Materialien

Care-Arbeit und Digitalisierung

Das Dossier des Vereins für feministische Netzpolitik beleuchtet verschiedene Aspekte von Sorgearbeit in Zeiten der Digitalisierung. Die Autor*innen thematisieren die digitale Begleitung von Elternsein und Nichtsein in Form von Zyklus- und Schwangerschafts-Apps. Und sie analysieren die digitalen Communities in den sozialen Medien, die sich mit reproduktiver Arbeit beschäftigen.

 

Genome Editing und Reproduktionsmedizin

Ein Bericht des The Othering & Belonging Institute der University of California thematisiert die Risiken von Genome Editing an Embryonen im Kontext von Kinderwunschbehandlungen. Die Autor*innen arbeiten heraus, dass die Ziele von genetischen Keimbahnveränderungen nicht nur bestehende soziale und ethische Probleme von Reproduktionstechnologien verschärfen, sondern auch völlig neue Herausforderungen schaffen würden.

  • Mukherjee M./ Shirinia, N. (2022): Engineering For Perfection. The False Promises of Gene Editing in Assisted Reproduction. The Othering & Belonging Institute, Englisch, online: www.kurzelinks.de/gid264-cf.

 

Race“ und Wissenschaft

Obwohl die Existenz von „Menschenrassen“ seit langem wissenschaftlich widerlegt ist, mag die biomedizinische und genetische Forschung die Idee von biologischen Unterschieden zwischen rassialisierten Menschengruppen nicht loslassen. Eine Artikelsammlung des digitalen US-amerikanischen Magazins Undark beschäftigt sich mit Rassismus und dem „Rasse“-Begriff in der Wissenschaft – historisch sowie aktuell.

 

„Babys machen?“ in der Schweiz

Die Ausstellung „Babys machen? Eizellenspende und Reproduktionstechnologien“ war vom 25.11.22 bis zum 14.01.23 im Kornhausforum in Bern zu sehen. Die Diskussionsveranstaltungen, die im Rahmen der Vernissage und der Finissage stattfanden, stehen online zu Verfügung. Im Rahmen der Vernissage nahmen die Sozialanthroprologin Laura Perler, die Fotografin Tamara Sánchez Pérez, die in der Ausstellung portraitierte „Eizellspenderin“ Alba Cambeiro Vernadas und die ebenfalls in der Ausstellung mit Auszügen eines Videotagebuchs vertretene Empfängerin Sabina Rhyner unter Moderation von Carolin Schurr (Professorin am Geographischen Institut der Universität Bern) teil. Bei der Finissage moderierte Michael Braunschweig vom Forschungsprojekt „Human Reproduction Reloaded“ der Universität Zürich die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Eizellenspende in der Schweiz – Was heißt gerechte Reproduktion?“. Als Expert*innen waren Christina Bachmann-Roth (Präsidentin der Die Mitte Frauen, Schweiz), Derya Binışık (Referentin für reproduktive Gerechtigkeit am Gunda-Werner-Institut, Berlin), Lisa Mazzone (Ständerätin GRÜNE, Schweiz) sowie Markus Zimmermann (Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin) zu Gast.

 

Transnationaler feministischer Austausch zu Reproduktion

Als Teil der englischsprachigen Online-Veranstaltungsreihe „Transnational feminist dialogues“ des Margherita-von-Brentano-Zentrums (Freie Universität Berlin) referierten und diskutierten am 13. Januar 2023 die Wissenschaftlerinnen Dr. Anindita Majumdar (Indian Institute of Technology Hyderabad), Dr. Lucy van de Wiel (Kings College London) und Dr. Nicola Williams (Lancaster University) über Reproduktionstechnologien. Der Fokus lag dabei auf den umstrittensten Verfahren der Gegenwart und Zukunft, deren Anwendung auf das Mitwirken Dritter (bei „Eizellspende“, „Leihmutterschaft“, Uterustransplantation) oder die Entwicklung und den Einsatz von künstlichen Körperteilen (artifizielle Uteri) angewiesen sind. Aus feministischer Perspektive wurde nach den sozialen und ethischen Implikationen dieser Technologien gefragt.

  • Transnational feminist dialogues: Reproductive Presents and Futures: Assisted Reproductive Technologies Within and Outside the Body. Die Aufzeichnung ist online: www.kurzelinks.de/gid264-tf.

 

Gentechnik im Naturschutz

Die Überlegungen Gentechnik zum Zwecke des Naturschutzes einzusetzen ist neu. Bisher wurden gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere ausschließlich in der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion eingesetzt. Ihre Freisetzung wurde kontrolliert und eine Ausbreitung in Ökosysteme und Wildpopulationen war unerwünscht. Dies änderte sich mit den neuen Gentechniken und der damit verbundenen Möglichkeit Gene Drive Organismen zu entwickeln. In dem Positionspapier des Bundesamtes für Naturschutz argumentiert das Amt, warum wild lebende Organismen nicht zu Naturschutzzwecken und unter Unkenntnis möglicher Schäden gentechnisch verändert werden sollten.

