Transdisziplinärer Dialog über Agro-Gentechnik

Tagungsbericht

Unter dem Stichwort Sozial-ökologische Forschung finanziert das Forschungsministerium Forschungsgruppen, die Nachhaltigkeitsprobleme zwischen Gesellschaft und Natur untersuchen. Eine dieser Gruppen bindet Akteure der gentechnikkritischen Bewegung ein. Welche Konflikte und Reibungspunkte ergeben sich dabei? Und was können soziale Bewegungen von der Zusammenarbeit erwarten?

Schneverdingen. Eine Kleinstadt im nördlichen Niedersachsen, mitten in der Lüneburger Heide gelegen. Wenige Kilometer nördlich liegt das ehemalige Militärgelände Camp Reinsehlen. Seit Mitte der 1990er Jahre beherbergt es die Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz, eine Einrichtung des niedersächsischen Umweltministeriums. Aus den Fenstern des Tagungsraumes erschließt sich die Heidelandschaft: Sandmagerrasen, so weit das Auge reicht. Vereinzelte Birken auf flachwelligem Sandboden. Der Waldrand am Horizont, eine Heidschnucken-Herde in Sichtweite. Gut vorstellbar, dass hier Weiterbildungen für WolfsberaterInnen und Heide-KutscherInnen stattfinden und sommers wie winters Pilz- und Vogelkundler auf Exkursion gehen. Doch für den heutigen Tag steht nicht das Naturerleben im Vordergrund, sondern der Wissensaustausch und die Diskussion zwischen (Sozial-)WissenschaftlerInnen einerseits und der gentechnikkritischen Bewegung andererseits. Transdisziplinarität nennt das die Fachsprache. Die Diskussionen und Vorträge werden sich um die Frage drehen, was Demokratie und Agro-Gentechnik miteinander zu tun haben. Der etwas sperrige Titel der Tagesveranstaltung lautet: „Land(wirt)schaft, Demokratie und Agro-Gentechnik: Wer entscheidet was auf Äckern und Tellern landet?“ Eingeladen hat eine Forschungsgruppe der nahe gelegenen Leuphana Universität in Lüneburg. Unter dem Titel „Politiken der Naturgestaltung“ erforscht das siebenköpfige Team die Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse in den Politikfeldern ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik in Deutschland und Polen. Unter den Teilnehmenden des heutigen Tages befinden sich neben WissenschaftlerInnen auch Studierende, LehrerInnen, Mitglieder von NGO und Bürgerinitiativen sowie BehördenmitarbeiterInnen und einige wenige LandwirtInnen.

Informationen und Kontroversen

Der Vormittag beginnt mit einem einführenden Vortrag. Daniel Hertwig vom Infodienst Gentechnik beantwortet grundlegende Fragen wie die nach der weltweiten Anbaufläche von gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen oder nach dem Zulassungsverfahren in der EU. Olle Kamellen für manche AktivistInnen, doch der Großteil des Publikums ist interessiert. Kontroverser wird es dann beim nächsten Vortrag. Franz Seifert, Sozialwissenschaftler an der Universität Wien, stellt seine Forschungsergebnisse vor: Seit Mitte der 1990er Jahre erforscht er die sozialen Bewegungen gegen Agro-Gentechnik in fünf europäischen Ländern. Er will herausfinden, welche Akteure eine wichtige Rolle spielen und welche Unterschiede es in den verschiedenen Ländern gibt. Während er in Österreich vor allem etablierte NGO als zentrale Akteure sieht, denen es weitgehend gelungen sei, eine „gentechnikfreie Insel“ zu schaffen, seien die französischen AktivistInnen überwiegend im linken bis linksextremen politischen Spektrum zu verorten. Sie verfolgten ihr Ziel vor allem mit Feldzerstörungen - und bildeten die europaweit stärkste Anti-Gentechnik-Bewegung, so der Wissenschaftler. Als er zur Beschreibung der bundesdeutschen Protestlandschaft übergeht, regt sich Widerstand aus dem Publikum. Seifert will Greenpeace als den treibenden Akteur der Gentechnikkritik ausgemacht haben, daneben sollen vor allem anonyme Akteure wie die Freiwilligen Feldbefreier eine wichtige Rolle spielen. Insgesamt sei der Protest hierzulande erst vor knapp zehn Jahren erwacht; Seifert bezeichnet Deutschland dementsprechend als „verspäteten Vorreiter“.

