Von Hand zu Hand

Ein internationales Saatguttreffen in Griechenland

Ende April fand in Griechenland ein internationales Saatguttreffen statt. Initiativen und Projekte aus ganz Europa waren vor Ort - darunter auch die Kampagne für Saatgut-Souveränität, die im Anschluss noch einen ganz besonderen Besuch abstatten konnte.

Peliti“ ist der Name einer im Norden Griechenlands wachsenden Eichenart - und genauso nennt sich auch eine griechische Saatguterhaltungs-Organisation. Das Projekt, alte, regional angepasste Pflanzensorten zu sammeln und weiter zu verbreiten, um dem Verlust von Vielfalt entgegen zu wirken, begann bereits vor 20 Jahren. Seit zwölf Jahren veranstaltet Peliti jedes Frühjahr ein großes öffentliches Saatgut-Festival. Im Anschluss an das diesjährige Festival am 21. April hatte die Organisation zu einem zweitägigen internationalen Saatguttreffen in den Nordosten des Landes eingeladen. Statt frustrierte Griechen in der Krise konnte man dort viele engagierte, kreative Menschen und spannende (Saatgut-) Projekte kennenlernen.

Saatgut-Festival...

An die 7.000 Gäste kamen am Samstag bei gutem Frühlingswetter auf das landschaftlich sehr schön gelegene Gelände von Peliti in der Nähe von Paranesti. Einfache Konstruktionen zum Schutz vor Regen und Sonne waren in den Tagen davor aufgebaut und an die 30.000 Tütchen mit verschiedenem Saatgut abgepackt worden. Um sicherzustellen, dass das Saatgut für alle reicht, durfte jedeR BesucherIn nur vier Tütchen mitnehmen. Auf der provisorischen Bühne präsentierten sich über den Tag hin die angereisten Initiativen - darunter waren unter anderem Kem>Kokopelli aus Belgien, Slow Food Griechenland und Longo Mai-Kooperativen aus Frankreich. Viele Redner und Rednerinnen nahmen Bezug auf die aktuelle Krise in Griechenland und betonten, wie wichtig es sei, sich nicht auf Politiker zu verlassen, sondern vieles wieder selbst in die Hand zu nehmen - vor allem dann, wenn es um den lebenswichtigen Bereich Lebensmittelproduktion und Saatgut geht. In großen Töpfen auf dem Holzfeuer köchelte mittlerweile das Mittagessen für alle, das - wie auch das Saatgut - umsonst ausgegeben wurde. Dieser erste Tag des Saatgut-Treffens beeindruckte nicht nur uns internationale Gäste sehr: wegen der entspannten und doch gut funktionierenden Organisation des Ganzen, wegen des hohen Grades an Engagement und der guten Laune der freiwilligen HelferInnen, wegen der Masse an BesucherInnen, die in diese abgelegene Region reisten und wegen der Begeisterung, mit der alle Beteiligten am Ende des Tages bei selbstgemachter Musik (und zum Teil trotz des Regens) tanzten.

...und internationale Konferenz

Am Sonntag vormittag begann - nach einer gemeinsamen Baumpflanzaktion - der Konferenzteil der internationalen Saatguttage. Mehrere der insgesamt elf regionalen Peliti-Gruppen stellten sich vor und berichteten von ihrer Saatgut- und Gartenarbeit in Kooperation mit Schulen. Vasso, eine ehemalige Lehrerin, die auch bei Attac Griechenland aktiv ist, berichtete vom schnell wachsenden Interesse an regional angepasstem Saatgut in Griechenland und von Menschen, die - als Alternative zur Aussichtlosigkeit in den Städten - aufs Land gehen und neu in die Landwirtschaft einsteigen wollen. Damit diese Initiativen eine Chance haben zu bestehen, brauche es viel Unterstützung durch geeignetes Saatgut, aber auch durch die Weitergabe von Wissen und gärtnerischer Erfahrung.

