Biopolitik statt Bioethik

Praktische Perspektiven sozialwissenschaftlicher Forschung

Sozialwissenschaftliche Forschung zu den Biowissenschaften reicht von grundlagentheoretischen Problemen bis hin zu anwendungsbezogenen Fragestellungen. Sie kann Orientierungshilfen und Entscheidungsgrundlagen für die politische und mediale Öffentlichkeit anbieten, wird aber kaum nachgefragt. Wie kommt das?

Seit fünf Jahren sind Sie an der Universität Frankfurt. Seitdem hat sich einiges getan: Biopolitik und genetische Diskriminierung sind Schwerpunkte in der Lehre und Gegenstand von Drittmittelprojekten in Ihrem Arbeitsbereich. Warum befassen Sie sich „ausgerechnet“ mit diesen, in der deutschen Soziologie doch eher randständigen Themen?

Ausgangspunkt meines Interesses an den Biowissenschaften ist der Hype um die Genomforschung Ende der neunziger Jahre. Genetisch-deterministische Erklärungsansätze erfuhren in dieser Zeit eine ungeheure Resonanz und mediale Aufmerksamkeit. Diese Konjunktur hing meiner Einschätzung nach mit einer neoliberalen Restrukturierung der Gesellschaft und der Individualisierung und Privatisierung von Krankheitsrisiken zusammen. Diesen Prozess wollte ich anhand einer von Foucault inspirierten Machtanalytik untersuchen, um nach den Grundlagen für eine neue kritische Perspektive zu suchen.

Sie mussten - mit anderen Worten - ganz andere Anknüpfungspunkte suchen, als die Sozialwissenschaften oder die Gentechnik-Kritik zu dieser Zeit anbieten konnten?

In meiner Mitte der 1990er Jahre abgeschlossenen Dissertation habe ich mich mit Foucault befasst und mit seiner Analyse des „Neoliberalismus“. Dieses theoretische Instrumentarium ermöglichte eine neue Perspektive auf die Genomforschung und die mit ihr verbundenen Ängste und Hoffnungen. Die Stärke des Foucaultschen Regierungsbegriffs besteht eben darin, das Zusammenspiel von Wissensformen, Machtprozessen und Subjektivierungspraktiken untersuchen zu können.

Was hat sich seitdem geändert?

Das Humangenomprojekt, das in den frühen neunziger Jahren an Fahrt gewann, markiert sicher einen wichtigen Einschnitt. Die Entscheidung einen - wenn auch geringen - Teil der Fördergelder zur Erforschung der sozialen, rechtlichen und ethischen Implikationen zu nutzen, hat der sozialwissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich international einen wichtigen Impuls gegeben.

...mit dem Ergebnis, dass es heute eine kaum noch zu überschauende Literatur zu verschiedensten Aspekten der Biowissenschaften gibt. Ist die Auseinandersetzung mit den Biowissenschaften in der Beliebigkeit des akademischen Betriebs angekommen?

Das Problem scheint mir nicht zu sein, dass es eine Fülle an Literatur zu verschiedenen Dimensionen oder Feldern biowissenschaftlicher Forschung oder biotechnologischer Praktiken gibt. Das Problem - vor allem im deutschsprachigen Raum - ist doch, dass der Großteil dieser Literatur aus dem rechtswissenschaftlichen, philosophischen, theologischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Bereich stammt, während gesellschaftstheoretisch informierte und empirisch orientierte Studien deutlich unterrepräsentiert sind. Dabei kann die sozialwissenschaftliche Forschung entscheidende Beiträge zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Biowissenschaften liefern. Für meine eigene Arbeit ist es etwa wichtig, ein Korrektiv zu der bioethisch dominierten Debatte zu entwerfen.

Was ist daran problematisch, ethische Kriterien und normative Bezugspunkte in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen?

Diese Schwerpunktsetzung blendet in der Regel die politische Konflikthaftigkeit und soziale Kontexte biotechnologischer Innovationen aus beziehungsweise begreift diese als Normenkollisionen und ethische Dilemmata. Die epistemologischen und technologischen Grundlagen von Lebensprozessen sowie deren Einbindung in Machtstrategien und Subjektivierungsweisen bleiben dabei unangetastet. Ein sozialwissenschaftlich profilierter Begriff der Biopolitik ermöglicht es, über die üblichen Für-und-Wider-Formate und Chancen-und-Risiken-Filter hinauszugehen und viel grundsätzlicher vorherrschende Wahrheitsregime und Problemdefinitionen zu hinterfragen und politisch zu verorten. Dadurch können wir Aufschluss gewinnen über die Entstehungs- und Aneignungsbedingungen biowissenschaftlichen Wissens und biotechnologischer Artefakte und deren (unintendierte) Folgen, aber auch Potenziale einer reflektierten gesellschaftlichen Nutzung aufzeigen. Eine zweite wichtige Aufgabe sozialwissenschaftlicher Forschung wäre es deshalb, nach Handlungsspielräumen zu suchen. Biowissenschaftliches Wissen und biotechnologische Praktiken zeichnen sich ja gerade durch ein sehr spannungsvolles Verhältnis von Ermöglichung und Beschränkung von Freiheiten aus.

