Diskursforschung zur Ethikfalle

Ethische Debatten legitimieren neue Technologien

Was macht Technologiedebatten zu ethischen Debatten? Heute werden nicht nur Fragen des „Lebens“ sondern auch Atomkraft oder Nanotechnologie „ethisch“ verhandelt. Eine kritische Diskursforschung aus Hannover hat diesen Trend unter die Lupe genommen. Ein für Protestbewegungen zentrales Ergebnis: Ethik ist nicht inhaltlich bestimmt, sondern regelt, wie gesprochen werden darf. Dazu zählt, dass politische Kontroversen nicht vorgesehen sind.

Ob nanotechnologisch hergestellte selbstreinigende Fenster oder Präimplantationsdiagnostik: Ethik gilt heute als Steuerungsmodus für immer mehr technologiepolitische Auseinandersetzungen: Wenn es so beliebig ist, welches Thema ethisch diskutiert wird, was wird dann überhaupt unter Ethik verstanden? Am Beispiel des Nanotechnologie-Diskurses in Frankreich möchte ich diese Fragen beantworten. Um zu verstehen, was Ethik in einem bestimmten Kontext bedeutet und was die verschiedenen AkteurInnen darunter verstehen, definiere ich nicht selbst vorweg, was Ethik ist oder nicht ist, sondern betrachte Ethik als Rahmen, als frame. Denn die frame-Analyse, ein Ansatz der Diskursforschung, ermöglicht es, den Raum sichtbar zu machen, innerhalb dessen Probleme auftauchen, als ethische Probleme benannt und auf eine bestimmten Art und Weise verständlich, diskutier- und behandelbar werden.1

L‘éthique à la française

In Frankreich gab es in den letzten Jahren sowohl verschiedene staatliche Institutionen, die sich mit ‚ethischen Aspekten‘ der Nanotechnologie beschäftigten, als auch Bürgerkonferenzen und eine Reihe staatlich initiierter öffentlicher Debatten. Das Nationale Ethikkomitee, der 1983 eingerichtete CCNE (Comité national d’éthique pour les sciences de la vie et de la société), dessen Aufgabenbereich eigentlich die Lebenswissenschaften sind, hat im Jahr 2007 auch zu Nanotechnologien diskutiert. Wie diese Flexibilität in Sachen ‚Ethik‘ möglich wurde, zeigt ein kurzer Rückblick auf eine Etappe in der französischen Biotechnologiepolitik.2 In den 1970er Jahren erreichten ethische Rahmungen die Ebene staatlicher Politik. Damals entwickelte sich - hauptsächlich innerhalb von Forschungsinstituten - eine kritische Debatte um Gentechnologie; es wurde befürchtet, dass diese sich gesellschaftlich ausweiten könnte. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Lebenswissenschaften sei gefährdet, so hieß es in dem Bericht „Lebenswissenschaften und Gesellschaft“, in Auftrag gegeben vom damaligen Präsidenten Giscard d’Estaing.3 Für die Gentechnologie nahm man an, dass sich eine Protestbewegung - analog zur Atomtechnologie - entwickeln könnte. Letztere hatte 1976/77 einen Höhepunkt in den Demonstrationen gegen den Schnellen Brüter Superphénix in Malville. In dem Bericht wurden die erwarteten Proteste gegen Gentechnologie „ethische Zwänge“ genannt.4 Die ‚Lösung’ für diese Zwänge liege in der Einrichtung einer Reflexionsgruppe und im Dialog. Dieser solle es „der Forschung ermöglichen, sich ein gewisses Maß an Freiheit zu erhalten (…) ohne (…) ihre Legitimität und Effizienz zu verlieren”.5 Das vorgeschlagene Lösungsmodell, nämlich WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und Menschen verschiedener Kompetenzen in einem kontinuierlichen Beratungsprozess zusammenzubringen wurde letztlich mit dem CCNE umgesetzt. Für ein als ‚ethisch‘ interpretiertes Problem fand man so eine ‚ethische Lösung’: Ein Prozess der permanenten Beratung wurde etabliert, in dem weder die Frage angesprochen werden sollte, wie über Technologien entschieden wird, noch sollte die Legitimität von Forschung oder von techno-wissenschaftlichen Entwicklungen in Zweifel gezogen werden.

