Was brodelt in der Gerüchte­küche?

In den sozialen Medien kursieren gefährliche Falschbehauptungen über Covid-19-Impfungen

Seit Beginn der Corona-Pandemie verbreitet sich eine Vielzahl von wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen über Covid-19 und die Impfstoffe gegen das Virus SARS-CoV-2 – mit potenziell gefährlichen Konsequenzen.

Ein australisches Wissenschaftler*innen-Team veröffentlichte im Mai die Ergebnisse seiner weltweiten Recherche über Gerüchte rund um Covid-19 im Internet: Innerhalb eines Jahres fanden sie auf Webseiten und in sozialen Medien rund 640 verschiedene Behauptungen in diversen Sprachen, die aus 52 Ländern stammten.1 Die meisten davon wurden auf Facebook verbreitet und rund 83 Prozent der untersuchten Gerüchte und Verschwörungsmythen stellten sich als falsch heraus. In Deutschland nutzen inzwischen fast 80 Prozent aller Menschen soziale Medien und sind dort den für Lai*innen kaum überprüfbaren Falschbehauptungen ausgeliefert. Durch die Algorithmen, die den Benutzer*innen absichtlich kaum zu ihrer Meinung konträre Nachrichten und Kommentare anzeigen, entstehen gefährliche Brutstätten für virulente Lügengeschichten.

Mythos Unfruchtbarkeit

Laut der Studie der australischen Wissenschaftler*innen ist eine der häufigsten Erzählungen die, dass die neuartigen mRNA-Impfungen gegen Covid-19 unfruchtbar machen würden. Auch im deutschsprachigen Raum verbreitet sich diese Behauptung hartnäckig in verschiedenen Variationen. Die Anhänger*innen dieser Theorie berufen sich unter anderem auf die zweifelhafte Expertise von Wolfang Wodarg, der seit Beginn der Pandemie behauptet, das Covid-19-Virus sei nicht neu und die Pandemie nur Panikmache. Der ehemalige SPD-Politiker musste deshalb bereits als Vorstandsmitglied bei Transparency Deutschland zurücktreten. Wodarg lässt sich auch von 90.938 gemeldeten Toten allein in Deutschland (Stand: 1.7.2021) nicht beirren und hat inzwischen ein Buch über „Falsche Pandemien“ geschrieben.
Die Begründung der angeblichen Nebenwirkung Unfruchtbarkeit gibt sich ganz wissenschaftlich: Sie soll durch die Immunantwort des Körpers ausgelöst werden, die nach der Impfung ein wichtiges Protein in der Plazenta, das sogenannte Syncytin, angreife. Dieses sei dem Spike-Protein des Virus, dass aufgrund der Impfung vom Körper gebildet wird, ähnlich. Dieses Protein existiert tatsächlich und es leistet „eine wichtige Funktion bei der Ausbildung der Grenzschicht zwischen dem Embryo / Fetus und dem mütterlichen Blut“, so Udo Markert, Leiter des Placenta-Labors der Universitätsklinik Jena.2 An diesem Punkt hört die Plausibilität der Erklärung jedoch auf. Denn das Spike-Protein von SARS-CoV-2 und das Plazentaprotein sind sich nicht so ähnlich wie behauptet – sie stimmen nur zu 0,75 Prozent überein.
Realistischer wirkt das Szenario jedoch auch dadurch, dass die Covid-19-Impfstoffe bei den meisten Menschen tatsächlich zum Teil heftige Nebenwirkungen auslösen, wie Fieber, Kopfschmerzen und Schmerzen an der Einstichstelle. Bei sehr wenigen Menschen lösen die Fettpartikel, mit denen die mRNA-Moleküle in die Zellen geschleust werden, starke allergische Reaktionen aus. Es traten in Deutschland auch rund 700 Todesfälle nach Verabreichung der mRNA-Impfstoffe von Moderna oder BionTech auf, wobei laut eines Berichts des Paul-Ehrlich-Instituts Vorerkrankungen der im Mittel 77 Jahre alten Verstorbenen vermutlich todesursächlich waren.3 Eine weitere, immer wieder anekdotisch berichtete Nebenwirkung der mRNA-Impfstoffe ist eine unregelmäßige Menstruation nach der Impfung. Solche Berichte von Betroffenen werden ebenfalls herangezogen, um das Unfruchtbarkeitsgerücht vermeintlich zu belegen. Wie oft bei Symptomen, die vor allem Frauen betreffen, wurde diese mögliche Wirkung bei den klinischen Studien bisher nicht erfasst. Durch den Effekt der Impfung auf das Immunsystem ist es durchaus möglich, dass ein Zusammenhang zwischen Impfung und Menstruation besteht. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass Covid-19-Infektionen zu kurzfristigen Unregelmäßigkeiten des hormonellen Zyklus führen. Doch weder eine Erkrankung mit noch eine Impfung gegen Covid-19 resultieren nach aktueller Studienlage in Unfruchtbarkeit.

