Materialien

Deregulierung der neuen Gentechnik

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der französischen Agentur für Umweltschutz und Lebensmittelsicherheit (ANSES) betont die Notwendigkeit einer Risikobewertung von Pflanzen, die aus neuer Gentechnik (NGT) stammen. Die Behörde fordert, dass sowohl beabsichtigte als auch unbeabsichtigte genetische Veränderungen berücksichtigt werden müssen. ANSES zeigt, dass die Eigenschaften von NGT-Pflanzen nicht mit denen aus konventioneller Züchtung gleichgesetzt werden können. Der Bericht wurde von der französischen Regierung zunächst zurückgehalten und erst Wochen, nachdem das EU-Parlament über den Gesetzesvorschlag zur Deregulierung von NGTs abgestimmt hatte, veröffentlicht.

ANSES (2024): Risques et enjeux socio-économiques liés aux plantes NTG – Avis de l’Anses Rapport d’expertise collective. Anses, PDF, 34 Seiten, Französisch, online: www.anses.fr oder www.kurzelinks.de/gid269-ea.

 

Belgiens Gesundheitsbehörde zu NGT

Der Belgian Superior Health Council (SHC) – eine belgische Gesundheitsbehörde – hat einen sehr einseitigen Bericht zu dem Deregulierungsentwurf der EU-Kommission zu neuen Gentechniken veröffentlicht. Mit einer sehr theoretischen Perspektive auf die Auswirkungen des Gesetzesentwurfs werden realen Szenarien der neuen Gentechnik in Europa keine Beachtung geschenkt. Dabei werden sowohl Anwendungsmöglichkeiten wie auch Risiken der Technologie außer Acht gelassen.

Superior Health Council (2024): Proposal of European regulation on plants produced by certain New Genomic Techniques (NGTs). Superior Health Council, PDF, 52 Seiten, Englisch, online: www.health.belgium.com oder www.kurzelinks.de/gid269-eb.


Weltweite Auswirkungen

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat ihren Pestizidatlas von 2022 mit neuen Beiträgen ergänzt. Dabei handelt es sich um übersetzte Artikel aus dem brasilianischen und französischen Pestizidatlas 2023. Von den Folgen von Pestiziden für unterschiedliche Körper, über die unethischen Exportstandards der Pestizid-produzierenden Länder bis hin zu Konflikten durch Landraub werden eine Vielzahl von verschiedenen Themen abgedeckt. Immer mit einem direkten Bezug zu Brasilien oder Frankreich – und von Autor*innen aus dem jeweiligen Land geschrieben.

Originalveröffentlichung: Heinrich-Böll-Stiftung (2022): Daten und Fakten zu Giften in der Landwirtschaft, 52 Seiten, ISBN: 978-3-86928-242-8, Ergänzungen von 2023 online unter www.boell.de/de/pestizidatlas.


Juristisches Gutachten zu NGT

Es ist ein weiteres Rechtsgutachten zu dem Gesetzesentwurf zur Deregulierung der neuen Gentechniken erschienen. Der zuständige Jurist der Universität Bremen, kommt wie auch in den vorherigen Berichten zu dem Schluss, dass der Gesetzestext unvollständig ist. Er fordert, gentechnisch veränderte Kulturpflanzen kontrolliert einzubringen und die bestehenden Regulierungsmaßnahmen vorsichtig zu lockern. Zugleich sei ein überprüfbarer Beitrag zur Nachhaltigkeit notwendig – um Risiken zu minimieren und das Potenzial der Technologie für die Gesellschaft zu fördern.

Winter, G. (2024): So nicht! Aber anders? Eine Bewertung des Kommissionsvorschlags über Pflanzen aus neuen genomischen Techniken. In: AUR, S. 362-367, online: www.aur-net.de oder www.kurzelinks.de/gid269-ed.


Bodenatlas

In ihren jährlich erscheinenden Atlanten bereitet die Heinrich-Böll-Stiftung Wissen in kompakter und anschaulicher Form auf. Dieses Jahr geht es um Böden: Der Bodenatlas präsentiert Daten und Fakten in Artikeln und übersichtlichen Infografiken über die Bedeutung und den Zustand von Land, Böden und Ackerflächen.

Heinrich-Böll-Stiftung (2024): Bodenatlas. Daten und Fakten über eine lebenswichtige Ressource. Kostenlos als PDF, 52 Seiten, ISBN: 978-3-86928-260-2, online: www.boell.de/de/bodenatlas.


