G8-Gipfel: Ein Rückblick nach vorn

Bericht vom ersten Aktionstag zu globaler Landwirtschaft

Unter dem Motto „Widerstand ist fruchtbar – lasst ihn wachsen“ protestierten während des diesjährigen G8-Gipfels in Rostock Tausende gegen die aktuelle Agrar- und Handelspolitik. Diese Themen müssen bei JournalistInnen und bei AktivistInnen der linken Bewegung in Deutschland mehr Beachtung finden, meint das Aktionsnetzwerk globale Landwirtschaft.

Während die Bilder der militanten Straßen-kämpfe des so genannten Schwarzen Blocks schon vor Beginn des offiziellen G8-Gipfels Anfang Juni und auch noch in den folgenden Tagen durch die Medien gingen, blieben manche der dort kritisch beleuchteten politischen Inhalte wenig beachtet. So fand am Sonntag, den 3. Juni, in Rostock und Umgebung der G8-Landwirtschafts-Aktionstag statt. An ihm beteiligten sich bis zu 5.000 Menschen aus dem In- und Ausland, die am Vormittag in einer bunten und kreativen Demonstration durch die Rostocker Innenstadt zogen. An der anschließenden Rallye, die unter anderem an einem transgenen Kartoffelfeld vorbei zum östlich von Rostock gelegenen Groß Lüsewitz, Standort des Agro-Bio-Technikums, zog, nahmen etwa 2.000 Menschen teil. Zum Abschluss gab es dort ein Dorffest mit Leckerereien aus dem Umland, Filmen und einer Sambaband, sowie Informationsständen und Redebeiträgen zu regionalen, europäischen und internationalen Themen. Am Abend ging im Rostocker Hafen das internationale Netzwerk von Kleinbauernverbänden, La Via Campesina, auf einer Veranstaltung der Frage nach: „Wie werde ich Bauer?” Die zentralen Kritikpunkte des Tages drehten sich dabei um die Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft, um gentechnische Forschungen und Freilandversuche und um die Konzentration im Agrarsektor. An der Spitze des Demozuges durch die Rostocker Innenstadt liefen meterhohe Großpuppen, die indigene Menschen, Mais und andere Nutzpflanzen darstellten. Klaus der Geiger aus dem Wendland sorgte mit seiner mitreißenden Musik für gute Laune. Bei einem Zwischenstopp vor einem Lidl-Supermarkt wurde gegen die zuneh-mende Machtkonzentration in den Händen einiger weniger Handelskonzerne protestiert. Denn durch ihre Marktdominanz drücken sie die Preise für Produkte, für die Löhne ihrer Angestellten und auch die sozialen und öko-logischen Standards in der Produktion und im Handel. Neben vielen bunten Clowns waren auch einige als rosa Schweinchen Verkleidete und die sprichwörtliche eierlegende Woll-Milch-Sau mit dabei. Ein überdimensioniertes Patentmonster, geschmückt mit Firmenlogos großer Agrar- und Pharmakonzerne wie Monsanto, Syngenta und Bayer, versuchte jeden und jede zu fressen, die ihm vor die Schnauze kam. Damit demonstrierte die Buko-Kampagne gegen Biopiraterie gegen die sich ständig verschärfenden geistigen Eigentumsrechte, die es den Konzernen ermöglichen Pflan-zen, Tiere und genetische Ressourcen zu privatisieren. Auch an anderen Orten in Deutschland fanden Aktionen im Rahmen des G8-Landwirtschaftstages statt. Im mecklenburgischen Demmin gabe es eine „Ehrlichkeitsoffensive” in einem Kaufland-Supermarkt (Lidl-Konzern). Dabei wurden hunderte von Produkten mit Aufklebern versehen, die über die Realitäten der kapitalistischen Globalisierung infor-mierten. In Leverkusen wurde gegen die Produktion von Giften und Gentechnologie durch den Bayer-Konzern protestiert. Und in Tübingen gab es während eines G8-Pro-testtags unter anderem ein „unfaires Fußballspiel”, bei dem der „1. FC Wohlstand” gegen den „Hungerleider 05” antrat.