Mythos Impfübertragung

Inzwischen wurde die Falschinformation der Unfruchtbarkeit mit einer anderen Behauptung kreativ zu einem besonders beunruhigenden Szenario kombiniert: Seitdem sich immer mehr Menschen weltweit impfen lassen, kursiert das Gerücht, die mRNA-Impfungen gegen SARS-CoV-2 seien über die Atemluft oder Hautkontakt als sogenanntes „vaccine shedding“ übertragbar. So könnten sie auch bei selbst nicht geimpften, schwangeren Personen Fehlgeburten auslösen. Die Angst vor Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit, die viele Personen mit Kinderwunsch und Schwangere quält, scheint offensichtlich ein beliebtes Motiv für die Verbreitung von Impfzweifeln zu sein. Wenn zukünftige oder werdende Kinder auf dem Spiel stehen – wer möchte schon dieses Risiko eingehen? Und mit der Behauptung der Impfübertragung wird gleichzeitig die Solidarität der Impfwilligen zu einer Gefährdung anderer verdreht. Plötzlich sind es die „Impflinge“, die andere Menschen durch ihren Egoismus einem unkalkulierbaren Risiko aussetzen, und nicht die Covid-19-Leugner*innen, die ihren Beitrag zur Herdenimmunität gegen eine Erkrankung mit z.T. schwerwiegenden Folgen verweigern. Das Phänomen der Übertragung von Impfstoffen kann tatsächlich bei Lebendimpfstoffen auftreten. Bei den instabilen mRNA-Molekülen, die vor der Impfung bei -80 oder -20°C gelagert werden müssen und vom Körper schnell abgebaut werden, ist dies jedoch unrealistisch. Behauptet wird auch, dass sich das vom Körper gebildete Spike-Protein übertragen würde. Tatsächlich wurde das Protein bei einigen Geimpften im Blutkreislauf festgestellt. Laut dem Virologen Friedemann Weber von der Universität Gießen heißt das jedoch nicht, dass diese Proteine auch über die Haut oder Atemluft an Dritte weitergegeben werden können.4

Quelle des Zweifels

Es bleibt die Frage, wer ein Interesse daran hat, dass Gerüchte im Netz kursieren, die Menschen davon abhalten sich impfen zu lassen. Einerseits sind Impfgegner*innen kein neues Phänomen. In Deutschland gründeten sich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Antiimpforganisationen gegen die Pockenimpfung. Sie bezweifelten die Wirksamkeit der Impfung, warnten vor Nebenwirkungen und vor der Einschränkung persönlicher Entscheidungsfreiheit durch das Reichsimpfgesetz von 1874. Doch die darin vorgeschriebene Impfpflicht für alle Kinder konnte die Verbreitung der Pocken endlich beenden. Zuvor waren an der letzten großen Pockenepidemie in Deutschland rund 180.000 Menschen gestorben.
Andererseits ist ein gesundes Misstrauen in eine profitorientierte Pharmaindustrie durchaus angebracht: So erwies sich das 2005 auf Anraten der WHO gegen die Vogelgrippe international bevorratete Arzneimittel Tamiflu der Pharmafirma Roche als unwirksam (und die Vogelgrippe als relativ harmlos). In der Schweinegrippepandemie von 2009 verschwieg das Unternehmen Glaxo-Smith-Kline die Nebenwirkungen des Impfstoffs Pandemrix, der bei einigen der Geimpften schwere irreversible Schäden verursachte. Ironischerweise sind jedoch gerade Profitinteressen ein verbreitetes Motiv für das Sähen von Zweifeln. Auf der Plattform Youtube ist es möglich, Videoaufrufe in Geld zu verwandeln – egal, ob die dargestellten Informationen korrekt sind oder erlogen. Es lassen sich mit angstmachenden Falschbehauptungen auch Spenden sammeln und Bücher vermarkten. Zudem können die selbst ernannten Aufklärer*innen ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit erfüllen. Laut Sozialpsychologin Pia Lambardy liegt bei ihnen oft ein gesteigertes Bedürfnis nach Einzigartigkeit vor, dass sie über Verschwörungserzählungen befriedigen.5

