Filmrezension: Ein Plädoyer für das Recht auf Nichtwissen

Filmrezension zu „Habt ihr das denn nicht vorher gewusst?“

„Habt ihr das denn nicht vorher gewusst?“ – Pränataldiagnostik. Dokumentation, Deutschland 2019, Regie: Vanessa Hartmann, medienwerkstatt-franken.de.

Es ist eine paradoxe Situation: Menschen mit Down-Syndrom sind heute im öffentlichen Leben so sichtbar wie selten zuvor. Gleichzeitig werden immer präzisere Technologien entwickelt, um Trisomien möglichst schon während der Schwangerschaft zu erkennen und im Zweifel einen Abbruch vornehmen zu können.

Der Dokumentarfilm „Habt ihr das denn nicht vorher gewusst?“ zeigt eindringlich, was die Ausweitung pränataler Untersuchungen und der gesellschaftliche Druck, das „perfekte“ Kind zur Welt zu bringen, für Eltern, Mediziner*innen und Menschen mit Down-Syndrom bedeuten.

In dem knapp 30-minütigen Film kommen Menschen zu Wort, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit Pränataldiagnostik auseinandersetzen. Interviewt werden unter anderem eine werdende Mutter, Schwangerschafts-Berater*innen, Gynäkolog*innen und die Eltern eines neunjährigen Sohns mit Down-Syndrom, die sich nach einem auffälligen Befund während der Schwangerschaft bewusst gegen einen Abbruch entschieden haben. Der Film durchbricht die übliche Trennung zwischen Expert*innen auf der einen und Betroffenen auf der anderen Seite. Die Ansichten aller Beteiligten stehen gleichberechtigt nebeneinander und auch die Erfahrungen der Filmemacherin Vanessa Hartmann, deren Sohn das Down-Syndrom hat, fließen in den Film mit ein. Für sie steht fest, dass die Entscheidung, ein Kind zur Welt zu bringen oder nicht, alleine bei den Schwangeren selbst liegen darf. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie frei diese Entscheidung in einer behindertenfeindlichen Gesellschaft überhaupt sein kann.

In der Debatte um neue diagnostische Verfahren wie den nicht-invasiven Pränataltest (NIPT), der in Deutschland bald zur Kassenleistung werden soll (siehe Kasten), wird oft unterschlagen, dass es bei aller Präzision keine Garantie auf ein Kind ohne Einschränkungen und „Auffälligkeiten“ gibt. Aus den verschiedenen Erzählungen des Films wird deutlich, dass die Tests, anstatt für Sicherheit zu sorgen, häufig mit Unsicherheiten und Ängsten einhergehen – gerade wenn weitere Beratungsangebote fehlen und die Betroffenen mit auffälligen Befunden alleine gelassen werden.

Die Stärke des Films liegt darin, demgegenüber das Recht auf Nichtwissen in den Mittelpunkt zu stellen. Auf die Frage „Habt ihr das denn nicht vorher gewusst“ antwortet Vanessa Hartmann: „Was genau hätte ich denn wissen sollen?“. Die Erfahrungen, Begegnungen und Schicksale, die ein Leben – mit oder ohne Down-Syndrom – mit sich bringen, kann kein Test vorhersehen.

Jonathan Auer hat Sozial- und Kulturanthropologie sowie Politikwissenschaft an der FU Berlin studiert und von Mai bis Juni 2020 ein Praktikum im GeN gemacht.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
254
vom August 2020
Seite 36

Die nicht-invasiven Pränataltests (NIPT)

Seit 2012 sind die NIPT in Deutschland auf dem Markt und erweitern das Angebot vorgeburtlicher Untersuchungen. Aus dem Blut der schwangeren Person wird fetales Erbgut herausgefiltert und untersucht. Eine Durchführung ist schon ab der zehnten Schwangerschaftswoche möglich und die Tests geben eine Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen bestimmter genetischer Besonderheiten an. Bei einem auffälligen Testergebnis muss zur Befundsicherung eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt werden. Gesucht wird bisher nach den Trisomien 13, 18 und 21, geschlechtschromosomalen Varianten und – je nach Anbieter – nach einigen Mikrodeletionen. Die gesuchten Abweichungen sind keine therapierbaren Krankheiten, sondern genetischen Varianten. Der Test liefert eine Information, die keine Behandlungsmöglichkeiten eröffnet. Werdenden Eltern stellt sich also einzig die Frage, ob sie die Schwangerschaft bei einer wahrscheinlichen Beeinträchtigung des werdenden Kindes fortsetzen oder abbrechen. Eine Ausweitung des Testspektrums auf weitere genetische Abweichungen ist zu erwarten.

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