In Bewegung

10.000 Fußabdrücke für eine grund­legende Agrarwende

„Agrarindustrie abwählen – Agrarwende lostreten!“ lautete das Motto der inzwischen elften Wir haben es satt!-Demo in Berlin. Am Vormittag des 16. Januar zogen rund 30 Traktoren, Corona-bedingt nur aus dem Berliner Umland, vor die CDU-Bundesgeschäftsstelle um dort stellvertretend für die vielen enttäuschten Bäuer*innen gegen die verfehlte Agrarpolitik von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu demonstrieren. Gerade die für die Artenvielfalt, den Umwelt- und den Klimaschutz extrem wichtigen, kleinbäuerlichen Betriebe werden bei der Vergabe der EU-Fördermittel seit vielen Jahren nicht berücksichtigt. Das Ergebnis sind immer größer werdende Agrarindustriebetriebe und ein immer schneller voranschreitendes Höfesterben. Diese miserable Agrarpolitik, die von der CDU auf Kosten von Höfen, Tieren und Umwelt verfolgt wird, gehört im Superwahljahr nach über 15 Jahren endlich abgewählt, so die Forderung.
Anschließend wurde mit der „Aktion Fußabdruck“ der Protest der normalerweise zu zehntausenden nach Berlin strömenden Demonstrant*innen ebenfalls Corona-konform vors Kanzleramt getragen. Rund 10.000 individuell eingesandte Fußabdrücke wurden auf langen Wäscheleinen aufgehängt, sodass sie mit den darauf formulierten Forderungen als großes, gemeinsames und vielfältiges Protestbild die Agrarwende lostreten konnten.
Auf der vorabendlichen (dieses Mal digitalen) Schnippeldisko wurden wieder einige Vorträge, Musik und Workshops geboten und auch am Samstagnachmittag lockte der ebenfalls digitale Soup & Talk – mit über 30 kurzen Beiträgen von Akteur*innen aus der ganzen Welt, die praktisch für eine faire und ökologische Transformation der Lebensmittel- und Landwirtschaftssysteme eintreten.

➤ Weiter Informationen, Fotos und Filme: www.wir-haben-es-satt.de

Konzernkritik

Am 16.12.2020 hat die Hauptversammlung des Saatgut-Konzerns KWS Saat SE & Co. KGaA stattgefunden. Das GeN hat sich auch dieses Jahr wieder mit kritischen Fragen und Forderungen an den Einbecker Konzern gerichtet. Dieses Mal jedoch aufgrund der Pandemie nur in virtueller Form. Gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) forderte das GeN die KWS auf, sich für eine strenge Regulierung der neuen Gentechnikverfahren und eine umfassende Risikoprüfung einzusetzen. Denn die Risiken für die komplexen Ökosysteme sind noch kaum erforscht. Die KWS beteiligt sich beispielsweise am Projekt „Crops for the future“ sowie PILTON und versenkt viel Geld in die Gentechnik – anstatt auf konventionelle Züchtungsverfahren zu setzen, die erfolgreicher standort- und klimaanpassungsfähige Pflanzen entwickeln können. Das wäre zukunftsgerichtet und genau das, was Bäuer*innen jetzt brauchen. Die drängenden Herausforderungen wie Klimaschutz und Klimafolgenanpassung werden auch mit den neuen Gentechniken nicht lösbar sein. Die KWS jedoch bezeichnet neue Gentechnikverfahren wie CRISPR-Cas als „naturidentisch“ und verschleiert damit, dass diese Technologien tief in das Erbgut von lebenden Organismen eingreifen können. Vorstandsvorsitzender Dr. Hagen Duenbostel kündigte an, in Zukunft mit einem klaren Fokus auf Innovation und der Nutzung moderner Technologien arbeiten zu wollen.