Medienbilder: Wenig Interesse an Inhalten

Wie so oft bei diesen Gipfeltreffen galt das Interesse der Medien vorrangig den militanten Protesten in den Straßen. Hier haben politische Analyse, Kritik und mögliche Alternativen es ungleich schwerer. Des-halb wurde von AktivistInnen verschiedenster Bewegungen schon im Vorfeld des G8-Gipfels erwogen, wie ihre fundierte Kritik am bestehenden neoliberalen System innerhalb der Proteste ein größeres Gewicht und eine größere Sichtbarkeit erlangen könnte. Daraus entstand die Idee, drei inhaltliche Aktionstage mit den Themen Militarismus, Migration und Landwirtschaft zu organisieren. Während die Themen Militarismus und Migration eine gewisse Tradition in linken Bewegungen in Deutschland haben, war und ist das Thema Landwirtschaft für weite Teile der AktivistInnen ein neues und unbekanntes Gebiet. Bisher wurde in Deutschland kaum wahrgenommen, wie zentral dieses Themas für soziale Bewegungen in Ländern des Südens - etwa bei den Protesten gegen die Politik der Welthandelorganisation (WTO) - ist. Das ambitionierte Ziel des Aktionsnetzwerkes globale Landwirtschaft, den OrganisatorInnen des Aktionstages, war es deshalb, nicht nur dieses „neue” Thema in hiesigen linken Protesten zu etablieren, sondern auch die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Themenblöcken, etwa zwischen Landwirtschaft und Migration, aufzuzeigen.

Globale Landwirtschaft: Ein politisches Thema

Dafür, dass Menschen in der ganzen Welt sich mit dem Thema globale Landwirtschaft beschäftigen, gibt es zahlreiche Gründe. Auch wenn es vielleicht aus der Perspektive Deutschlands nicht so scheint, so leben und arbeiten weltweit etwa 1,3 Milliarden Menschen als Bauern, Bäuerinnen und LandarbeiterInnen. Die Art und Weise, wie Landwirtschaft und Ernährung heutzutage organisiert sind, hat weitreichende soziale und ökologische Folgen. Die industrielle Landwirtschaft zerstört natürliche Ressourcen – von Böden und Wäldern über Wasservorkommen bis zur biologischen Vielfalt. Der Druck, immer mehr und immer billiger zu produzieren, zwingt (klein-)bäuerliche ProduzentInnen dazu, ihre Höfe aufzugeben. Andere wieder werden im Auftrag großer Agrarkonzerne von ihrem Land vertrieben, und nicht zuletzt leiden weltweit Millionen von Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung. Entgegen der Rhetorik der Bekämpfung von Hunger und Armut, die jeden G8-Gipfel begleitet, verfolgen die Regierungen der reichsten Industrieländer eine zerstörerische, neoliberale Agrar- und Fischereipolitik, die zu immer mehr Vertreibung und Hunger und zu dramatisch anwachsender Ungleichheit führt. Hiervon profitieren weltweit vor allem transnationale Konzerne und Großag-rarier. Die G8-Regierungen und die EU haben einen erheblichen Anteil daran, dass die Existenzgrundlagen von Kleinbauern- und bäuerinnen insbesondere in den ärmeren Ländern systematisch zerstört werden. Eine Folge davon ist, dass Entwicklungsländer durch die Politik der WTO und bilaterale Freihandelsabkommen zur ungeregelten Weltmarktöffnung gezwungen werden und dass subventionierte Lebensmittel ihre Märkte zerstören. „Armut ist politisch gewollt, weil Menschen davon profitieren, wenn andere Menschen hungern müssen", er-klärte Georg Janßen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) auf der Kundgebung in Rostock. Auch die VertreterInnnen von Kleinbauernverbänden, Landarbeiterorganisationen und gentechnikkriti-schen Netzwerken aus Nord und Süd – darunter La Via Campesina, die französische Confédération Paysanne und der polnische Bauernverband Solidarny – bestätigten dies. Sie berichteten, wie die aktuelle Landwirtschafts- und Handelspolitik, die vor allem Profit- und Kontrollinteressen der Agrarkonzerne bedient, sich in ihren Ländern auswirkt. Und sie forderten eine soziale und ökologische Landwirtschaft in Nord und Süd. Von allen RednerInnen wurden die engen Verbindungen zwischen lokalen Problemen und internationalen Strukturen betont, und die Notwendigkeit global zu denken, und lokal zu handeln.

