Landwirtschaft 4.0

Die Verschmelzung der Technologien

Das Konzept der Landwirtschaft 4.0 scheint auf den erst Blick innovativ.  Ein Schritt zu einem Wandel in der Landwirtschaft ist es jedoch nicht. Zu stark ist der Glaube an Wirtschaftswachstum und technologische Lösungen. So werden alternative Ansätze wie die Agrarökologie absorbiert statt umgesetzt und die echten Probleme bleiben unangetastet. 

Saatgut Sieb manuel

Aussieben von Saatgut. Foto: Pepa Bernardes

Die technologische Innovation hat als zentraler Lösungsansatz für die Probleme der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft an Bedeutung gewonnen. Das Konzept „Landwirtschaft 4.0“ vereint Ansätze der Präzisionslandwirtschaft, Smart Farming, digitale und vertikale Landwirtschaft sowie Bioökonomie. Diese Ansätze werden durch neue Technologien wie Robotik, künstliche Intelligenz, Blockchain, Internet der Dinge, Genom Editierung, synthetische Proteine und Nanotechnologie unterstützt.

Die Landwirtschaft 4.0, Vertreterin einer vierten industriellen Revolution, zielt auf eine „Verschmelzung von Technologien, die die Grenzen zwischen der physischen, digitalen und biologischen Sphäre verwischt“. Beispiele für diese Verschmelzung sind die synthetische Biologie, bei der Fleisch aus Stammzellen von Rinderföten gezüchtet wird, und Organismen, die mit der CRISPR-Cas-Technologie gentechnisch verändert wurden, die eine schnelle, einfache und kostengünstige Veränderung unerwünschter Gene verspricht. Diese Technologien wurden erst durch Fortschritte in der Computertechnik möglich, die es beispielsweise erlauben, ganze Genome innerhalb weniger Tage zu entschlüsseln und zu scannen.

Das Konzept, das der Innovation Landwirtschaft 4.0 zugrunde liegt, ist an sich wenig erfinderisch. Seitdem der Begriff der Nachhaltigkeit im internationalen Recht verankert wurde, behauptet die Agrarindustrie, dass wir mit weniger mehr produzieren müssen, um die Welt nachhaltig zu ernähren. Diese Auffassung wird begründet mit den Herausforderungen des Bevölkerungswachstums sowie den Auswirkungen des Klimawandels und wurde von internationalen Organisationen wie der Weltbank und der FAO unterstützt.

Das Innovationsnarrativ erklärt Lösungsansätze für notwendig, die von den Unternehmen des Sektors selbst eingebracht werden. Dieser Prozess hat bisher wenig kritische Aufmerksamkeit erhalten, verdient es aber aus einer politökonomischen Analyse heraus auseinandergenommen zu werden. Die politische Ökonomie fragt angesichts der gravierenden Probleme der Lebensmittelproduktion: bei wem die Kontrolle über diese Systeme liegt, welche Technologien eingebracht werden, wer von der Beibehaltung des Status quo profitiert, wer verliert, welche Risiken bestehen und welche Hindernisse dem Wandel entgegenstehen.

Werfen wir nun einen Blick auf die politische Ökonomie der von der Landwirtschaft 4.0 vorgeschlagenen Innovationen. Sie sind fast alle eigentumsrechtlich geschützt oder im Begriff, es zu werden, und zielen auf eine groß angelegte Vermarktung ab. Sie stehen im Einklang mit dem vorherrschenden Agrar- und Ernährungssystem, das auf Industrialisierung, Extraktivismus und Kommerzialisierung beruht. Sie sind revolutionär in Bezug auf das höhere Gewinnpotenzial, das sie bieten können, die Verschmelzung von Disziplinen und die Ungewissheit ihrer Risiken, aber sie sind nicht revolutionär in Bezug auf das bestehende industrialisierte Modell.

Darüber hinaus verstärken die meisten der genannten Technologien den Trend des derzeitigen Modells, indem sie Größenvorteile, Marktkonzentration und Vertikalisierung (Anm. d. Red.: Die Aufteilung eines Systems in einzelne Teile) anstreben. Die folgenden zwei Beispiele verdeutlichen diese Aussage.

Traktoren, die ausgestattet mit Sensoren Daten über den Zustand des Bodens und der Pflanzen sammeln: Die verwendete Software und die gesammelten Daten sind urheberrechtlich geschützt. Der*Die Landwirt*in muss pünktlich für den Zugang zu seinen*ihren Daten bezahlen. Gleichzeitig behält sich das Unternehmen, das den intelligenten Traktor verkauft, das Recht vor, die Daten nach eigenem Ermessen zu nutzen. Es ist das Google-Geschäftsmodell, das auf die Landwirtschaft angewandt wird.

Mit der CRISPR-Cas-Technologie veränderte Pflanzen und Tiere: Nicht nur die Technologie, sondern auch die daraus resultierenden Organismen sind patentiert. Der Umfang dieser Patente entzieht ganze Sorten der öffentlichen Hand und erstreckt sich entlang der Lebensmittelkette auf alle daraus resultierenden Produkte. Trotz der Versprechungen der Industrie, Lösungen für die Auswirkungen des Klimawandels und des Hungers zu finden, zielen die Produkte der Genom Editierung in erster Linie auf die Bedürfnisse der Agrarindustrie selbst ab: Sojabohnen mit höherem Ölsäuregehalt, herbizidresistente Sojabohnen und andere wertvolle Nutzpflanzen, die nicht verderben. In Wirklichkeit werden die grundlegenden Probleme der ersten Generation von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) nicht angegangen – die Entwicklung von Resistenzen gegen Schädlinge und der exponentielle Anstieg des Pestizideinsatzes –, während alarmierende Beweise dafür auftauchen, dass sie unvorhersehbare und schädliche Auswirkungen mit sich bringen.