➤ Pressemitteilung: www.kurzelinks.de/gid256-ja

Sortenvielfalt statt Konzernmacht

Im Rahmen ihrer „Saatgut als Gemeingut!“-Kampagne startete Aktion Agrar die Petition „Saatgut-Vielfalt stärken – bäuerliche Saatgutsysteme schützen“. Mit fast 3.000 Unterschriften wurde diese im Dezember 2020 während einer Online-Übergabe an Walter Dübner überreicht, der als Vertreter der Abteilung für landwirtschaftliche Erzeugung, Gartenbau, Agrarpolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) die Petition entgegennahm. Dieses in Zeiten von Corona zwar notwendige, zugleich aber auch interessante digitale Übergabeformat ermöglichte nicht nur den Initiator*innen, sondern auch allen Teilnehmenden, direkt mit Verantwortlichen des Ministeriums in Austausch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem vehement einen Wandel in der Saatgutpolitik zu fordern. Viele Engagierte nutzten diese Chance und haben nachgebohrt bzw. Transparenz gefordert, welche Maßnahmen das BMEL zum Schutz der Saatgut-Vielfalt und bäuerlicher Praxis in Zukunft ergreifen wird.
Mit der Petition fordert Aktion Agrar den Ausstieg aus der Patentierung von Pflanzen, die Abkehr von Nischenregelungen für Erhaltungs- und sog. Amateur-Sorten und die Ablehnung von Freihandelsabkommen, die die Rechte von Bäuer*innen im Globalen Süden beschränken. Weitere Forderungen sind die stärkere öffentliche Förderung der ökologischen Züchtung von Pflanzen unter Berücksichtigung bäuerlicher Bedürfnisse und die Aufnahme von Saatgutvermehrung als Bestandteil der Ausbildung von zukünftigen Landwirt*innen und Gärtner*innen.
Die Forderung dieser konkreten Maßnahmen für Sortenvielfalt und für die Basis einer Landwirtschaft, die gentechnikfrei, zukunftsfähig und für den Klimawandel gewappnet ist, wurden ebenfalls im Rahmen ihrer Aktionsradtour im September 2020 an Claudia Dalbert, Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt, beim Öko-Aktionstag in Magdeburg übergeben.

www.aktion-agrar.de/saatgut-gemeingut

Schwangerschaft als Entscheidungsfall

Die Mühlen der Bürokratie mahlen bekanntlich langsam, aber stetig. Die finalisierte Versicherteninformationsbroschüre über die sog. nicht-invasiven Pränataltests (NIPT) auf Trisomien für werdende Eltern wurde Anfang Januar 2021 veröffentlicht und an den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) übergeben. Diese Übergabe markiert einen weiteren Schritt in Richtung Kostenübernahme durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) für die vorgeburtlichen Bluttests, welche insbesondere nach der Trisomie 21 (Down-Syndrom) suchen. Um über die konfliktreichen Konsequenzen des Verfahrens und der GKV-Kostenübernahme für werdende Eltern sowie für die schwangerschaftsbegleitenden Berufsgruppen zu diskutieren, lud die Pua-Fachstelle für Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin der Diakonie Württemberg Anfang Dezember 2020 zu einem interprofessionellen Fachforum ein. Unter dem Titel „Schwangerschaft als Entscheidungsfall: Wie viel Wissen tut uns gut?“ versammelten sich fast 100 Fachkräfte verschiedener Disziplinen im virtuellen Raum, um die Reichweite der problematischen Konsequenzen der NIPT und der aktuellen rechtlichen Regelung zu vorgeburtlicher Diagnostik insgesamt kritisch zu diskutieren.
Dank unterschiedlicher, sich hervorragend ergänzender Expertisen der Redner*innen, sowie der verschiedenen Hintergründe der Teilnehmenden, fand ein vielschichtiger, intensiver Austausch statt. Die Veranstaltung wurde ausführlich dokumentiert und alle Vorträge sind als kostenfreie Downloads zugänglich.

www.kurzelinks.de/gid256-tc
➤ Siehe auch Kurz notiert „Neutrale Informationsbroschüre?“, S.28 in diesem Heft