„Immer gemäßigt“

Was wird vom CCNE selbst unter ‚Ethik‘ verstanden? Als ich dessen Mitglieder zwischen 2005 und 2010 dazu befragte, gaben sie häufig vage Antworten: „Ich denke, wenige machen sich über das Wort Gedanken” oder: „Ethik ist für mich, sich der Öffentlichkeit zuzuwenden und Elemente für eine Reflexion zu vermitteln”; und: „Ethische Reflexion (…) muss immer gemäßigt sein (…) niemand macht hier einen Anspruch auf Wahrheit geltend”. Obwohl es keine gemeinsame Definition von ‚Ethik‘ gab, stimmten die InterviewpartnerInnen darin überein, dass ‚Ethik‘ eine individuelle Angelegenheit sei: „Ethik heißt: Ich mache meine eigenen Lebensregeln.“ Für diese individuelle Angelegenheit kommuniziert das Komitee Aspekte zur Reflexion und stimuliert Debatten - ohne Wahrheitsanspruch, und ohne normgebend sein zu wollen. Zwei InterviewpartnerInnen sahen das Komitee vor allem als vernünftigen Modus der Konfliktlösung; der CCNE erklärt diesen Modus als „prekäre und reversible“ Empfehlungen, da „wir zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Wissensstand diskutieren, der sich weiterentwickelt - und zu einem Moment der gesellschaftlichen Akzeptanz, die sich auch entwickelt“. Im Ethikrahmen geht es also weniger darum, normative Positionen zu finden und zu vermitteln, sondern eher darum, eine bestimmte Art der ‚vernünftigen‘ Reflexion zu stimulieren, in der Argumente ausbalanciert und eigene individuelle, temporär gültige Meinungen gebildet werden - je nach Stand der techno-wissenschaftlichen Entwicklungen.

„Nanoethik“ statt „GMO-Syndrom“

Lassen sich diese Charakteristika auch im Bereich der Nanotechnologien finden, die im neuen Jahrtausend zum Feld ‚ethischer‘ Debatten wurden? Der aktuelle Rahmen für die europäische Debatte besteht aus einer Mixtur aus ‚Ethik‘ und ‚Risiko‘. Ein Schlüsselereignis für den frame des Risikos war eine öffentliche Rede von Prinz Charles im Juli 2003, in der er vor den möglichen Gefahren nanotechnologischer Entwicklungen warnte. Prinz Charles‘ Rede, Publikationen internationaler NGOs, wie von Greenpeace oder der ETC Group, die „unkalkulierbare Risiken“ thematisierte, initiierten auch in Frankreich eine öffentliche Debatte.6 Parallel zu diesen Risiko-Rahmungen tauchten ethische Rahmungen auf - insbesondere in Veröffentlichungen der Sozialwissenschaften und der Bioethik. Sie verglichen die aufkommende Kritik an Nanotechnologie mit den Kontroversen um genetisch manipulierte Organismen (GMO) und schlugen mehr ‚ethische‘ Begleitforschung vor. Dieser Tenor schlug sich daraufhin auch in wissenschaftspolitischen Dokumenten staatlicher Institutionen nieder. Denn neben den Protesten gegen Atomenergie und den forschungsinternen Konflikten der 1970er Jahre um Gentechnologie hatten seit den 1990er Jahren auch die Kontroversen um GMO im Agrarbereich an Bedeutung gewonnen. Und auf regionaler Ebene entstand insbesondere in Grenoble auch Protest dagegen, wie Entscheidungen zu Nanotechnologien getroffen werden. Ein Bericht des staatlichen „Zentrums für Strategie-Analysen“ (Centre d'analyse stratégique) stellte „ethische und soziale Ängste“ fest.7 Diese könnten „eine misstrauische Einstellung zur Wissenschaft schüren, die für ihre Entwicklung gefährlich ist”.8 Auch die parlamentarische Technikfolgenabschätzungsbehörde erklärte, ein „GMO-Syndrom” müsse bei der Nanotechnologie im Vorfeld verhindert werden.9 Die Kritik an der Entscheidungsfindung und dass diese sich möglicherweise ausweitet, wurde also auch hier ethisiert, das heißt in „ethische und soziale Ängste“ oder „Emotionen“ transformiert, die einer ‚rationalen’ öffentlichen Debatte bedürften. So ermutigte auch die Sicherheitsbehörde Conseil général des technologies et de l’information andere staatliche Institutionen, ‚Risiken‘ und ‚Ethik‘ der Nanotechnologie auf ihre Agenda zu setzen 10, eine Aufforderung, der der CCNE, wie bereits angesprochen, Folge leistete.

