Das Geschäft mit den Körpern

Die Kommerzialisierung von Reproduktionstechnologien in den USA

In den USA werden die Gesetze um „Eizellspende“ und „Leihmutterschaft“ immer weiter liberalisiert. Die Verfahren assistierter Reproduktion in privaten Kliniken sind ein Milliardengeschäft. Dieser Artikel bietet einen Überblick über aktuelle Entwicklungen.

Werbebroschüre für Angebote assistierter Reproduktion

Die Gesetzeslage nimmt der Reproduktionsindustrie ind en USA kein Wind aus den Segeln. Foto: Kirsten Achtelik

Die assistierte Reproduktion und damit verbundene Technologien, so zum Beispiel die sogenannte „Eizellspende“ oder „Leihmutterschaft“, aber auch das Verfahren des „Social Freezings“ sind seit Jahren auf dem Vormarsch. In den USA stellt der Markt einen rapide wachsenden Dienstleistungssektor dar1. In diesem Artikel wird der Begriff der Dienstleistung im Sinne von Arbeit  verstanden. Dies dient dazu, Kritik an den prekären Arbeitsbedingungen in diesem Bereich anzubringen. Mehr zur Verwendnung des Begriffs der Arbeit im Kontext assistierter Reproduktion finden Sie hier. Immer mehr Wunscheltern bedienen sich des Angebots, um ihren unerfüllten Kinderwunsch zu realisieren1. Seit Anfang Februar ist nun auch im Bundesstaat New York die kommerzielle „Leihmutterschaft“ gesetzlich zugelassen.

Liberalisierung der Leihmutterschaft in New York

Die gesetzlichen Regelungen zur „Leihmutterschaft“ sind in den USA nicht einheitlich, sondern stark von dem betreffenden Bundesstaat abhängig. New York war bis Anfang des Jahres mit Louisiana und Michigan einer der letzten Staaten, in dem die restriktiven Gesetze aufrechterhalten wurden und die kommerzielle „Leihmutterschaft“ verboten war2. Diese Beschränkung wurde nun Anfang des Jahres aufgehoben und ein Gesetz für die Liberalisierung verabschiedet3.
Dem neuen Gesetz ging eine lange kontroverse Diskussion voraus; vorherige Gesetzentwürfe aus den Jahren 2012 und 2019 waren abgelehnt worden. Kritik übten damals unter anderem Feminist*innen und Vertreter*innen, die sich gegen die Ausbeutung potentieller „Leihmütter“ in finanziellen Notlagen aussprachen sowie Vertreter*innen der katholischen Kirche. Das nun verabschiedete Gesetz greife diese feministischen Kritikpunkte auf und setzte neue ethische Standards, so Awyer Vicki Ferrara, Gründerin und Rechtsdirektorin von Worldwide Surrogacy in Fairfield, Connecticut, einer Vermittlungsagentur für Menschen mit Kinderwunsch und „Leihmütter“.
Die jüngsten Rechtsvorschriften umfassen einen strengeren Schutz durch eine "Surrogates Bill of Rights"(Verfassungszusatz zum Schutz von „Leihmüttern“). Diese soll die Bedenken ausräumen und sicherstellen, dass das uneingeschränkte Recht der Dienstleister*innen, die in diesem Bereich arbeiten, ihre eigenen Entscheidungen im Gesundheitswesen zu treffen, gewährleistet ist – einschließlich der Frage, ob eine Schwangerschaft beendet oder fortgesetzt werden soll. Außerdem sollen alle „Leihmütter“ einen von den beabsichtigten Eltern finanzierten Zugang zu einer umfassenden Krankenversicherung und einem unabhängigen Rechtsbeistand ihrer Wahl haben.
Awyer Vicki Ferrara sagte, das neue Gesetz bringe "Leihmutterschaft in einen neuen Bereich der Ethik, den wir in anderen Staaten nicht gesehen haben"3.

Ausbeutung durch Kommerzialisierung

Wie Studien und Interviews der Wissenschaftlerin Dr. Diane Tober zum assistierten Reproduktionsverfahren der „Eizellspende“ in den USA zeigen, ist diese liberale Gesetzeslage jedoch verhängnisvoll für Personen in finanziellen Notlagen. Die USA seien das einzige Land, in dem „Spender*innen“ Ausbildungskosten und damit verbundene Schulden als treibende Kraft für ihre Entscheidung, sich dem Verfahren der „Eizellspende“ zu unterziehen, nannten. So gaben bei einer Umfrage über sechzig Prozent der „Spender*innen“ an, die Entscheidung für den Eingriff aus finanzieller Not heraus getroffen zu haben, fast die Hälfte bezog sich spezifisch auf Ausbildungskosten als Grund ihrer Verschuldung. Dies hänge mit der Entwicklung zusammen, dass sich die Kosten für ein Studium an einer amerikanischen Hochschule in den letzten 20 Jahren im Durchschnitt verdreifacht haben4.
Die „Eizellspende“ erfordert eine wochenlange Hormonstimulation und stellt einen invasiven medizinischen Eingriff dar, der mit körperlichen und psychischen Risiken verbunden ist5. Allerdings gaben mindestens dreißig Prozent der innerhalb der Studie Befragten an, sich vor dem Eingriff nicht ausreichend über potentielle Kurz- und Langzeitfolgen informiert gefühlt zu haben.
Einige „Spender*innen“, die an der Studie teilnahmen, hatten bereits 19 sogenannte Spende-Zyklen hinter sich; weit mehr als die von der „American Society für Reproductive Medicine“ empfohlene Höchstanzahl von sechs Zyklen pro „Spender*in“4. Umso bedenklicher ist damit die Tatsache, dass das finanzielle und gesundheitliche Risiko für die möglichen Konsequenzen der weitreichenden und potentiell gesundheitsgefährdenden Behandlungen bei den Dienstleistenden liegt. Trotz der inflationären Anwendung der Verfahren wurden bisher nur wenige Studien zu Langzeitfolgen durchgeführt, bemängelten Kritiker*innen im Rahmen von Stellungsnahmen zur Anhörung im Bundesausschuss. Auch gibt es durch die liberale Gesetzeslage in den USA keine ausreichenden Regulierungen, um „Spender*innen“ zu schützen.
Aufgrund dieser Studienergebnisse stellt Tober die Forderung an die US-Regierung, die Belastung junger Menschen durch die immensen Studiengebühren und damit verbundenen Verschuldungen, von denen im Besonderen Frauen, Studierende of Color und Erstakademiker*innen betroffen sind, ernst zu nehmen und gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um diese zu reduzieren4.

