In Bewegung

Mehr Sichtbarkeit für Menschen mit Down-Syndrom

Am 08. Juli 2021 fand eine mehrsprachige Online-Konferenz zur Verbesserung der Sichtbarkeit von Menschen mit Down-Syndrom in Europa statt. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von EU for TRISOMY 21. Das Bündnis aus Verbänden, Bürger*innen und Politiker*innen wurde 2020 gegründet und setzt sich seither für die Belange von Menschen mit geistiger Behinderung – Personen mit Trisomie 21 im Besonderen – im Europäischen Parlament und in Europa ein.
Zunächst wurden konkrete Beispiele ableistischer Diskriminierung der vergangenen Jahre aus Frankreich und Großbritannien vorgestellt und kritisiert. Anschließend wurde unter anderem ausführlich über die problematischen Dimensionen der vorgeburtlichen Suche nach Föten mit Trisomie 21 gesprochen. Tina Sander, Mitarbeiterin des Kölner Inklusionsvereins mittendrin e.V., stellte die Arbeit des #NoNIPT Bündnisses vor, welches sich gegen die Kassenfinanzierung des genetischen Bluttests auf Trisomien in Deutschland einsetzt. Damit ist das vom GeN mitgegründete zivilgesellschaftliche Bündnis nun über die Landesgrenzen hinweg bekannt und erfährt internationale Unterstützung. Die französische Philosophin Danielle Moyse berichtete aus ihrer Forschung, dass bereits vor über 20 Jahren eine Verschiebung der pränataldiagnostischen Ziele stattgefunden hat. Sei es zuvor vorrangig um Heilung oder Verbesserung der Geburtsplanung gegangen, stünden seither Screening-Untersuchungen im Vordergrund, die zur Selektion führen. Menschen mit Behinderung fühlen sich durch diese weitestgehend normalisierte Praxis diskriminiert. Die Forderung: Forschungsgelder sollen für die Verbesserung der medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderung und andere Inklusionsmaßnahmen ausgegeben werden und nicht für den Ausbau vorgeburtlicher Screeningverfahren.
Die Veranstaltung fand im Rahmen der „Konferenz zur Zukunft Europas“ statt und diente somit zur Erörterung von Herausforderungen und Prioritäten für die Zukunft der Europäischen Union. Wie verbreitet eine „schambehaftete Abwehrhaltung gegenüber Behinderung“ (Tina Sander) weiterhin ist, wurde in mehreren Beiträgen deutlich. Ein klares Ergebnis der Veranstaltung: Die kritische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Einsatz vorgeburtlicher Suchtests auf Trisomie 21 sollte dringend Teil europapolitischer Maßnahmen für mehr Sichtbarkeit und gute Lebensbedingungen für Menschen mit Trisomie 21 sein. (ts)

www.eufortrisomy21.eu/de
➤ #NoNIPT Bündnis gegen die Kassen­zulassung des Bluttests auf Trisomien www.nonipt.de

Neue Gentechnik: Briefaktion zur Bundestagswahl

Das Jahr 2021 ist ein wichtiges Wahljahr. Anlässlich der immer näher rückenden Wahl zum Bundestag am 26.09.2021 hat das GeN deshalb gemeinsam mit Testbiotech, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der IG Saatgut und einigen anderen Organisationen eine Mitmachaktion zum Thema neue Gentechnik ins Leben gerufen. Die Aktion richtet sich an die aktuellen Kanzlerkandidat*innen Annalena Baerbock (Bündnis90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD), aber auch an andere Politiker*innen wie beispielsweise Ministerpräsident Markus Söder. Dafür haben die Organisationen einen Brief und einen Aufruf verfasst. Darin werden die Politiker*innen zur Unterstützung einer strengen Regulierung der neuen Gentechniken aufgerufen und daran erinnert, welche Folgen der Wegfall einer gesetzlich vorgeschriebenen Zulassungsprüfung für unsere Lebensgrundlagen haben könnte. Die gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung könnte dann nicht mehr geschützt werden. Zudem fordert der Brief die Politiker*innen dazu auf, das Anliegen nach einer strengen Regulierung auch nach der Bundestagswahl weiterhin stark zu machen. Der Brief kann einfach unterzeichnet und an die gewünschten Politiker*innen versendet werden. Der Anlass ist drängend, denn die EU-Kommission erwägt, für viele Pflanzen und Tiere, deren Erbgut mit neuen Gentechnikverfahren wie CRISPR-Cas verändert wurde, die gesetzlich verpflichtende Risikoprüfung und Kennzeichnung abzuschaffen. Um eine weitere Auseinandersetzung der interessierten Öffentlichkeit mit dem Thema zu erleichtern, werden auf der Seite der Mitmachaktion zahlreiche Publikationen und Informationsmaterialien verlinkt – darunter auch einige Publikationen des GeN sowie die Audiofolgen des GeN-Podcasts „Hingehört und Nachgefragt“. (pv)

