Der patentierte Affe

Tagungsbericht

Im Juni hat die Nichtregierungsorganisation Testbiotech in Berlin zu einer Konferenz über die Rahmenbedingungen der Forschung mit gentechnisch veränderten Tieren - insbesondere Menschenaffen - geladen. Zusammenhänge zwischen der Patentierung von gentechnisch veränderten Tieren, ihrer Nutzung in Tierversuchen und neuen Entwicklungen in der molekularen Manipulation des Erbguts wurden aufgezeigt.

Die Zahl der gentechnisch veränderten (gv) Tiere, die in Tierversuchen verbraucht werden, steigt kontinuierlich an. Laut einer aktuellen Darstellung der Bundesregierung ist sie - allein in Deutschland - von gut 300.000 im Jahr 2004 auf etwa 950.000 in 2013 gestiegen. Wie ist dieser Anstieg zu deuten? Christoph Then berichtete in seinem Einführungsvortrag von einem in diesem Sinne aufschlussreichen Erlebnis, das ihm während der Recherchen zur Vorbereitung der Tagung widerfahren war: Auf verschiedenen Internet-Portalen seien ihm gentechnisch veränderte Tierstämme für die Forschung angeboten worden - zusammen mit für ihn maßgeschneiderter Internet-Werbung, die sich vermutlich aufgrund seiner Eingaben in eine Suchmaschine als „passend“ erwiesen habe. Dem Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Testbiotech und Organisator der Tagung zufolge zeigt sich genau an einem derartigen Beispiel paradigmatisch, inwiefern die Entwicklung, Patentierung und Kommerzialisierung von bestimmten Techniken der Molekularbiologie und Gentechnik und ihrer Produkte zu mehr Tierversuchen führt: Die gentechnisch veränderten oder genetisch editierten 1 Tiere werden auf dem Markt der Laborutensilien angepriesen: „Wählen Sie jetzt ihre Knock-out-Mauslinie und Sie bekommen ein Plüschtier dazu“. Oder: „Empfehlen Sie uns einem Kollegen und Sie bekommen bei Vertragsabschluss einen Apple-Geschenkgutschein im Wert von 550 US-Dollar.“2 In seiner Einleitung berichtete Then zudem von dem aktuellen Engagement eines Bündnisses verschiedener Vereine und Verbände gegen die Patentierung von Menschenaffen. Patente auf Gene von Schimpansen besitzen momentan zum Beispiel Firmen wie Novartis oder Pfizer.3

Kein Beitrag für die 3R

Arianna Ferrari vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe ergänzte die Ausführungen von Then mit einem Überblick über die Geschichte gentechnisch veränderter Tiere in Forschung und Entwicklung. Ferrari stellte einzelne molekularbiologische, reproduktions- und gentechnologische Methoden sowie deren Nachteile vor. Dazu gehören beispielsweise ein vergleichsweise hoher Tierverbrauch oder das erhöhte Risiko für die Tiere, gesundheitliche Schäden zu erleiden. Bekannt ist das Beispiel des geklonten Schafes Dolly, das unter verschiedenen negativen Effekten der Klontechnik zu leiden hatte (insbesondere vorzeitige Alterung) und deshalb eingeschläfert werden musste. In der „postgenomischen Ära”, das heißt nach dem offiziellen Ende des Human-Genom-Projektes, seien neue gentechnische Verfahren beziehungsweise Verfahren zum Editieren des Genoms entstanden.4

Zu der Frage, ob die gentechnische Veränderung von Tieren einen Beitrag zum Tierwohl leisten könnte, hat Ferrari selbst geforscht: „Schnell wurde klar: kein Beitrag für die 3R“. Mit diesem Kürzel werden drei Tierschutz-Ziele im Kontext von Tierversuchen benannt: Replacement, Reduction, Refinement - Ersetzen, Verringern, Verbessern. Nichtsdestotrotz werde, so beschreibt Ferrari, weiterhin mit Tierschutz für gentechnische Veränderungen argumentiert, unter anderem, weil so die Zahl der Tierversuche angeblich reduziert werde. Aktuelle Forschungsfelder der Gentechnik an Tieren seien toxikologische Untersuchungen auf erbgutverändernde und krebsauslösende Stoffe, die Grundlagenforschung, die klinische Forschung für Mensch und Tier, das Gene-Pharming (die Herstellung von medikamentösen Stoffen durch gv-Tiere) und die Xenotransplantation.

Das gängige Hauptargument für die Versuche ist Ferrari zufolge: „Tierversuche sind unentbehrlich und Alternativmethoden reichen nicht aus - und werden es auch in Zukunft nicht.” Dies werde auch in der Gesellschaft so wahrgenommen. Die Versuche würden entsprechend als „notwendiges Übel” zum Erreichen von wichtigen Zielen in der Medizin hingenommen, so Ferrari weiter. Ihrer Einschätzung nach sei das Argument der Unentbehrlichkeit von Tierversuchen jedoch nicht objektiv, sondern vielmehr das Ergebnis normativer Entscheidungen. Somit sei die Frage nach der Notwendigkeit der Tierversuche keine wissenschaftliche, sondern eine politische oder ethische Frage. Ferrraris Fazit: Die pauschale Verteidigung von Tierversuchen im Namen der Ethik verhindere eine grundsätzliche politische Debatte. Der Streit um Tierversuche sei kein Streit um Methoden, sondern um Werte - zum Beispiel Mitleid und Solidarität mit den Tieren. Solange aber wenig in Alternativmethoden investiert werde, sei das Argument der Unentbehrlichkeit von Tierversuchen eine „self-fulfilling phrophecy“ - eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Das Verhältnis von Mensch und Menschenaffe