Tatsächliches Risiko

Das Risiko tragen jedoch nicht alleine die Impfskeptiker*innen. Sollen tatsächlich Schwangere und werdende Kinder geschützt werden, spricht der bisherige Erfahrungsstand nach 1,5 Jahren weltweiter Pandemie dafür, dass dies langfristig nur eine Herdenimmunität durch Impfungen leisten kann. Laut Robert-Koch-Institut ist eine Schwangerschaft zwar an sich kein Risikofaktor bei einer Covid-19-Infektion. In der Schwangerschaft verändert sich das Immunsystem der schwangeren Person, um den Fötus mit seinem zur Hälfte „fremden“ Erbgut zu tolerieren. Es ist nach jetzigem Forschungsstand unklar, ob diese Immunmodulation Schwangere anfälliger für einen schweren Covid-19-Verlauf macht oder im Gegenteil davor schützt.6 Doch ein schwerer Verlauf birgt eine hohe Wahrscheinlichkeit für negative Konsequenzen für die Schwangerschaft. Italienische Wissenschaftler*innen, die Daten aus verschiedenen Studien ausgewertet haben, kommen zu dem Schluss, dass bei erkrankten Schwangeren, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, rund 40 Prozent der Kinder frühgeboren wurden. Es kam außerdem zu Totgeburten bei rund 7 Prozent dieser schwer erkrankten Personen (bei durchschnittlichen Schwangerschaften rund 0,4 Prozent in Deutschland).7
Auch bei milderen Verläufen steigt das Risiko für Präeklampsien (Schwangerschaftsvergiftungen) und Frühgeburten.8 Wissenschaftler*innen schätzen, dass sich zwischen 55 und 88 Prozent der Bevölkerung impfen lassen müssen, um der Pandemie endlich Einhalt gebieten zu können. Die ungeprüfte Verbreitung von Verschwörungsmythen und Gerüchten trägt aktiv dazu bei, dieses Ziel zu verfehlen.

  • 1. Islam, S. et al. (2021): Covid-19 vaccine rumors and conspiracy theories: The need for cognitive inoculation against misinformation to improve vaccine adherence. In: PLoS ONE, 16(5), doi: 10.1371/journal.pone.0251605.
  • 2. SWR3 (16.02.2021): SWR3-Faktencheck: Macht die Corona-Impfung Frauen unfruchtbar? Online: www.kurzelinks.de/gid258-ia [letzter Zugriff: 12.07.21].
  • 3. Paul-Ehrlich-Institut (10.06.2021): Sicherheitsbericht: Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen nach Impfung zum Schutz vor Covid-19. Online: www.kurzelinks.de/gid258-ib [letzter Zugriff: 12.07.21].
  • 4. Correctiv (08.06.2021): Keine Belege, dass geimpfte Menschen das Spike-Protein ausscheiden oder „Superspreader“ werden. Online: www.kurzelinks.de/gid258-ic [letzter Zugriff: 12.07.21].
  • 5. Taz (19.05.2020): Psychologin über Verschwörungsglauben: Gegen Kritik immunisieren. Online: www.taz.de/!5685695 [letzter Zugriff: 12.07.21].
  • 6. Watnedge, E.A.N. et al. (2021): Pregnancy and COVID-19. In: Physiological Reviews, 101, 1 S.303–318, doi: 10.1152/physrev.00024.2020.
  • 7. Di Mascio, D. et al. (2020): Outcome of coronavirus spectrum infections (SARS, MERS, COVID-19) during pregnancy: a systematic review and meta-analysis. In: American Journal of Obstetrics and Gynecology, 2, 2, doi: 10.1016/j.ajogmf.2020.100107.
  • 8. Wei, S.Q. et al (2021): The impact of COVID-19 on pregnancy outcomes: a systematic review and meta-analysis. In: Canadian Medical Association Journal, 193, 16, doi: 10.1503/cmaj.202604.

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN. Außerdem ist sie Teil der Forschungsgruppe “Human Diversity in the New Life Sciences: Social and Scientific Effects of Biological Differentiations” (SoSciBio) an der Universität Freiburg.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
258
vom August 2021
Seite 35 - 36

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