Saatgut und solidarische Ökonomie

Doch nicht nur in Bezug auf Saatgut tut sich viel in Griechenland, wie die Vorstellung weiterer griechischer Initiativen zeigte. Die Athener Gruppe Sporos zum Beispiel vertreibt traditionelles Saatgut und Soli-Kaffee der mexikanischen Zapatisten. Ihr Hauptziel sieht sie jedoch im Aufbau von alternativen solidarökonomischen Strukturen. „Fairer Handel” wird hier nicht als ein Weg verstanden, um „Armen zu helfen”, sondern als eine mögliche soziale Bewegung, die horizontale Netzwerke von ProduzentInnen, Vertriebsgruppen und aktiven KonsumentInnen aufbaut.1 Welches Potenzial solidarökonomische Strukturen haben können, zeigten dann auch gleich die Berichte über die sogenannte „Kartoffel-Revolution” in Griechenland. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Art Direktvermarktungsmodell, das erstaunlich schnell entstand und erfolgreich wuchs. Während die griechischen Bauern kaum etwas für ihre Kartoffeln bezahlt bekamen, waren sie im Supermarkt sehr teuer. Um auf diese verzweifelte Situation aufmerksam zu machen, verschenkten einige Bauern ihre Kartoffeln in den Städten. Die Lösung war simpel: Heute bringen Bauern ihre Kartoffeln selbst in die Stadt und verkaufen sie mit logistischer Unterstützung durch freiwillige HelferInnen direkt an die KundInnen. Diese Direktvermarktung war so erfolgreich, dass in nur vier Wochen 17 Millionen Kilogramm Kartoffeln verkauft worden sind. Mittlerweile sind in vielen Städten ähnliche solidarökonomische Strukturen entstanden, erweitert um Produkte wie Olivenöl, Mehl und Reis. Nea Guinea, ein seit 2009 existierendes Kollektiv, versucht allgemein mehr Selbstbestimmung zu erreichen. Die Gruppe organisiert theoretische und praktische Workshops, in denen sich die TeilnehmerInnen Fähigkeiten und Wissen über Produktionsprozesse aneignen. Vor allem in den Bereichen Energie, Gesundheit, Kleidung und Lebensmittel wollen sie so das Niveau an Selbstversorgung und Autonomie im täglichen Leben verbessern.2 Ohne dass die diversen griechischen Gruppen explizit auf die herrschende Krise in ihrem Land eingingen, zeigten die Berichte über ihre Aktivitäten doch sehr deutlich, welche zentrale Rolle die Verfügbarkeit von regional angepasstem Saatgut haben kann. Immer mehr Menschen sind gezwungen, sich alternative Versorgungsmöglichkeiten zu suchen. Selbst Gemüse anzupflanzen oder bei der Organisierung von Direktvermarktungsstrukturen zu helfen, kann da schon viel verändern. Wie Christina von der Gruppe Sporos sagt: „Wir müssen selbst was ändern und das Rad der gesellschaftlichen Entwicklung in eine andere Richtung drehen. Solidarisch sein miteinander, das ist ein gutes Mittel gegen die eigene Frustration.”

Pläne für die Zukunft

Der dritte Tag der internationalen Saatguttage schließlich war den Zukunftsplänen der einzelnen Gruppen und Organisationen gewidmet. Und da zeigten sich viele Möglichkeiten und Ebenen, auf denen man aktiv werden kann, um Saatgut-Souveränität zu erreichen. Bei der Vorstellung der verschiedenen Pläne spannte sich der Bogen von lokaler praktischer Samen- und Gartenarbeit mit Schulen oder in Stadtteilen über die Erstellung von Materialien für die notwendige Bildungsarbeit, wie Filme oder Webseiten, bis hin zur Teilnahme an internationalen Konferenzen und (Protest-)Veranstaltungen. Auch wir - die Kampagne für Saatgut-Souveränität - konnten unsere Aktions-Ideen für Oktober/November 2012 vorstellen und nach der großen Runde in einem Workshop darüber diskutieren sowie die ersten konkreten Schritte planen (siehe Kasten). Zum offiziellen Abschluss der Internationalen Saatguttage wurde uns die Samensammlung von Peliti präsentiert, mit der eine Samenbank aufgebaut werden soll. Obwohl die Finanzierung dieser Samenbank überhaupt noch nicht klar ist, führte Peliti die gesamte Saatgut-Veranstaltung „nicht-kommerziell” durch - das heißt keine Teilnahmegebühren, kein Geld fürs Essen und für viele auch keine Übernachtungskosten. Jetzt werden Spenden für die Samenbank gesammelt - klar ist nur, dass Peliti kein Geld von der EU annehmen wird. Sie wollen unabhängig bleiben und bauen dafür auf Freiwilligkeit und Solidarität. Gerade dieser nicht-kommerzielle Charakter der Veranstaltung sowie anderer Aktivitäten von Peliti motiviert viele Peliti-Mitglieder und UnterstützerInnen, sich in diesem Rahmen zu engagieren.