Von künstlicher Befruchtung bis Uterustransplantation

Am 17. Dezember 2020 gab Taleo Stüwe vom Gen-ethischen Netzwerk (GeN) einen Einführungsworkshop zu feministischen Perspektiven auf Reproduktionstechnologien. Ausgerichtet vom FRIEDA-Beratungszentrum für Frauen* in Berlin traf sich eine kleine Gruppe interessierter Teilnehmer*innen, um sich die medizinischen und rechtlichen Grundlagen der Reproduktionstechnologie erklären zu lassen, deren Potentiale für reproduktive Selbstbestimmung auszuloten und Gefahren für Ausbeutung und Diskriminierung aus feministischer Perspektive zu diskutieren. Alle Dimensionen und Widersprüche dieses komplexen Themas konnten in den für den Online-Workshop vorgesehenen anderthalb Stunden natürlich nicht abschließend besprochen werden. Vielmehr wurden zahlreiche Fragen aufgeworfen: Gibt es ein Recht auf Reproduktion? Ein eigenes – womöglich gesundes – Kind? Wem wird der Zugang zur Reproduktionsmedizin erleichtert? Wem erschwert oder sogar unmöglich gemacht? Welche gesundheitlichen und sozialen Fragen spielen im Kontext der „Eizellspende“ und „Leihmutterschaft“ eine Rolle? Und wie steht es um ein zeitgemäßes Verständnis von Familie? Die andiskutierten Fragen schufen Anknüpfungspunkte für die weiterführende Auseinandersetzung. Deutlich wurde, dass ein Verständnis der medizintechnischen Grundlagen und des rechtlichen Regelungsstandes zu reproduktionspolitischen Themen einer kritischen Diskussion zu Gute kommt und eine fundierte Meinungsbildung ermöglicht.

➤ Weitere Workshops zu den Grundlagen von Reproduktionstechnologien und Pränataldiagnostik sind in Planung und können beim GeN angefragt werden: gen@gen-ethisches-netzwerk.de

Nachruf (Kurzfassung)

Dr. Rainer Hohlfeld (05.09.1942 – 07.12.2020)
Biologe, Genetiker, Wissenschaftssoziologe und -philosoph

Am 7. Dezember 2020 ist Dr. Rainer Hohlfeld in seiner Geburtsstadt Berlin im Alter von 78 Jahren verstorben.
Rainer Hohlfeld war als Pionier eine einflussreiche Persönlichkeit unter den kritischen Biologinnen und Biologen, die eine selbstreflexive und gesellschaftlich verantwortliche Wissenschaft einfordern. Damit war er gleichzeitig ein Wanderer zwischen den Welten der Natur- und Gesellschaftswissenschaften, Jahre bevor der Begriff der Interdisziplinarität zu einem Credo im Wissenschaftssystem wurde.
Ein zentrales Thema seiner Forschung galt den – umfassend verstandenen – biologischen und gesellschaftlichen Folgen der Gentechnologie. Besonders ging es ihm dabei um die Grundlagen der Risikodebatte. Wie, so die Frage, können Risiken überhaupt ermittelt oder gar unter Kontrolle gebracht werden, wenn Gene aus ihrem Zusammenhang entfernt und in einen neuen Kontext übertragen werden? Welche gesellschaftlichen Veränderungen, welche ethischen und politischen Fragen werden damit aufgeworfen? Mit der entwickelten Strategie der „Rekontextualisierung“ lieferte Rainer Hohlfeld, gemeinsam mit Regine Kollek und Wolfgang Bonß (Bonß/Hohlfeld/Kollek 1993: „Wissenschaft als Kontext - Kontexte der Wissenschaft“), einen innovativen und in mehrfacher Hinsicht herausfordernden Beitrag zur Risikoforschung und der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Aushandlung der Entwicklung von Technologien und der Zumutbarkeit von Risiken.
Rainer Hohlfeld war über mehrere Jahrzehnte für Studierende, Forschende und politisch Aktive, die sich mit Gentechnik, Wissenschaftskritik und Gesellschaft befassten, ein wichtiger Mentor, dessen Klarheit und Tiefe der Argumentation eine wichtige Orientierung boten. Wir werden diesen klugen Gesprächspartner sehr vermissen – und viele von uns auch einen Wegbegleiter und Freund.

Hier finden Sie den ausführlichen Nachruf von Thomas Blachnik, Andrea Hilker, Thomas Konopka, Thomas Potthast und Monika Wächter:

 

 

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
256
vom Februar 2021
Seite 4 - 5

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