Wissenschaftliche Analyse ist umstritten

„Das ist falsch!“ entfährt es Georg Janßen, der einige Stühle von mir entfernt sitzt. Die Einschätzung, der Protest habe hierzulande verspätet begonnen, will der Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) nicht gelten lassen. Und verweist auf die Proteste Ende der 1980er Jahre, als sich eine breite Koalition aus zivilgesellschaftlichen Organisationen gegen das gentechnisch hergestellte Rinderwachstumshormon rBST einsetzte - und gewann: Das Hormon wurde in Europa niemals zugelassen. Der Vorkämpfer für eine bäuerliche Landwirtschaft vermisst zudem die Bauern und Bäuerinnen in der Darstellung der gentechnikkritischen Bewegung. Dass sie in Seiberts Darstellung nicht einmal erwähnt werden, damit will er sich nicht abfinden. Seifert - der sich selbst als neutral gegenüber der Gentechnik bezeichnet - hält dagegen: Die Bauern seien zwar präsent, aber ihre geringe Anzahl mache sie für sich genommen zu keinem wichtigen Akteur in der Bewegungslandschaft. Erst duch strategische Allianzen mit Umweltverbänden werden sie zu relevanten Akteuren. Die Zeichen stehen auf Dissens: Die auf empirischen Untersuchungen basierenden Erkenntnisse des Wissenschaftlers wollen sich partout nicht mit den persönlichen Erfahrungen des langjährigen Aktivisten in Einklang bringen. Doch: Wer hat nun recht?

Dialog zwischen Expertenwissen und Praxiswissen

Keiner von beiden, sagt die Leiterin des Forschungsprojektes Daniela Gottschlich. Oder auch: nur beide zusammen. Wird das Stichwort der Transdisziplinarität ernst genommen, darf weder die wissenschaftliche Perspektive noch die biografische Erfahrung zum alleinigen Wahrheitsmaßstab erkoren werden. Stattdessen muss Experten- und Praktikerwissen zusammengehen. Dies erfordert die gegenseitige Bereitschaft zu einem konstruktiven Dialog. Und vor allem: Zeit. Mehr Zeit, als ein Tagesseminar ermöglicht. Daher müssen an diesem Tag viele Fragen offen bleiben. Beispielsweise die Frage nach der wissenschaftlichen Methodik: Seiferts Untersuchung basiert vor allem auf der Analyse von Zeitungsartikeln. Der überregionalen links-liberalen Tageszeitung der verschiedenen Länder 1 entnahm er im Zeitraum 1995 bis 2009 alle Artikel, die über Protestereignisse gegen die Agro-Gentechnik berichteten. Was hier also erhoben wird, ist die mediale Rezeption von oftmals singulären Protestereignissen. Dass Greenpeace und die Freiwilligen Feldbefreier dabei eine wichtige Rolle spielen, leuchtet ein, denn ihre Aktionen zielen auf medienwirksamen Protest. Doch wie steht es um lokale Bürgerinitiativen zur Gründung gentechnikfreier Regionen, um Informationsveranstaltungen in Gemeindesäälen, oder um die Bäuerinnen eines Landkreises, die sich zusammenschließen um gemeinsam gentechnikfreies Futter zu beschaffen? Diese Basisarbeit mag kein von überregionalen Medien wahrgenommenes Protestereignis darstellen; für die langfristige Verankerung einer gentechnikkritischen Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung mag sie dennoch eine große Rolle spielen. Insofern könnte die Perspektive von einem, der seit langer Zeit dabei ist, dabei helfen das Blickfeld zu weiten und die Aufmerksamkeit auf solche Aktivitäten zu lenken, die jenseits des medialen Blitzlichtgewitters und empirisch erfassbarer Zeitungsberichte stattfinden.

Empirische Methoden und Forschungsethik

Man kann Seifert jedoch nicht vorwerfen, diese Innenperspektive gänzlich ignoriert zu haben. Die Frage, nach welchen Methoden gesellschaftliche Vorgänge angemessen wiedergegeben, erforscht und analysiert werden können, ist eine typische Frage des sozialwissenschaftlichen Forschungsprozesses. Und so hat Seifert es nicht bei der Auswertung der Zeitungsartikel belassen, sondern hat die gentechnikkritische Bewegung in den verschiedenen Ländern auch selbst besucht. Er sprach mit AktivistInnen, die er für „Schlüsselakteure“ hielt und fuhr zu Camps der deutschen und französischen Freiwilligen Feldbefreier. Seine Einschätzung: Eine Außenperspektive auf die eigene soziale Bewegung sei dort häufig nicht erwünscht, die wenigsten AktivistInnen hätten ein Interesse daran, ihr eigenes Verhalten durch sozialwissenschaftliche Studien kritisch beleuchten zu lassen. Dementsprechend stellte er sich nicht immer als Wissenschaftler vor, ließ seine Gegenüber teilweise in Unkenntnis darüber, was sein eigentliches Anliegen war. Eine forschungsethisch bedenkliche Vorgehensweise? Immerhin wurden Personen ohne deren Zustimmung als Forschungsobjekt verwendet. Oder ist das Vorgehen legitim? Immerhin gab sich Seifert auf Nachfragen nach seiner Person stets als Wissenschaftler zu erkennen. Für diese konkreten Fragen des Zusammenbringens von wissenschaftlichem Wissen und Praxiswissen sowie damit verbundener methodischer und ethischer Erörterung bleibt am heutigen Tag keine Zeit. Zudem ist die Mehrheit der Teilnehmenden vor allem an konkreten Informationen zur Verbreitung der Agro-Gentechnik und ihren naturwissenschaftlich erforschten Risiken interessiert. Bestätigt sich hier Seiferts Beobachtung, dass eine sozialwissenschaftliche Außenperspektive nicht unbedingt gewünscht ist?