Gute Laune gegen Gentechnik

Wie schon am Morgen bei einer Auftaktkundgebung vor der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Uni Rostock, so richtete sich die Kritik auch auf dem Protestfest am Nachmittag gegen die gentechnischen Forschungen und Freilandversuche der Uni und des Agro-Bio-Technikums in Groß Lüsewitz. Wie die RednerInnen erklärten, wehren sich (Klein-)BäuerInnen und KonsumentInnen weltweit gegen die Einführung von transgenen Saaten und Produkten. Denn dies wird die Abhängigkeit der Landwirte gegenüber den Saatgut- und Agrochemiekonzernen weiter steigern. Das bunte Fest unterstützte die noch junge Bürgerinitiative gegen Gentechnik in der Region und nahm der lokalen Bevölkerung ein wenig von den Befürchtungen gegenüber den G8-Protesten. Denn die lockere Atmosphäre entsprach so gar nicht den düsteren Vorhersagen der Medien, die Wochen vorher die Ankunft gewaltbereiter Chaoten angekündigt hatten. So war das transgene Kartoffelfeld nahe Groß Lüsewitz von einem Großaufgebot der Polizei mit Hundestaffeln und Pferden umstellt. Was allseits mit viel Jubel aufgenommen wurde: Am frühen Morgen des Aktionstages schon hatten AktivistInnen unabhängig von Demo und Dorffest einen Teil eines Gen-Ackers in Mecklenburg Vorpommern frühzeitig abgeerntet. Auch in den folgenden Tagen wurden nahe dem mecklenburgischen Prebberede und bei Neubrandenburg jeweils Teile von Genmais-Feldern in Selbsthilfe geerntet.

Ernährungssouveränität: Ein Gegenkonzept

Ein Begriff, der an diesem Aktionstag häufig fiel, war jener der Ernährungssouveränität. Dabei handelt es sich um ein vom Netzwerk Via Campesina entworfenes Gegenkonzept zur vorherrschenden neoliberalen Agrar- und Handelspolitik. Darin wird das Recht und die Notwendigkeit für Länder und Regionen betont, über ihre Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Die Idee dahinter ist, dass nur, wenn die Agrar-Produktion entsprechend regionaler Bedürfnisse ausgerichtet wird, Hunger und Mangelernährung auch in den ländlichen Gebieten, wo die Mehrzahl der Hungernden lebt, bekämpft werden können. Dies setzt voraus, dass Bauern und Bäuerinnen ein grundsätzliches Recht auf landwirtschaftliche Produktion und auf den Zugang zu den Produktionsmitteln wie Land, Saatgut und Wasser gewährt wird. Für Flor Martinez von der nicaraguanischen Organisation ODESAR (Organisation für integrale ländliche Ent-wicklung), Mitglied von Via Campesina, bilden eine auf den Weltmarkt anstatt auf die eigene Versorgung ausgerichtete Landwirtschaft, die Gentechnik und schließlich der Boom der Biokraftstoffe die drei großen Bedrohungen für die Ernährungssouveränität. Sie befördern sich gegenseitig: Mit dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zur Sicherung von Biokraftstoffen in Europa und den USA werden Armut, Migration und Ernährungsunsicherheit in den Ländern des Südens wachsen. Für die OrganisatorInnen dieses ersten Aktionstages zu globaler Landwirtschaft verlief die Zusammenarbeit zwi-schen den verschiedenen Gruppen und Spektren sehr konstruktiv. Auch wenn die Medien die politischen Inhalte nur wenig aufgegriffen haben, so war doch die große Beteiligung und die Kreativität bei den Aktionen gegen den G8-Gipfel sehr erfreulich und hat einige Menschen inspiriert und motiviert, selbst aktiv zu werden. So ist etwa eine Kampagne in Arbeit gegen die Versuche Monsantos, Schweinegene zu patentieren. Doch so wichtig Proteste gegen internationale Großveranstaltungen wie den G8-Gipfel sind, so sollten Bewegungen und AktivistInnen ihre Agenda letztlich nicht allein durch diese Termin- und Themensetzung bestimmen lassen. Denn mindestens genauso wichtig ist es, konkrete lokale Alternativen zu erarbei-ten, sich eigene Themen und Ziele zu setzen und dabei Freiräume und Unabhängigkeit herzustellen. Der Austausch mit internationalen Gästen während der Aktionstage von Rostock und Heiligendamm ermöglichte es, eine Reihe schon bestehender Ansätze für positive Alternativen kennenzulernen. So stellen sich in vielen Ländern Erhaltungsprojekte von Saatgut mit freien und vielfältigen Saaten den Monopolen entgegen.1 Zunehmend bilden sich gentechnikfreie Regionen, und in Spanien gründeten sich in den letzten Jahren alternative Projekte, die direkte Vertriebsstrukturen zwischen ProduzentInnen auf dem Land und KonsumentInnen in der Stadt aufbauen.2 Insofern können Großprotest-Veranstaltungen wie der G8-Gipfel dem Austausch und der Vernetzung dienen und dabei auch Mut machen für die Suche nach einer „anderen Welt” und einer anderen Art der Landwirtschaft.

