Rezension: Soziale Werteproduktion im Ultraschallraum

Ultraschalluntersuchungen gehören in Deutschland seit langem zum Routinepaket der medizinischen Schwangerschaftsvorsorge und werden immer häufiger durchgeführt. Prof. Dr. Eva Sänger beleuchtet in ihrem Buch „Elternwerden zwischen »Babyfernsehen« und medizinischer Überwachung“ aus ethnografischer Perspektive, wie im Ultraschallraum normative Bilder von Schwangeren, Föten und Familie entstehen. Ultraschalluntersuchungen werden hier an der Schnittstelle zwischen Medizin und Gesellschaft verortet, an der ärztliche Praktiken in kulturelle Werte- und Normvorstellungen übersetzt werden. In ihrer umfangreichen Studie widmet sich Sänger zum Beispiel dem vermeintlichen vorgeburtlichen Geschlechterwissen und dem Verständnis vom Fötus als Teil der Familie, sofern dieser den medizinischen Normalitätsstandards entspricht. Abschließend befasst sich Sänger mit den Konsequenzen für Schwangere, denen im Kontext von Ultraschalluntersuchungen ambivalente Rollenbilder zugesprochen werden. Einerseits werden Schwangere als Mütter dazu aufgerufen, stets verantwortlich zu handeln, um den Fötus zu schützen, was häufig mit der Forderung einhergeht, bereitwillig die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Gleichzeitig werden sie als autonome Akteur*innen angesprochen, die im Fall eines auffälligen Befundes eine „informierte Entscheidung“ treffen sollen. Dazu gehört, dass sich Schwangere die klaren Grenzen ihrer Mutterschaft bereits bewusst gemacht haben sollen und diese, wenn nötig möglichst „authentisch, vernünftig und konsistent“ in ihrer Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch umsetzen. Besonders lesenswert ist Sängers Kritik am Konzept der „informierten Entscheidung“, mit der sie veranschaulicht, wie in Gesprächen zwischen Schwangeren und Ärzt*innen die Optionen im Falle eines auffälligen Befundes nie explizit gemacht werden, und dabei sowohl ein Schwangerschaftsabbruch als auch das Gebären und Großziehen eines Kindes mit Behinderung im Ultraschallraum tabuisiert werden. Sänger verbindet ihre ethnografischen Schilderungen und Interviews geschickt mit abstrakten Konzepten zu Subjektivierungsprozessen, Schuld und Verantwortung. Ihr gelingt eine kritische Analyse von Ultraschalluntersuchungen als kulturelle Praxis, die wegen ihrer zahlreichen Beispiele sehr lebensnah bleibt und so einen besonderen Eindruck bei den Leser*innen hinterlässt.

➤ Eva Sänger (2020): Elternwerden zwischen »Babyfernsehen« und medizinischer Überwachung. 404 Seiten, transcript Verlag, 48,- Euro, ISBN 978-3-8376-5179-9. Siehe auch Interview „Pränatales Elternwerden per Ultraschall“, in diesem Heft, Seite 35.

Caroline Elfe studiert Cultural Analysis und war Praktikantin beim GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
255
vom November 2020
Seite 37

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