 

Gefahrenpotenzial zu hoch

Das umfangreiche Hintergrundpapier über die ökologischen Risiken der neuen Gentechnikverfahren des BUND geht insbesondere auf die CRISPR-Cas-Technologie ein. Dabei wird das Umweltrisiko spezieller Eigenschaften von Pflanzen, die mit neuer Gentechnik (NGT) verändert wurden, näher beleuchtet. Der Fokus liegt dabei auf Pflanzen, die entweder den aktuellen Markt dominieren oder Zukunftsversprechen im Agro-Gentechnikbereich darstellen. Hier wird deutlich, dass ein Halten dieser Versprechen unwahrscheinlich ist und dass eine Freisetzung von NGT-Pflanzen voraussichtlich gravierende Umweltveränderungen mit sich bringt. Dies sind, so die Schlussfolgerung des Papiers, keine guten Voraussetzungen für eine vereinfachte Zulassung von NGT-Pflanzen.

 

Patente und neue Gentechnik

Nein, die neue Gentechnik wird nicht zur großen Vielfalt bei den Saatguthersteller*innen führen. Friend of the Earth, Corporate Europe Observatory und andere Organisationen haben recherchiert und einen gemeinsamen Bericht herausgebracht. In ihm wird erläutert welche Firmen die meisten Patente halten, welche Folgen die neuen Gentechniken auf den Saatgutmarkt haben und welche Lösungsansätze es für die antizipierten negativen Auswirkungen gibt.

  • Friends of the Earth Europe, Corporate Europe Observatory, Arche Noah, IG Saatgut und Arbeiterkammer Wien (2022): EXPOSED – How biotech giants use patents and new GMOs to control the future of food. GLOBAL2000, 11 Seiten, online: www.global2000.at oder www.kurzelinks.de/gid264-jc.

 

Die Patente des Saatgut-Konzerns KWS

Die KWS hat mehr als 100 internationale Patentanträge angemeldet, die Pflanzen betreffen. Viele dieser Anträge erstrecken sich auf Pflanzeneigenschaften, die aus konventioneller Zucht stammen oder ohne menschliches Zutun entstanden sind. Verwendet jemand die von Patenten betroffenen KWS-Sorten, braucht die Person für deren Vermarktung eine Lizenz oder muss Patentrechtsstreitigkeiten befürchten. Somit wird der Zugang zur biologischen Vielfalt, die Grundlage der Züchtung, behindert. Keine Patente auf Saatgut! hat recherchiert und ihre Ergebnisse zum international tätigen Unternehmen mit Sitz in Deutschland veröffentlicht.

  • Keine Patente auf Saatgut! (2022): KWS-Patente gefährden Pflanzenzucht in Europa – Firma meldet immer mehr Patente auf Pflanzen und deren Gene aus konventioneller Züchtung an. No Patents on Seeds, 13 Seiten, online: www.no-patents-on-seeds.org oder www.kurzelinks.de/gid264-jb.

 

Biotechnologien als Antwort auf den Klimawandel?

Die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) befasst sich in ihrem Bericht mit den Auswirkungen der aktuellen Landwirtschaft auf das Klima. Im nächsten Schritt werden die technischen Optionen, die der Landwirtschaft offenstehen, um Emissionen zu reduzieren und sich an die Herausforderungen des Klimawandels anzupassen, beleuchtet. Dabei geht die EKAH auch auf gentechnische Verfahren ein.

 

Das Geschäft mit dem Gift

Pestizide und chemische Dünger werden entwickelt, um die landwirtschaftlichen Erträge zu verbessern. Gleichzeitig, und das wird immer deutlicher, hat der jahrelange Verbrauch dieser Stoffe die Ökosysteme soweit belastet, dass die Landwirtschaft drunter leidet. Dennoch gibt es nur wenige und halbherzige Versuche, Alternativen zu gehen. Daran verdienen tun Unternehmen wie Bayer oder Syngenta, die im deutschsprachigen Raum ihre Hauptsitze haben. Im Rundbrief werden Beispiele zu Alternativen und Regulationen aus Deutschland, der EU und dem Globalen Süden aufgezeigt.

 

Keine falschen Versprechen

In einer Konzeptstudie analysieren die Autor*innen die Wirksamkeit technischer Innovationen für globale Probleme und schlagen alternativ einen zielorientierten Ansatz vor. Um den hochgesteckten Zielen zur Bekämpfung des Klimawandel nicht zu erliegen, sollten Ziele formuliert werden, die dem menschlichen Wohlbefinden dienen. Am Beispiel der Ernährungskrise wird gezeigt, dass tiefgreifende Veränderungen in sozialen und ökologischen Systemen als Lösung vermutlich eher dienen, als sich auf technologie-basierte Versprechen zu verlassen.

  • Heinemann, J. A./Hiscox, T. C. (2022): Rethinking the drivers of biotechnologies: a paradigm for holistic climate change solutions. Current Opinion in Environmental Sustainability, online: www.doi.org/10.1016/j.cosust.2022.101222.
GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
264
vom Februar 2023
Seite 10 - 12

GID-Redaktion

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