Rezension: Gene oder Umwelt?

„Adams Apfel und Evas Erbe - wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“ heißt das neue Buch des Evolutionsbiologen Axel Meyer. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist für Biologen deutlich kleiner als man auf den ersten Blick vielleicht vermuten könnte. Es stellt sich heraus, dass bei uns Menschen die Kultur diese Unterschiede massiv überformt. Bekannte Differenzen, wie zum Beispiel, dass Männer in IQ-Tests mit räumlichen Aufgaben ein bisschen besser abschneiden, sind biologische Fakten. Wenn man dann aber das Experiment macht und die Frauen vorher ein bisschen trainiert, dann verschwindet dieser Unterschied. Axel Meyer selbst schreibt, dass es oft sehr schwierig sei zu sagen, ob eine Eigenschaft wirklich genetisch unveränderlich ist oder ob sie nicht doch eine kulturelle Komponente hat, die man mit Training drehen kann. Gender-Mainstreaming ist für Meyer ein Rotes Tuch. Meyer argumentiert dagegen - warum er das tut, bleibt jedoch offen. Die Frauenquote, so Meyer, ist diskriminierend. Da komme eben nicht der Beste dran, sondern es wird eine Frau gefördert. Nähme er jedoch seine eigene Argumentation ernst, die da lautet, Männer sind zum Beispiel mehr an Erfolg interessiert, sind aggressiver, dann könnte er daraus auch schließen, dass in ganz normalen Einstellungsgesprächen auch nicht die Beste gewinnt, sondern sich eben der Aggressivere durchsetzt. Die Argumentation könnte man also auch durchaus für die Quote drehen. Der Autor sucht sich vor allem solche Fakten heraus, die ihm selbst passen. „Zwei von drei Menschen sterben an Krankheiten, die (...) genetische Ursachen haben“, so Meyer - stimmt, aber genauso richtig ist, dass fast alle Menschen an Krankheiten sterben, die Umweltursachen haben. Das stimmt auch, aber das lesen wir bei Axel Meyer nicht. Für ein Buch, das mit dem Pathos daherkommt „Ich bin der Naturwissenschaftler, ich habe die Fakten, ich erkläre es euch“ geht der Versuch, entlang von wissenschaftlichen Fakten zu beschreiben, warum Männer und Frauen unterschiedlich sind, ziemlich daneben.

Volkart Wildermuth

(Die Rezension ist eine gekürzte und leicht überarbeitete Transkription einer Besprechung des Buches im Deutschlandradio Kultur. Die vollständige Audio-Datei findet sich bis Anfang 2016 unter www.deutschlandradio.de oder www.kurzlink.de/gid233_z. Wir danken Autor und Sender für die Nutzungsrechte.)

➤  Axel Meyer: Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer. Bertelsmann Verlag (2015), 416 Seiten, 19,99 Euro. ISBN 978-3-570-10204-6.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
233
vom Dezember 2015
Seite 43