Angebot und Nachfrage – Konzerne bieten „fertility benefits“

Bei großen US-Konzernen werden Kund*innen für die Angebote der Reproduktionskliniken geschaffen; sogenannte „fertility benefits“ gehören seit Jahren zum Katalog der inkludierten Leistungen für Arbeitnehmende. Dazu zählt die zumindest anteilige Kostenübernahme für die Inanspruchnahme von „Eizellspende“ und Adoptionsverfahren oftmals genauso wie die Kostenübernahme für das sogenannte „Social Freezing“, also das Einfrieren von fruchtbaren Eizellen für die spätere Erfüllung eines möglichen Kinderwunsches6. Große Konzerne wie Apple und Facebook erregten im Jahr 2014 mediale Aufmerksamkeit, als sie als erste große Arbeitgeber in den USA die Kostenübernahme bei Mitarbeiter*innen einführten, die keine medizinische Notwendigkeit einer Konservierung der Eizellen aufwiesen7.
Es sei sehr schwierig für Frauen*, in der männerdominierten Arbeitswelt von US-amerikanischen Tech-Unternehmen eine erfolgreiche Karriere und die Erfüllung des Kinderwunsches zu verbinden, so Brigitte Adams, Anwältin für „Egg freezing“ und Gründerin einer Selbstvertretungsorganisation für Kund*innen. Die Unternehmen unterstützen damit Frauen* in ihrer Lebens- und Karriereplanung.
Jedoch gibt es bei der extrem kostenintensiven Behandlung keine Garantie auf Erfolg, und das Angebot der Kostenübernahme könnte den Druck erhöhen die Realisierung eines Kinderwunsches aufgrund der Aussicht auf bessere Karrierechancen oder der Hoffnung auf Beförderung nach hinten zu verschieben. Auch beim „Social Freezing“ sind eine intensive Hormonbehandlung und meist mehrere Behandlungszyklen notwendig, um eine ausreichende Anzahl an reifen Eizellen zu generieren. Nahe liegt somit, dass sich Viele dieser Behandlung aus dem Druck heraus unterziehen, aufgrund von Elternschaft keine Nachteile auf dem Arbeitsmarkt erfahren zu wollen. So wendet unter anderem Glenn Cohen, Experte für Gesundheitsrecht und Bioethik an der Havard Law School, ein, das Angebot der Unternehmen könne auch das Signal senden, dass der Aufbau einer Karriere und eine Schwangerschaft inkompatibel seien. Während Unternehmen, die „Social Freezing“ durchführen, bei Werbeaktionen wie den sogenannten „Egg freezing parties“ mit der Verlässlichkeit der Technik und damit werben, dass Frauen* am Tag nach dem Eingriff wieder arbeitsfähig seien, ist das Verfahren für Arbeitgeber*innen extrem profitabel. Diese versprechen sich davon eine Senkung der Kosten für Personalsuche, da Arbeitnehmer*innen damit an das Unternehmen gebunden werden; außerdem können die Firmen damit verhindern, dass im Verlauf des Anstellungsverhältnisses höhere Kosten für die Fruchtbarkeit betreffende Behandlungen anfallen, wie etwa im Fall einer „Eizellspende“7.
Während einige Stimmen die Kostenübernahme für „Social Freezing“ als Schritt in Richtung Diversity und Inklusion interpretieren8, hat sich im Jahr 2019 eine Initiative aus etwa 1.800 Amazon-Mitarbeitenden gegründet, die die Art der Angebote für Arbeitnehmer*innen kritisieren und stattdessen eine Ausweitung der Unterstützungsangebote in Bezug auf Kindertagespflege fordern9.

Forderung nach Transparenz

Diese Entwicklungen zeigen, dass sich die Situation in den USA durch die stetige Deregulierung und Kommerzialisierung von Reproduktionsmedizin für Betroffene immer weiter zuspitzt. Unter dem Hashtag #UnMaskingIVF haben technologiekritische Initiativen Stimmen versammelt, die persönliche Geschichten zum Thema erzählen. Vor allem geht es darum, dem Narrativ entgegenzuwirken, dass assistierte Reproduktion eine uneingeschränkt gute Lösung zur Erfüllung eines Kinderwunsches darstellt. Außerdem kommen Betroffene zu Wort, die in diesem Kontext negative Erfahrungen machen mussten. Die Forderungen sind eine breitere und genauere Erforschung der Langzeitfolgen und eine vollständige Aufklärung über die Verfahren. Im Fokus stehen vor allem die Dienstleistenden, denen mehr rechtlicher Schutz, eine bessere medizinische Versorgung und mehr Informationen über die Risiken von Techniken assistierter Reproduktion gewährt werden müsse10.

 

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