➤ Mitmachaktion unter www.testbiotech.org/gentechnik-grenzen/mitmachen

Zum Tod des Wissenschaftskritikers Richard Lewontin

Am 4. Juli dieses Jahres verstarb Richard „Dick“ Lewontin im Alter von 92 Jahren und damit einer der vehementesten innerwissenschaftlichen Kritiker*innen biologischer Reduktionismen. Als Evolutionsgenetiker forschte Lewontin zur Bedeutung und Allgegenwart genetischer Variabilität und war an wichtigen technischen Neuentwicklungen beteiligt. Im deutschen Sprachraum wurde er spätestens Ende der 1980er Jahre als Mitautor des Buches „Die Gene sind es nicht: Biologie, Ideologie und menschliche Natur“ bekannt. Seine scharfe Kritik am Mainstream der Evolutionsforschung, an Konzepten der Soziobiologie und der Evolutionären Psychologie, am allgemeinen Gen-Zentrismus und an der vor allem auf Vererbung fokussierten Intelligenzforschung machten ihn zu einer wichtigen Referenz für viele wissenschafts- und herrschaftskritische Fragestellungen. Zu einer zentralen antirassistischen Argumentation trug außerdem eine 1972 von ihm veröffentlichte Studie bei, in der er zeigte, dass der Anteil genetischer Variation innerhalb menschlicher Gruppen sehr viel höher ist (85%) als zwischen Populationen (8,3%) oder als „Rassen“ klassifizierten Gruppen (6,3%). Das widersprach der in der Humanevolutionsforschung vorherrschenden Sicht, wonach sich die menschlichen Großgruppen genetisch deutlich voneinander unterscheiden würden.
Als politisch engagierter Mensch protestierte Lewontin gegen den Vietnamkrieg, unterstützte die Black-Power-Bewegung, war aktiv bei Science for the People und verfasste gemeinsam mit anderen Abhandlungen zur gesellschaftlichen Eingebundenheit der Biowissenschaften. Sein Engagement empfand er aber nicht als etwas Hervorzuhebendes. Jedenfalls wollte er, als ich ihn vor einigen Jahren an seinem Arbeitsplatz an der Harvard University traf, vielmehr über die Gefahren, die mit der allgemeinen Verfügbarkeit der Sequenzierung des menschlichen Genoms einhergehen, reden und beendete das Gespräch mit den Worten: „Ich denke das Schlimmste […] nein, ich fürchte, dass uns die DNA noch lange Zeit beschäftigen wird.“

Nachruf von Tino Plümecke

Mediziner*innen gegen Profite

Am 16. Juni rief ver.di anlässlich der digitalen Konferenz der Gesundheitsminister*innen zum bundesweiten Protest gegen die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens auf. Teil des Aktionsbündnisses war auch die Initiative „Junge Mediziner*innen gegen Profite“, die die Kritik an der Profitorientierung um eine studentische Perspektive erweitert. Ihre Forderung ist die Abschaffung von Gewinnerwirtschaftung im Gesundheitswesen, die für schlechte Betreuungsqualität und prekäre Arbeitsbedingungen verantwortlich sei. Die Ziele sind daher eine bedürfnisorientierte Gesundheitsversorgung und ein neues Verständnis der Medizin als Daseinsvorsorge, unabhängig von Profitzwängen. Bei Kundgebungen, die über einen Livestream miteinander verbunden waren, Infoständen und Demonstrationen in vielen deutschen Großstädten machten die Protestierenden klar: Auch wenn kurz vor der Bundestagswahl ein Gesetzentwurf zur Verbesserung des Gesundheitssystems den nächsten jagt, spitzt sich die Lage für Arbeitnehmer*innen immer weiter zu; besonders aus der Corona-Pandemie müssen Lehren gezogen und grundlegende Verbesserungen kurzfristig umgesetzt werden. (lm)

www.gesundheit-soziales.verdi.de
www.jmgp.de

200.000 Unterzeichner*innen sagen Stopp!

Die Unterschriftenaktion für den sofortigen Stopp von Patenten auf Saatgut von Keine Patente auf Saatgut! zusammen mit WeMove, dem Umweltinstitut München, dem GeN und einigen anderen ist beendet. Fast 200.000 Unterschriften wurden gesammelt und dem Europäischen Patentamt vor der vierteljährlichen Tagung am 29. Juni 2021 überreicht. Mit der Aktion soll deutlich gemacht werden, dass Privatpersonen und viele Verbände in Deutschland sich gegen die Patentierung von Pflanzen aussprechen. Durch den kontinuierlichen Protest zu dem Thema haben wir es geschafft, dass sich das Europäische Patentamt und das zuständige Ministerium nun vertieft mit dem Thema befassen musste. So hatte das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz am 8. Juli zum Online-Symposium „Patentierbarkeit von Pflanzen und Tieren – Gestaltungsspielräume und Reformbedarf?“ geladen. Keine Patente auf Saatgut! sowie die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) konnten auf dem Symposium sprechen und unsere gemeinsame Sichtweise erläutern. (jd)

➤ PM Keine Patente auf Saatgut!: www.no-patents-on-seeds.org
➤ Informationen zum Symposium: www.bmjv.de oder www.kurzelinks.de/gid258-je

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
258
vom August 2021
Seite 4 - 5

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