  • 1. Dabei kämpfen sie zunehmend mit einschränkenden Gesetzen. Kokopelli etwa, eine Saatgut-Erhaltungsinitiative aus Frankreich, ist wegen illegaler Weitergabe von Saatgut angeklagt.
  • 2. Das Projekt „Bajo el Aspalto esta la huerta” im Netz unter: http://bah.ourproject.org/sommaire.php3.

Anne Schweigler ist Ethnologin. Sie ist aktiv in der Saatgutkampagne und anderen sozialen Bewegungen.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
183
vom August 2007
Seite 43 - 46

Aktionsnetzwerk globale Landwirtschaft

Das Aktionsnetzwerk globale Landwirtschaft hat sich vor knapp einem Jahr gegründet. Daran beteiligt sind Menschen aus Gruppen und Netzwerken, wie dem Barnimer Aktionsbündnis gegen Gentechnik, dem attac-AgrarNetz und der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie. Das Netzwerk will die Themen Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung von ihrem hier zu Lande fast apolitischen Image befreien und aufzeigen, dass deren Brisanz mit zunehmender Globalisierung noch wächst. Deshalb ist es gerade wichtig, dass die steigende Abhängigkeit vom Weltmarkt und von den transnationalen Konzernen in diesem Bereich auch in Deutschland und in Europa politisch diskutiert wird, und dies, ohne dabei soziale und ökologische Themen gegeneinander auszuspielen. Schon im Vorfeld des G8-Gipfels realisierte das Aktionsnetzwerk gemeinsam mit anderen Aktivis-tInnen und Nichtregierungsorganisationen (NGO) Aktionen und Veranstaltungen in ganz Deutschland.(1) Auch in den kommenden Monaten bleibt die globale Agrar- und Handelspolitik ein Thema. Derzeit verhandelt die EU mit den AKP-Staaten über ein weitreichendes Freihandelsabkommen (Economic Partnership Agreements – EPA).(2) In Afrika wird bereits an vielen Orten gegen EPAs protestiert. In Deutschland und Europa ist für den 27. September 2007 ein internationaler Aktionstag geplant. Ein weiterer Termin wird im kommenden Mai in Bonn das 4. Vertragsstaatentreffen zum Protokoll über die biologische Sicherheit (Fourth Meeting of the Parties of the Protocol - MOP4) und die anschließende 9. Konferenz der Biodiversitätskonvention (COP9) (3) sein. Bei beiden Events ist es notwendig, die Beobachtung und die politische Einflussnahme nicht allein den wenigen dazu arbeitenden NGO zu überlassen.
(Anne Schweigler)
Fußnoten: (1) Zum Beispiel eine „Orangen-Info-Tour” zu den Arbeitsbedingungen von MigrantInnen in der Landwirtschaft zwischen Österreich und Ostsee, mehrere Aktionen und Veranstaltungen zum internationalen Aktionstag von Via Campesina am 17.4.07, die Beteiligung am europäischen Saatgutseminar in Halle im Mai und an der Anti-Gentech-Demo zur Saatgutbank in Gatersleben. Informationsmaterial unter: www.g8-landwirtschaft.net (2) Infos zur EPA-Kampagne: www.stopepa.de/kampagne.html und auf der Seite des Africa Trade Network: www.twnafrica.org/news_detail.asp?twnID=778 (3) Das Bundesumweltministerium bezeichnet diese Konferenz der Vertragsstaaten der CBD als „Naturschutzkonferenz”. Dies reduziert die Thematik in der Öffentlichkeit auf die Positionen und Sichtweisen der Naturschutz- und Umweltverbände und blendet agrar- und entwicklungspolitische Inhalte aus.

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