Fehler im System

Wissenschaftskritk

Unzuverlässige Literatur, fehlende Transparenz und ökonomische Interessenkonflikte - in Zeiten der Vertrauenskrise in wissenschaftliche Evidenz ist es höchste Zeit, die Schwachstellen des Wissenschaftssystems genauer zu betrachten.

Fehler im System Wissenschaft. Foto: Andrew Magill/flickr.com (CC BY 2.0)

Die Debatte um das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse hat seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten Ende 2016 deutlich an Schärfe gewonnen. Wissenschaftsfeindlichkeit hat nun die höchste politische Ebene erreicht. Das Postulieren von „allternativen Fakten“ und ein generelles Misstrauen in wissenschaftliche Ergebnisse erscheinen damit gesellschaftlich akzeptabel. Auch in Deutschland vertrauten 2017 laut einer Umfrage der Organisation Wissenschaft im Dialog nur die Hälfte der befragten Menschen Wissenschaft und Forschung.1 In der Umfrage stimmten 76 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass WissenschaftlerInnen zu abhängig von ihren Geldgebern seien. Vierzig Prozent gaben an, dass wissenschaftliche Ergebnisse durch Erwartungen der Forschenden verzerrt seien.

In den USA löste das Entsetzen über Trumps Politik einen breiten Protest von WissenschaftlerInnen aus, der im April 2016 zu weltweiten March for Science-Demonstrationen führte. Auch in Deutschland formierte sich eine Initiative aus WissenschaftlerInnen und WissenschaftskommunikatorInnen, die unter dem Motto „Es gibt keine Alternative zu Fakten“ auf die Straße gingen. Das GeN äußerte die Befürchtung, dass die als Vernetzung von unten gestartete Initiative sich zu einer Wissenschafts-PR- Veranstaltung entwickeln würde.2 Eine selbstkritische Reflektion, zum Beispiel des Begriffs „Fakten“, fehlte im Außenbild der Bewegung leider vollständig. Und das, obwohl wissenschaftsintern seit Jahren zunehmend über die Missstände im internationalen Forschungsbetrieb diskutiert wird. Unsere Kritik an dieser verpassten Chance bildete den Ausgangspunkt für diesen Schwerpunkt. Die Artikel thematisieren verschiedene Aspekte des Wissenschaftssystems, vor allem der Naturwissenschaften, die dringend weiter diskutiert werden sollten.

Die Soziologin Martina Franzen wirft einen Blick auf die Auswirkungen der Digitalisierung des wissenschaftlichen Publikationswesens. Wie steht es um die inhaltliche Qualität von Publikationen, wenn der Trend von zeitaufwändiger Begutachtung hin zu digitalen Messzahlen geht? Auch der Psychologe Brian Nosek beschäftigt sich als Gründer des Center for Open Science kritisch mit dem wissenschaftlichen Publikationssystem. Im Interview äußert er sich zu der Frage, warum ForscherInnen den eigenen wissenschaftlichen Idealen in ihrer Arbeit nicht immer folgen.

Die Öffentlichkeit erreichen Forschungsergebnisse erst nach medialer Aufarbeitung. Die Einordnung der Ergebnisse in „signifikant“ oder „nicht-signifikant“ ist zu diesem Zeitpunkt längst vollzogen. Doch wissenschaftsintern wird viel über die statistische Methodik von Studien gestritten. Der Biostatistiker Hans-Peter Piepho hat sich dieser Debatte angenommen und erläutert die tatsächliche Bedeutung von Signifikanz. Sein Beitrag verdeutlicht, warum wissenschaftliche Evidenzen nicht automatisch als „Fakten“ zu werten sind. Im Zweifel ist es von den einzelnen ForscherInnen abhängig, ob und wie sie ihre Ergebnisse publizieren und präsentieren. Diese Entscheidungen können beispielsweise durch ökonomische Interessen geleitet werden. Einen Extremfall nimmt Martin Pigeon der NGO Corporate Europe Observatory unter die Lupe. Im Zuge eines Gerichtsverfahrens wurde eine Sammlung von internen eMails des Agrargentechnikkonzerns Monsanto veröffentlicht. Sie erlauben einen Einblick in die wissenschaftsfeindliche Praxis des Konzerns sowie der beteiligten WissenschaftlerInnen. Im letzten Beitrag richten wir den Blick einmal kritisch auf uns selbst: In einer Diskussion machen die GID-RedakteurInnen Isabelle Bartram und Christof Potthof die interne Debatte um ihre eigene Arbeit transparent. Wir sind auch an Ihrer Meinung zum Thema interessiert - schreiben Sie uns!

Die Bilder des Schwerpunktes zeigen WissenschaftlerInnen bei der Arbeit. Denn hinter den vermeintlich objektiven Wahrheiten der Wissenschaft stehen immer subjektiv agierende Menschen. Sie forschen nicht nur, sondern interagieren miteinander und mit der Öffentlichkeit. Sie vertreten ihre Positionen auch in der Politik - wie auf dem March for Science, der auch im nächsten Frühling wieder stattfinden wird. Die Kritik scheint angekommen zu sein: Dieses Mal will „das Wissenschaftssystem auch selbstkritisch nach innen blicken“.3 Wir sind gespannt!

GID-Redaktion

zur Artikelübersicht
GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
244
vom Februar 2018
Seite 6