Das müssen Sie erklären...

Zum Beispiel wird die Vorstellung einer eindeutigen, gegebenen und unveränderbaren Natur und Zweigeschlechtlichkeit des Menschen zurzeit zunehmend hinterfragt. Zugleich fokussieren die Biowissenschaften dabei aber regelmäßig auf abgrenzbare und messbare biologische Parameter und reduzieren die Komplexität des Interaktionsgeflechts. Konkret heißt das, dass Kausalfaktoren und Determinanten ausgeklammert werden, die konkrete Individuen und deren Wissen und Entscheidungshandeln übersteigen. Diese Tendenz, die soziale und ökologische Umwelt nicht zu thematisieren, hat unter anderem zur Folge, dass Krankheit beziehungsweise Krankheitsrisiken letztlich als individuelle, in den Körper eingeschriebene Defekte und Probleme begriffen werden. Gegen solche Eingrenzungen müssen wir aufzeigen, wie Handlungsspielräume durch die gesellschaftliche Aneignung und Aushandlung biowissenschaftlichen Wissens gestaltet werden und erweitert werden können.

Das klingt gut, aber biowissenschaftliches Wissen geht ja noch viel tiefer, indem es individuelle und kollektive Identitäten formt.

Ja, das ist ein zentrales Thema. Biowissenschaftliche Klassifikationssysteme und biotechnologische Optionen wirken auf Selbstdeutungen und Fremdwahrnehmungen, auf Körperkonzepte und Geschlechterzugehörigkeiten ein. Wichtig ist dabei zu sehen, dass dies nicht in einem gesellschaftsfreien Zusammenhang passiert und bestehende Subjektivierungsformen die Art und Weise mitbestimmen, wie biowissenschaftliches Wissen und biotechnologische Artefakte aufgenommen und angeeignet werden. Körperliche und speziell medizinische Eigenschaften sind nicht erst seit der Genetik wichtige Bezugspunkte für Selbstdeutungen. Man denke an den Cholesterinspiegel oder den Body-Mass-Index. Ob genetisch bedingte geringe Alkoholtoleranz, erbliche Veranlagung zu Brustkrebs oder die Einnahme bestimmter Pharmaka wie Ritalin - Individuen und Familien machen unter Anleitung wissenschaftlicher, medizinischer, moralischer und religiöser Autoritäten und auf der Grundlage gesellschaftlich wirksamer Geschlechterordnungen, Gesundheits- und Krankheitskonzepte ihren Körper zum Gegenstand praktischer Bearbeitung.

Was sind dann aber die praktischen Perspektiven sozialwissenschaftlicher Forschung?

Ich habe hier einige Perspektiven angesprochen. Dabei handelt es sich jedoch nur um einen kleinen Ausschnitt möglicher Zugänge und Ansätze. Allerdings ist festzustellen, dass die sozialwissenschaftliche Forschung zu den Biowissenschaften besonders in Deutschland in der gesellschaftlichen Wahrnehmung kaum Resonanz erfährt. Bei den Fachgesprächen und Anhörungen im Parlament und in den Fraktionen oder in den zahlreichen Bioethik-Kommissionen finden sich neben den VertreterInnen der Naturwissenschaften oder der Medizin vor allem juristische, theologische und philosophische Experten. Im Deutschen Ethikrat ist mittlerweile überhaupt keine sozialwissenschaftliche Kompetenz mehr vorhanden. Diese disziplinäre Engführung und die fehlende Berücksichtigung ganzer Fächer führen letztlich zu einer Verarmung der gesellschaftliche Debatte und der politischen Kultur. Es ist nicht nur so, dass eine Reihe von Fragen nicht beantwortet und Probleme nicht gelöst werden; schlimmer noch: Dieses Fehlen wird nicht einmal bemerkt.
Das Interview führte Alexander v. Schwerin

Thomas Lemke ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
218
vom Juni 2013
Seite 16 - 17