Besuch in der staatlichen Genbank

Unser persönlicher Besuch in Griechenland war mit dem Saatgut-Treffen nicht vorüber; vielmehr bekamen wir noch Gelegenheit zu einer besonderen Besichtigung. Während des Treffens hatten wir einen Bauern aus der Nähe von Thessaloniki kennengelernt, der uns einlud, ihn zu besuchen. Beim gemütlichen Abendessen mit ihm und seiner Frau erfuhren wir, dass beide schon sehr lange in der griechischen Ökolandbau-„Szene” aktiv sind und sich gut mit den rechtlichen und ökonomischen Entwicklungen des Saatguts auskennen. Außerdem stellte sich heraus, dass die staatliche griechische Genbank nur zehn Minuten von ihrem Hof entfernt liegt und sie den ehemaligen Direktor persönlich kennen. So kam es, dass wir das Institut besichtigen konnten. Während das Interesse der Bevölkerung in Griechenland an regional angepasstem, traditionellem Saatgut in den letzten Jahren stark gewachsen ist, scheint dies für die staatliche Genbank nicht zu gelten. Die Institution wurde 1981 auf Initiative der FAO gegründet und liegt auf einem Gelände der Agrarfakultät von Thessaloniki. Von den 15 einheimischen Züchtungsunternehmen, die Anfang der 1980er Jahre dort ansässig waren, ist heute nur noch eines übrig geblieben. Die anderen wurden von größeren Konzernen aufgekauft. Zu den Hochzeiten der Institution konnte der Bau eines neuen Gebäudes für Forschung und Aufbewahrung der bisher zirka 10.000 Akzessionen (verschiedene gesammelte Samenproben) durchgesetzt werden. Allerdings weigerte sich das Landwirtschaftsministerium nach Fertigstellung des Gebäudes, die Baufirma zu bezahlen - angeblich wegen nicht beseitigter Baumängel. So bleiben das moderne Gebäude sowie bereits angeschaffte Geräte ungenutzt. Wie es in Zukunft mit dem Institut weitergeht, ist ungewiss. Das Agrarministerium hat schon vor längerem eine Umstrukturierung der Agrarforschung angekündigt, von der auch die Genbank betroffen sein soll. In einem vor kurzem veröffentlichten Organigramm ist sie jedoch gar nicht mehr aufgeführt. Eine Auflösung des Instituts kann sich der ehemalige Direktor, mit dem wir gesprochen haben, zwar nicht vorstellen. Andererseits wäre es leider nicht die erste Saatgutbank, deren Sammlung wegen mangelnder Finanzierung entweder an die Privatwirtschaft übergeht oder aufgelöst wird.

Anne Schweigler ist Ethnologin. Sie ist aktiv in der Saatgutkampagne und anderen sozialen Bewegungen.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
212
vom Juni 2012
Seite 13 - 15

Kampagne für Saatgut-Souveränität


Freies und bäuerliches Saatgut ist die Grundlage für die heutige und zukünftige Nahrungsmittelproduktion weltweit. Konzerninteressen und Gesetze bedrohen jedoch das selbstverständliche Recht der Bauern und Bäuerinnen, Saatgut selbst herstellen und tauschen zu dürfen. Vor diesem Hintergrund wurde 2009 in der BRD, der Schweiz und Österreich die Kampagne für Saatgut-Souveränität initiiert. Wir arbeiten auf zwei Ebenen: Konkret und praktisch geht es darum, bäuerliches und regional angepasstes Saatgut mit Hilfe von Saatgut-Tauschbörsen wieder verstärkt in Umlauf zu bringen. Gleichzeitig setzen wir auf politischen Protest - wie bei den kreativen Saatgut-Aktionstagen in Brüssel im April 2011, als wir gegen den Einfluss der Lobbyfirmen auf die EU-Gesetzgebung protestierten (siehe dazu im GID 206, S. 39 den Bericht „Zukunft säen - Vielfalt ernten“).
Zum UN-Tag für das Recht auf Nahrung am 16. Oktober 2012 planen wir gemeinsam mit anderen Interessierten aus verschiedenen Ländern Europas einen dezentralen Aktionstag. Wir wollen protestieren gegen die Saatgutindustrie mit ihren institutionellen Verknüpfungen, ihrer Marktmacht und ihrer Gefährdung der Agro-Biodiversität sowie gegen die Profitgier des kapitalistischen Systems, die auf Kosten von Mensch, Tier und Natur geht. Die zehn größten Saatgutfirmen kontrollieren bereits über 70 Prozent des globalen Saatgutmarktes! Wir laden alle herzlich dazu ein, sich mit eigenen Aktionen oder Veranstaltungen an diesem Protesttag gegen die Dominanz der Saatgutindustrie zu beteiligen!
Die Mitgliederversammlung der UPOV (Union internationale pour la Protection des Obtentions Végétales / Internationaler Verband zum Schutz von Pflanzenzüchtungen), die Ende Oktober/Anfang November in Genf stattfindet, bietet eine gute Gelegenheit, um für Saatgut-Souveränität zu demonstrieren und gegen die UPOV zu protestieren. Die Organisation privilegiert die Saatgut- beziehungsweise Chemie-Industrie und deren irregeleitete Sortenentwicklung, die auf sehr einheitliche (also vielfaltsfeindliche) und stabile (also unflexible) Sorten mit einem großen Bedarf an Chemieprodukten setzt. Das bedeutet, dass die UPOV-Verträge auch die Mitgliedsstaaten an diese fehlgeleitete Sortenentwicklung der Saatgut-Industrie binden. Das aktuelle Vertragswerk verbietet außerdem den bäuerlichen Saatgut-Tausch, der in vielen Ländern des Südens üblich ist. Daher fordert die Kampagne für Saatgut-Souveränität, die UPOV-Verträge zu kündigen und UPOV aufzulösen. Engagierte AktivistInnen und Organisationen zum Mitmachen und Unterstützen werden noch gesucht!
(Anne Schweigler)
Weitere Informationen unter: www.saatgutkampagne.org

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