Der Innovationsdiskurs wurde sorgfältig konstruiert, um uns glauben zu machen, dass wir die Nicht-Nachhaltigkeit der derzeitigen Systeme lösen können, während wir wirtschaftlichen Wohlstand und Wachstum sicherstellen. Diese optimistische Version der Zukunft der Agrar- und Ernährungswirtschaft lässt die strukturellen Probleme des derzeitigen Modells außer Acht. Besonders eklatant ist die Tatsache, dass die moderne Landwirtschaft mit am stärksten zur globalen Erwärmung beiträgt, am meisten Wasser verschwendet und die Hauptschuld an der Bodenerosion und dem Verlust der Agrobiodiversität trägt.

Anstatt sich mit der Regeneration von Böden, Wasser, Wäldern, Pflanzensorten und lokalen Märkten zu befassen, besteht die Kernaufgabe der Landwirtschaft 4.0 darin, die landwirtschaftliche Produktivität und das Wachstum zu steigern und gleichzeitig die derzeitigen Formen der Lebensmittelproduktion, der Vermarktung und des Verbrauchs zu erhalten. Diese Mission ist geschickt in einen Diskurs über nachhaltige Entwicklung verpackt, der sich auf Themen konzentriert, die den Regierungen wichtig sind, wie z.B. die Ernährungssicherheit. Fragen wie der Zugang zu Land und Nahrungsmitteln, die Preisgestaltung, der Zugang zu Krediten und das (Un-)Gleichgewicht der Kräfte in der Agrar- und Nahrungsmittelkette bleiben somit bei der Analyse außen vor.

In Wirklichkeit ignoriert die Agrarindustrie Lösungsvorschläge für die Probleme, die sie selbst geschaffen hat, und dringt nicht zum wirklichen Kern der Sache vor. Der Erfolg des vorherrschenden Agrarmodells beruht auf der Nutzung von Monokulturen, einer kleinen Anzahl von Nutzpflanzen mit hoher Wertschöpfung, globalen Lebensmittelketten und der Förderung von Betriebsmitteln (Anm. d. Red.: z.B. Dünger und Pestizide) von außerhalb der landwirtschaftlichen Flächen. Praktiken, die große ökologische und soziale Probleme verursachen, deren Kosten die Agrarindustrie und offensichtlich auch die Institutionen nicht bereit sind zu übernehmen.

Die Agrarökologie ist eine Wissenschaft und Praxis, die auf den nachhaltigen Anbaumethoden traditioneller Landwirtschaft aufbaut und Verbindungen zu sozialen Bewegungen für Ernährungssouveränität herstellt. Die Agrarökologie vertritt die Auffassung, dass Innovationssysteme nicht neutral sind, und unterstützt die Wiederherstellung der Verbindung mit Agrarökosystemen, wobei der langfristige Nutzen im Vordergrund steht.

Bei der Analyse eines Technologievorhabens fragt die Landwirtschaft 4.0 nur „Wofür ist sie gut?“, während die Agrarökologie fragt „Für wen ist sie gut?“, „Für wen ist sie nicht gut?“, „Welche Folgen kann sie haben?“, „Welche Alternativen gibt es?“.
Die Bioökonomie-Industrie (Biotechnologie, Agrochemie und Pharmazie) hat der Europäischen Kommission erfolgreich ein „Innovationsprinzip“ nahegelegt, das mit dem Vorsorgeprinzip kollidieren könnte, welches von der Branche abgelehnt wird. Die starke Förderung von technologischer Innovation bindet Investitionen in Forschung und Entwicklung auf Kosten der Zugänglichkeit und Übertragbarkeit. Dabei wird auch die „Retro-Innovation“, die Verschmelzung von traditionellem Wissen mit neuen Ideen, vorangetrieben.

Obwohl die Agrarökologie im Diskurs lokaler und internationaler Institutionen zunehmend präsenter ist, wurde ihr Inhalt verwässert. So wurde sogar behauptet, sie sei mit dem Einsatz von Biotechnologie vereinbar. Wenn wir als Forscher*innen und Bürger*innen nicht wachsam sind, werden wir erleben, wie die Agrarökologie von dem derzeitige Agrar- und Ernährungssystem absorbiert wird. Für die Zukunft verheißt das nichts Gutes.


Dieser Text wurde zuerst auf Portugiesisch auf dem Wissenschaftsblog https://ambienteterritoriosociedade-ics.org/ veröffentlich und vom GeN ins deutsche übersetzt. Es gilt CC BY-NC-SA.

Original Text: https://ambienteterritoriosociedade-ics.org/2022/04/27/uma-analise-crit…

 

Lanka Horstink ist Soziologin und Mitglied des ICS-ULisboa. Sie arbeitet auf dem Gebiet der politischen Ökonomie und der politischen Ökologie von Agrar- und Ernährungssystemen, mit dem Schwerpunkt auf ökologisch-demokratischer Ausprägung.

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3. Mai 2022

Dieser Text wurde zuerst auf Portugiesisch auf dem Wissenschaftsblog https://ambienteterritoriosociedade-ics.org/ veröffentlich und vom GeN ins deutsche übersetzt.

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