Boxen im Archiv

Archive – egal ob in Universitäten oder unabhängig – bergen ein umfangreiches Wissen, besonders aus Zeiten vor der Digitalisierung. Foto: IllinoisLibrary (CC BY 2.0)

Damit beleuchtet dieser Schwerpunkt das wissenschaftliche Feld aus einer anderen Perspektive als unser Schwerpunkt zur Wissenschaftskritik „Fehler im System“ im GID 244 vom Februar 2018 und ergänzt diesen. Ging es vor eineinhalb Jahren eher um die Schwachstellen des Wissenschaftssystems wie Signifikanzprobleme, Reproduzierbarkeitskrise und Aufmerksamkeitsökonomie, wenden wir uns mit dieser Ausgabe ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit der Frage zu, welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen nötig sind, um eine (selbst)kritische Wissenschaft ermöglichen zu können.

Das GeN wurde vor mehr als dreißig Jahren von kritischen Wissenschaftler*innen gegründet und der GID entstand noch davor aus dem Bedürfnis, Informationen zu sammeln, zu teilen und zu diskutieren, um so die Einschätzungen zu den damals schon komplexen Entwicklungen in den Bio-, Gen- und Reproduktionstechnologien zu schärfen. Nicht zuletzt sind auch heute noch viele unserer Autor*innen kritische Wissenschaftler*innen, die sich nicht davon abschrecken lassen, dass wir weder Honorare zahlen können noch ein hoch geranktes Magazin mit Peer Review sind. Wir beim GeN forschen nicht selbst, sondern sehen unsere Aufgabe darin, die Ergebnisse kritischer Forschung zu verbreiten, neue Vernetzungen zu schaffen und Veränderungsprozesse anzustoßen. Wie „die Wissenschaft“ ein weites Feld ist, so auch die Kritik daran und innerhalb dessen. Mit diesem Schwerpunkt werfen wir einige Schlaglichter auf verschiedene Felder und Debatten.

Mit der Frage nach einer verantwortlichen Haltung in der Wissenschaft beschäftigt sich der gekürzte Wiederabdruck von Veronika Lipphardt. Die Freiburger Wissenschaftshistorikerin hat sich mit Kolleg*innen bewusst kritisch in die öffentliche Diskussion um die Erweiterten DNA-Analysen eingemischt und reflektiert diesen Prozess, in dem Medien, Politiker*innen und Öffentlichkeit neutrale Informationen von „allwissenden“ Expert*innen wünschten, statt engagierte Wissenschaftler*innen, die ihre eigene Position transparent machen.

Dass es objektive Wahrheiten nicht gibt, gehört zu den Grundüberzeugungen der Geschlechterstudien, die seit einigen Jahren vermehrt Angriffen ausgesetzt sind – in Deutschland, aber auch international. Welche Allianzen von rechts bis in die Mitte der Gesellschaft sich anhand dieser Aggressionen bilden und warum ausgerechnet die Gender Studies diese auslösen, darüber habe ich mit Lilian Hümmler von der Humboldt Universität in Berlin gesprochen. Kritische Wissenschaft bedeutet auch ein Nachdenken darüber, wie schlechte Verhältnisse geändert werden können, weshalb wir auch darüber gesprochen haben, was die Fachbereiche und Wissenschaftler*innen den Angriffen entgegensetzen.

Manchmal brauchen die Institutionen Druck, um sich mit Sachverhalten auseinanderzusetzen, die sie lieber ignoriert hätten. Um sich mit der eugenischen und rassistischen Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts auseinanderzusetzen, genügte es nicht, dass auf dem Gelände menschliche Knochen gefunden wurden. Es bedurfte vielmehr eines gewissen Drucks aus der Studierendenschaft und in der Öffentlichkeit, damit die Freie Universität Berlin eine Stelle zur geschichtspolitischen Auseinandersetzung und Aufarbeitung schuf. Die mit dieser Aufgabe betraute Historikerin Manuela Bauche reflektiert in ihrem Artikel eben dies und den historischen Hintergrund des Gebäudes in der Ihnestraße 22.

Auch der Zugang zu Wissen ist relevant dafür, wie man die Welt sieht. Mit „Herrschaftswissen“ und „Strategischer Ignoranz“ fokussiert der Toxikologe Peter Clausing zwei extreme Formen des Umgangs mit Wissen anhand der unterschiedlichen Bewertungen von Glyphosat. Er zeigt, dass Transparenz nicht ausreicht, ohne diese aber keine gleichberechtigte Analyse und Bewertung von Fakten und Studienergebnissen möglich ist.

Ungewöhnlicherweise gibt es in diesem Schwerpunkt sogar zwei Interviews. Aber auch das passt zum Thema, fehlt es doch aufgrund der Prekarität immer an Zeit und Geld für alles, eben auch dafür, einen Text über die Prekarität des Hochschulsystems zu schreiben. Ein Interview war für die Soziologin von der Universität Duisburg-Essen, Heike Mauer, eine zeitsparende Variante und für uns eine gute Alternative. Mit ihren Überlegungen dazu, was gegen die Verunmöglichung von kritischer Forschung durch Drittmittelkultur und befristete Kettenverträge getan werden könnte, schließt der Schwerpunkt so ab, wie es sich für einen Jubiläums-GID gehört: Mit Ideen, wie die Welt besser einzurichten wäre!

Für das nächste Jahr plant das GeN übrigens eine Veranstaltungsreihe zu verschiedenen Aspekten kritischer Wissenschaft und einer Kritik am Wissenschaftssystem – wir hoffen, dazu einige der Autor*innen und Interviewten dieses Schwerpunktes als Referent*innen und unsere Leser*innen als engagierte Diskutant*innen begrüßen zu können!

Kirsten Achtelik ist Mitarbeiterin des GeN und Redakteurin des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
250
vom August 2019
Seite 6 - 7

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