„Endloses Fragenstellen“

Auch für die Nanotechnologie forderte der CCNE nun eine „evolutionäre, reversible und prekäre“ Reflexion. „Es geht um ein endloses Fragenstellen, was wir als Werte sehen“, so ein Interviewpartner zur ethischen Debatte um Nanotechnologie. Weiterhin: „Es ist nicht das Prinzip der ethischen Reflexion zu sagen, was gut ist oder schlecht.” In anderen Worten: Es gibt nur ein Prinzip ‚ethischer‘ Reflexion zu bio- und nanotechnologischen Themen - das Prinzip der endlosen Beratung. Auch diesmal soll die technologische Entwicklung nicht behindert werden: „Die ethische Reflexion (…) zielt überhaupt nicht darauf ab, den wissenschaftlichen Fortschritt zu bremsen”.11 Auch ‚Nanoethik‘ erscheint als individuelle Angelegenheit. Die KonsumentInnen sollen durch die Etikettierung von Nanoprodukten selbst entscheiden, ob sie diese kaufen.12 Ein neuer Trend ist allerdings zu beobachten: Galten kritische Positionen zu Gentechnologie noch als „ethische und soziale Zwänge“ für Technologieentwicklung und Politik, geht es nun um „Syndrome, Ängste und Emotionen“: Eine Tendenz zur Pathologisierung von Kritik zeigt sich hier; Heilung verspricht das richtige Sprechen in ‚ethischen‘ Debatten. Grundtenor des ‚Ethischen‘ ist es also, Technologien als individuelle Angelegenheit zu behandeln, eine endlose Möglichkeit der Reflexion zu bieten, und gleichzeitig technologische Forschung und Entwicklung als unbestreitbare Prämisse zu setzen. ‚Ethik‘ bietet - egal für welche Technologie - einen Rahmen für die Anleitung, Produktion und Organisation von Diskursen, aber keine normative Handlungsorientierung.13 Die Reflexion soll in ‚richtiger’ Weise gemanagt werden: individuell, endlos und gemäßigt. „Alles muss in diesem Rahmen möglich sein, nur nicht: Nein zu sagen“ 14, so hat es eine der Publikationen aus dem sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt Ethical Governance? an der Leibniz Universität Hannover auf den Punkt gebracht. Arbeiten zur Ethisierung biotechnologischer und -medizinischer Diskurse in Deutschland und Großbritannien kamen in diesem Projekt zu ähnlichen Ergebnissen wie die hier dargestellte Forschung zu Frankreich.

Bedingungen für Widerstand?