Hans Werner Ingensiep von der Universität Duisburg-Essen nahm einen ganz anderen Blickwinkel ein. Er fokussierte auf kulturelle Aspekte des sich verändernden Verhältnisses zwischen Menschen und Menschenaffen. „Ethik und Rechte für Menschen & Menschenaffen in unserer Kultur”. Ingensiep stellte das Verhältnis von Mensch und Affe im Laufe der Jahrhunderte dar, angefangen mit der Entdeckung der Großen Menschenaffen in der Antike in Afrika, über das Zeitalter der Aufklärung und die Wiederentdeckung des Gorillas im 19. Jahrhundert, in dem sich das Affenbild vom menschenähnlichen Wesen zum Tier hin verschob. So werden vor allem Gorillas im 20. Jahrhundert oft aggressiv dargestellt. Dabei hätten Filme wie „King Kong” maßgeblich dazu beigetragen, das Affenbild zum Monster zu verzerren. In unterschiedlichen Forschungsbereichen setzten sich Forscher mit den Menschenaffen auseinander, wie in der Verhaltensforschung, Kunst, Linguistik und Philosophie. Dabei seien die Forscher immer darauf bedacht gewesen, einen Anthropomorphismus (den Vergleich mit dem Menschen) zu vermeiden.

Ingensiep stellte anschließend drei in der modernen Tierethik dominante Ansätze zum Schutz der Tiere vor: Der Utilitarismus als pathozentrische Tierrechtsbewegung nutze in erster Linie das Leiden der Tiere als Argumentation. Der Biozentrismus stelle die „Ehrfurcht vor dem Leben” im Allgemeinen ins Zentrum seiner philosophischen Tierschutzbewegung. Demgegenüber schreibe der besonders durch den australischen Philosophen Peter Singer geprägte pathozentrische Präferenzutilitarismus eine drei-Klassen-Ethik vor. Demzufolge bestehe für selbstbewusste und empfindungsfähige Menschen ein direktes Tötungsverbot, für bewusste und empfindungsfähige Nicht-Personen (wie zum Beispiel Tiere) ein indirektes Tötungsverbot und für nicht-empfindungsfähige Nicht-Personen kein Tötungsverbot. Singer wurde für seine ethischen Vorstellungen scharf kritisiert, unter anderem weil sein Tötungsverbot zum Beispiel schwer behinderte Menschen, Embryos oder Komapatienten nicht mit einschließe.5 Außerdem sähe er in Tierversuchen kein ethisches Problem, da die Tiere ja in der Forschung für einen höheren Zweck, wie zum Beispiel die Herstellung von Medikamenten, getötet werden würden. Zudem könnten sie nicht als Personen angesehen werden und hätten somit auch keine zukunftsorientierten Präferenzen.

Ein theoretisches Problem machte Ingensiep in der Perspektive des genozentrischen Anthropozentrismus aus. Denn wenn man nur von der genetischen Verwandtschaft von anderen Arten mit dem Menschen ausgeht, folge daraus, dass Arten, die näher mit dem Menschen verwandt sind, wie zum Beispiel die Großen Menschenaffen, schützenswerter seien als andere, weiter entfernte Arten. Deshalb forderte Ingensiep in seinem Vortrag, dass Menschenaffen unter der Kategorie „Anthropomorpha“ (Lebewesen mit menschenähnlichen Eigenschaften, auch nicht näher Verwandte) einen besonderen Schutzstatus im Tierrecht erhalten sollen.

 

Die Dokumentation der Veranstaltung mit Informationen zu weiteren Tagungsbeiträgen ist auf den Internetseiten von Testbiotech (www.testbiotech.org) zu finden.

  • 1. Genetisch editiert (engl.: gene/ genome editing) - unter diesem und ähnlichen Begriffen werden verschiedene molekulare Methoden zusammengefasst, die dazu genutzt werden können, das Genom eines Tieres, einer Pflanze oder auch eines Bakteriums zu verändern. Von den Methoden wird berichtet, dass mit ihnen sehr zielgenau gearbeitet werden könne. Je nach Methode können auch nur einzelne Bausteine des Genoms abgeändert werden. Siehe dazu auch den Artikel auf S. 23.
  • 2. Siehe dazu zum Beispiel www.cyagen.com.
  • 3. Siehe dazu zum Beispiel „Europäisches Patentamt widerruft Patent der Firma Altor Bioscience“. Pressemitteilung von Testbiotech und weiteren Organisationen vom 07.07.15. Im Netz unter www.testbiotech.org/node/1308.
  • 4. Siehe dazu die Powerpoint-Präsentation der Wissenschaftlerin zu ihrem Vortrag, die auf der Internetseite von Testbiotech unter www.testbiotech.org oder www.kurzlink.de/gid231_z zum Herunterladen bereitsteht.
  • 5. Siehe dazu auch „Eine praktische Ethik für heute?“ von Michael Zander, die Kritik an der Verleihung des nach ihm selbst benannten Peter-Singer-Preises im GID 230, S. 37.

Ferdinand Conrad absolviert bis Ende August dieses Jahres sein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Gen-ethischen Netzwerk.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
231
vom August 2015
Seite 35 - 36