Debatte um Neue Gentechnikverfahren: Welche Rolle kann Gentechnik in der Landwirtschaft spielen?

Podiumsdiskussion vom 07.07.22

Die EU-Kommission stellt derzeit die Weichen für das Gentechnikrecht neu. Eine Option ist, dass bestimmte Verfahren der neuen Gentechniken in Zukunft ganz von der Regulierung durch das Gentechnikrecht ausgenommen werden könnten. Befürworter*innen und Gegner*innen einer Neuregelung diskutieren zwar sehr intensiv, aber nicht unbedingt immer miteinander.

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Einladung zur Podiumsdiskussion am 07.07.22

Eine Onlineveranstaltung sollte einen Beitrag dazu leisten, das zu ändern. Mit einer Online-Podiumsdiskussion hat die Aurelia Stiftung zusammen mit Europe Calling am 07.07.22 einige sehr gegensätzliche Meinungen zum Thema Neue Gentechnik an einen Tisch gebracht. Das Ziel: Die Meinungen zusammenzutragen und herauszufinden, ob und wie ein Kompromiss gefunden werden kann bzw. an welchen Punkten sich die Podiumsteilnehmer*innen auf etwas einigen können.

Moderiert von der Journalistin und Autorin Dr. Tanja Busse und im Beisein von ca. 1000 Zuschauer*innen wurde darüber diskutiert, welche Rolle Gentechnik in der Landwirtschaft spielen kann - vor allem im Hinblick auf Ernährungskrise, Klima und Artensterben. Das Format von Europe Calling sieht eine offene Diskussion mit den Zuschauer*innen vor, die im Chat Fragen stellen können. Diese Fragen konnten vom Publikum gevotet werden, die Fragen mit den meisten Stimmen wurden an das Podium weitergegeben.

Teil des Podiums waren Dr. Friedhelm von Mering (politischer Referent, BÖLW), Dr. Angelika Hilbeck (Agrarökologin, ETH Zürich, Institut für Integrative Biologie), Robert Hoffie (Pflanzengenetiker und Doktorand am IPK Gatersleben) und Svenja Augustin (Ko-Initiatorin der europäischen Initiative „GiveGenesAChance“ und Vorstandsmitglied ÖkoProg). Nach zwei kurzen Keynotes von Dr. Klaus Berend (Geschäftsführender Direktor der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit DG SANTE der EU-Kommission) und Thomas Radetzki (Vorstandsvorsitzender und Initiator der Aurelia-Stiftung und Imkermeister) bekamen alle vier Panelist*innen Zeit, um einen kurzen Redebeitrag zu leisten. In der anschließenden Diskussion kamen alle Seiten zu Wort.

Positionen liegen weit auseinander

Die Veranstaltung hat gezeigt, wie weit manche Positionen auseinanderliegen, beispielsweise in der Diskussion darüber, wie eine nachhaltige Landwirtschaft erreicht werden kann und inwiefern neue Gentechnikverfahren dazu einen Beitrag leisten können.
Einigkeit konnte nur an einigen wenigen Punkten gefunden werden: So gab es eine große Zustimmung dafür, dass die Konzentration von Patenten bei einigen wenigen Konzernen ein Problem darstellt. Außerdem war man sich einig, dass die Eigenschaft der Herbizidresistenz von gentechnisch veränderten Pflanzen nichts zur Nachhaltigkeit beitragen kann. Resistenzen dieser Art hatten in der Vergangenheit zu mehr Pestizideinsatz geführt, anstatt diesen zu reduzieren. Wenn über Nachhaltigkeit gesprochen werde, betont Dr. Friedhelm von Mering, dann müsse klar sein: nachhaltig könne nicht ein Tier oder eine Pflanze sein, sondern immer nur ein System. Dr. Klaus Berend stimmt dem zwar zu, betont jedoch, wenn Gentechnik als kleiner Baustein etwas dazu beitragen könne, dann wolle man dies in Betracht ziehen. Robert Hoffie vom IPK Gatersleben sagt, gentechnische Methoden seien ein Teil der Pflanzenzüchtung, der gemeinsam mit vielen anderen Maßnahmen zu mehr Nachhaltigkeit im landwirtschaftlichen System beitragen solle.