Wie auf den Ethikboom reagiert werden kann, zeigt ein Beispiel im Kontext des Nanotechnologiediskurses in Frankreich. Seit dem Jahr 2002 sind die Nano-KritikerInnen Pièces et Main d’Oeuvre aktiv. Die AktivistInnen organisieren Demonstrationen, alternative Diskussionsveranstaltungen und stören öffentliche Debatten. Sie thematisieren nicht nur Gefahren der Nanotechnologie, sondern auch die ExpertInnendominanz in den Debatten sowie kapitalistische Interessen in der Entscheidungsfindung techno-wissenschaftlicher Entwicklungen. Und: Die Gruppe greift auch die ethische Rahmung der Nanotechnologie selbst an: „Die ‚ethischen‘ Schöntuereien (…) [sind] nicht mehr als geschickte Verschleierungen”. Dem setzen sie entgegen, dass es sich um politische, soziale und ökologische Themen handelt 15. Das Beispiel zeigt, dass es möglich ist, jenseits dominanter ethischer Rahmungen zu denken und zu handeln. Nicht an staatlich initiierten ethischen Debatten teilzunehmen, birgt zwar die Gefahr, als irrational, technikfeindlich oder gar undemokratisch zu gelten. Wenn eine solche Position es erreicht, dennoch öffentlich sichtbar zu werden, bietet sie aber meines Erachtens eine klare Alternative. Diese kann es ermöglichen, kollektiv und nicht individuell zu diskutieren, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und ob wir dazu etwa selbstreinigende Fenster brauchen - oder auch nicht. Kontroversen können hier Raum bekommen, die im Ethikrahmen nicht zugelassen sind oder zum folgenlosen Spiel vorläufiger individueller Entscheidungen verharmlost werden.

  • 1. Rein, Martin und Donald Schön (1993): Reframing Policy Discourse. In: F. Fischer und J. Forrester: The Argumentative Turn in policy analysis and planning, Duke University Press, Durham, S. 145-166, hier S. 153.
  • 2. Die Auswertung des ‚bioethischen’ Untersuchungsmaterials basiert auf dem Bestand des Forschungsprojektes Ethical Governance?, Leibniz Universität Hannover (2004-06).
  • 3. Gros, François, François Jacob und Pierre Royer (1979): Sciences de la vie et société. Rapport présenté à M. le Président de la République. In: La Documentation française, Paris, S. 279 ff.
  • 4. Ebd. S. 283.
  • 5. Ebd. S. 282. Französische und englische Zitate wurden von der Autorin ins Deutsche übersetzt.
  • 6. ETC-group (2003): The Big Down. From Genomes to Atoms, S. 72.
  • 7. OPECST (2006): Compte rendue de l'audition publique du 7 novembre. Les Nanotechnologies: Risques potentiels, enjeux éthiques. Paris, S. 1-137, hier S. 3.
  • 8. Ebd.
  • 9. Ebd. S.6.
  • 10. Dupuy, Jean-Pierre und Françoise Roure (2004): Les Nanotechnologies: Éthique et prospectice industrielle. Conseil Général des Mines; Conseil Général des Technologies de l'Information, S. 1-68.
  • 11. OPECST (2006), S. 52.
  • 12. CCNE (2007): Ethical issues raised by nanosciences, nanotechnologies and health. Paris, S. 1-18, hier S. 15.
  • 13. Könninger, Sabine (2011): Is everything in good health? From bio to nano-the proliferation of governmental ethics in France. In: K. Braun: Between Self-Determination and Social Technology. Medicine, Biopolitics and the New Techniques of Procedural Managment, transcript, Bielefeld, S. 215-238.
  • 14. Braun, Kathrin, Svea Luise Herrmann, Sabine Könninger und Alfred Moore (2009): Bioethik in der Politik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 8, 16. S. 40-46, hier S.46.
  • 15. Simples Citoyens (2003): Nanotechnologies/Maxiservitude. Des contributions grenobloises à l'automatisation du cheptel humain, S. 17, unter www.piecesetmaindoeuvre.com/IMG/pdf/Nanotechnologies-maxiservitude.pdf, 22.07.06.

Sabine Könninger ist Politikwissenschaftlerin und lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Schwerpunkte und Interessen sind Ethik- und Biomedizinpolitiken - insbesondere rund um Pränataldiagnostik sowie Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Sie ist Autorin des Buchs „Genealogie der Ethikpolitik “ (Open Access).

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
218
vom Juni 2013
Seite 18 - 20

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