Dritter Bericht Präimplantationsdiagnostik

Die Unterrichtung der Bundesregierung gibt Aufschluss über die aktuelle Lage in der Praxis der Präimplantationsdiagnostik (PID) und liefert Zahlen zur Umsetzung in den einzelnen Bundesländern durch die jeweiligen Ethikkommissionen. Anhand des Berichts lässt sich nachvollziehen, dass es im Berichtszeitraum von 2019 bis 2022 zu einer leichten Zunahme der Anträge auf PID gekommen ist. Ebenso zugenommen hat die Zahl der genehmigten Untersuchungen auf Grundlage eines angenommenen „hohe[n] Risiko[s] einer schwerwiegenden Erbkrankheit für die Nachkommen“. Mögliche Ursachen, wie eine veränderte Rechtsprechung, sind ebenfalls Gegenstand des Berichts.

Unterrichtung durch die Bundesregierung (12.01.24): Dritter Bericht der Bundesregierung über die Erfahrungen mit der Präimplantationsdiagnostik, Bundestag Drucksache 20/10060, 48 Seiten, online: www.bundestag.de.


Gutachten Online-Gentests

Der Markt für Gentests, die direkt von Kund*innen über das Internet erworben werden, wächst auch in Deutschland. Anbieter versprechen Informationen über Herkunft und Gesundheit und geben genbasierte Ernährungstipps. Dabei verstoßen die Herstellerfirmen regelmäßig gegen die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und das Gendiagnostikgesetz (GenDG), wie ein juristisches Gutachten des Datenschutzexperten Dr. Thilo Weichert zeigt.

Netzwerk Datenschutzexpertise (23.01.24): Online-Gendiagnostik und Datenschutz. Direct-to-Consumer-Gentests als Herausforderung. PDF, 31 Seiten, online: www.netzwerk-datenschutzexpertise.de oder www.kurzelinks.de/gid269-bf.


Teure Gentherapien 

Immer mehr und immer teurere Gentherapien werden in Deutschland zugelassen. Die finanzielle Belastung für die Solidargemeinschaft steigt, gleichzeitig wird befürchtet, dass eine Begrenzung der Preismargen zu einem sinkenden Interesse der Pharmaindustrie führt, die neuen Therapien zu entwickeln. Zudem sind Gentherapien zu kurz auf dem Markt, um das Versprechen lebenslanger Heilung durch nur eine Behandlung bestätigen zu können. Mit diesem komplexen Dilemma beschäftigt sich ein Bericht der Techniker Krankenkassen (TK) in Zusammenarbeit mit aQua – Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH.

TK/aQua (2024): Arzneimittel-Fokus. Gentherapeutika – Hoffnungsträger oder Systemsprenger? PDF, 88 Seiten, online: www.tk.de oder www.kurzelinks.de/gid269-bh.


Diskriminierungsfreies Gesundheitssystem

Aus Sorge um den Anstieg von Hass und Hetze und das Infragestellen demokratischer Werte, hat die Bundesärztekammer gemeinsam mit rund 200 Verbänden und Organisationen aus dem Gesundheitswesen eine kurze aber deutliche Erklärung verfasst. „Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte“ seien „für ein menschliches, diskriminierungsfreies Gesundheitswesen essenziell“. Medizin kenne keine Grenzen, so die Autor*innen.

Bundesärztekammer (18.03.24): Gemeinsame Erklärung: Demokratie und Pluralismus als Fundament für ein menschliches Gesundheitswesen. Online: www.bundesaerztekammer.de oder www.kurzelinks.de/gid269-bg.


RNA im Fokus

Ribonukleinsäure (RNA) stand im Forschungsinteresse lange im Schatten von DNA. Nicht zuletzt durch die Entwicklung von mRNA-Impfstoffen in der Covid-19-Pandemie ist das Potenzial therapeutischer Anwendungen in den Fokus gerückt. Aber nicht nur medizinisch, auch in Bezug auf landwirtschaftliche Technologie versprechen sich Wissenschaftler*innen Fortschritte durch ein besseres Verständnis des kleinen Moleküls. Die US-amerikanischen nationalen Wissenschaftsakademien (NAS) fordern daher eine gezielte, groß angelegte Anstrengung zur Beschleunigung der Forschung, um das volle Potenzial von RNA-Modifikationen auszuschöpfen. In Ihrem Bericht wird der aktuelle Stand der Wissenschaft dargestellt und ein „Innovationsfahrplan“ vorgeschlagen.

NAS (2024): Charting a Future for Sequencing RNA and its Modifications: A New Era for Biology and Medicine. The National Academies Press, www.doi.org/10.17226/27165.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
269
vom Mai 2024
Seite 34 - 36

GID-Redaktion

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