Kritik am Fokus auf Technik

Einen Blick auf Systeme ist auch der Agrarökologin Dr. Angelika Hilbeck wichtig. Ihr Impuls, man solle sich gemeinsam, systematisch und interdisziplinär mit der Geschichte der Gentechnik befassen und untersuchen, warum bisher keine Erfolge zu verzeichnen gewesen seien, trifft auf Zuspruch. Denn die Versprechungen der Vergangenheit waren groß, herausgekommen sind jedoch vor allem herbizidresiste Pflanzen und Bt-Pflanzen, d.h. Pflanzen, die selbst Gifte produzieren und damit ihre Fraßfeinde abwehren sollen. Sie regt an zu untersuchen, aus welchen wissenschaftlichen Gründen die Erfolge in der Vergangenheit ausgeblieben seien. An der Regulierung sei der Erfolg nicht gescheitert. Zudem müsse die systemische Forschung, z.B. die Agrarökologie, endlich mit den gleichen finanziellen Mitteln ausgestattet werden wie die Forschung im Bereich der Agro-Gentechnik. Auch Robert Hoffie findet eine solche Analyse interessant, merkt aber an, dass es dabei wichtig sei, einen Unterschied zwischen den Verfahren vor 30 Jahren und den heutigen Verfahren zu machen. Hier gehe es nicht um Transgenese, sondern um die Veränderung von Genen, die bereits in der Pflanze vorhanden seien.

Hilbeck kritisiert zudem den starken Fokus auf Technik im Diskurs. Ihrer Meinung nach sei es viel wichtiger, über die systemischen Probleme, die hinter Hunger und Klimawandel stecken zu sprechen. Das müsse in der Gesamtschau kritisch hinterfragt werden. Svenja Augustin dagegen hält es nicht für sinnvoll, auf den Einsatz von Gentechnik zu verzichten, um Probleme wie den Verlust der Biodiversität anzugehen und verweist dabei auf den Flächenverbrauch in der Landwirtschaft, der auch im Ökolandbau Thema ist. Natürlich müsse man den Flächenverbrauch für die Futterproduktion und den Lebensmittelverbrauch reduzieren. Dies stehe ihrer Ansicht nach aber der Anwendung von Gentechnik oder einer Nutzung von möglichst flächeneffizienten Nutzpflanzen nicht entgegen. Pestizidreduktion sei ein gutes Ziel, der Ökolandbau würde dabei aber eine unnötig große Fläche verwenden. Hier könne man eine Resistenzzüchtung bevorzugen, so Augustin. Dr. Friedhelm von Mering hingegen unterstreicht, wie wichtig es sei, vor allem nach den Ursachen der Probleme wie z.B. dem Schädlingsdruck zu suchen, bevor man an der Herstellung einer Resistenz arbeite.

Das Thema bleibt kontrovers

Es ist selten, dass Podien mit so gegensätzlichen Meinungen stattfinden und die Teilnehmer*innen in einen konstruktiven Austausch gehen. Viel aufgeheizte und teilweise persönlich angreifende Kommunikation findet dagegen auf Social Media statt, vor allem auf der Plattform Twitter. Diese Ebene der Kommunikation lenkt schnell von relevanten Fragen des Diskurses ab und wird dem komplexen Thema häufig nicht gerecht. Auf dem Podium fand, trotz zum Teil sehr unterschiedlicher Meinungen, ein spannender sachlicher Austausch statt.

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und kann hier angeschaut werden: https://europe-calling.de/webinar/gentechnik-landwirtschaft/

Pia Voelker ist Redakteurin des GID und Mitarbeiterin im GeN.

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22. Juli 2022

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Die Aufzeichnung der Veranstaltung kann hier angesehen werden: https://europe-calling.de/webinar/gentechnik-landwirtschaft/

 

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