Praxisrelevanz

Als weitere wissenschaftliche Sichtweise auf die Konflikte um Agro-Gentechnik stellt Beate Friedrichs ihre Ergebnisse vor. Die Umweltwissenschaftlerin und Doktorandin der Lüneburger Forschungsgruppe interviewte GentechnikbefürworterInnen sowie -gegnerInnen in drei Regionen Deutschlands, in denen die gentechnisch veränderte Maissorte MON 810 angebaut wurde. Ihre These - Konflikte um die Gentechnik äußern sich lokal als Konflikte um Koexistenz zwischen einer gentechnikfreien und einer gentechnik-einbeziehenden Landwirtschaft - stößt auf keinen Widerstand seitens des Publikums. Allerdings scheint auch das Interesse am sozialwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt gering; die Nachfragen beziehen sich vor allem auf Koexistenzregeln und die notwendigen Abstände, die beim Anbau von gv-Pflanzen zum Nachbarfeld einzuhalten sind. Auch die restlichen Vorträge und Diskussionen des Tages drehen sich großteils um konkrete Informationen wie die gesundheitlichen Auswirkungen von gv-Pflanzen, Biopatentierung oder die Möglichkeiten, eine kritische Sicht auf Gentechnologien auch an Schulen und Behörden zu verankern. Dementsprechend will es auch in der Abschlussrunde nicht ganz gelingen, den Bogen wieder zur demokratischen Land(wirt)schaftsgestaltung zu schlagen - zumal die Hälfte der Teilnehmenden bereits abgereist ist, die andere Hälfte ebenfalls in Kürze die Heimreise antreten muss. Auch das ist ein ständiges Dilemma transdisziplinärer Zusammenarbeit: Während WissenschaftlerInnen dafür bezahlt werden, an Tagungen teilzunehmen, Vorträge zu halten und darüber zu diskutieren, stellt dies für viele Praxispartner eine Tätigkeit dar, die zusätzlich zur sonstigen Arbeit geleistet werden muss: Wer nicht für eine etablierte NGO oder Behörde arbeitet, sondern als LandwirtIn, AktivistIn oder sonstige Interessierte an der Veranstaltung teilnimmt, muss die ohnehin meist knappe Zeit an anderer Stelle einsparen oder gar Urlaub nehmen. Nicht zuletzt diese ungleichen Voraussetzungen für verschiedene Teilnehmergruppen stellt Forschungsgruppen wie PoNa vor große Herausforderungen. Daniela Gottschlich sieht hier dringenden politischen Handlungsbedarf und appelliert insbesondere an das Forschungsministerium: Die gegenwärtige Externalisierung der Teilnahmekosten von Praxispartnern in transdisziplinären Projekten sei nicht akzeptal, notwendig sei dagegen eine Diskussion über Monetarisierung der geleisteten Arbeit. Dies könne beispielsweise über Aufwandsentschädigungen für die Teilnahme an Tagungen oder auch über die personelle Aufstockung von politischen Initiativen gelingen.

Wissenschaft als Informationsquelle oder Analyse-Instrument?

Einige Wochen später frage ich mehrere der Teilnehmenden, welches Fazit sie aus der Veranstaltung ziehen, und welchen Mehrwert die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis im Allgemeinen für sie darstellt. Einigkeit besteht darin, dass ein grundlegender Unterschied zwischen den Arbeitsweisen von Wissenschaft und Praxis besteht: Während erstere die Zeit hat, sich mit grundsätzlichen Fragen zu beschäftigen - zum Beispiel, welche Natur durch unsere Art der Landwirtschaft entsteht -, arbeitet die (gentechnikkritische) Praxis sehr tagesaktuell. In der Tat gibt es viel zu tun für AktivistInnen. Dabei kann nicht zuletzt der Blick über den (geografischen) Tellerrand schon mal zu kurz kommen. Insbesondere die Entwicklungen in den osteuropäischen Ländern werden von der gentechnikkritischen Bewegung in Deuschland nicht ausreichend wahrgenommen, so Georg Janßen. Den großen Mehrwert beim Austausch mit den Lüneburger WissenschaftlerInnen sieht er deshalb in einem Zugewinn an Informationen. Denn da die Forschungsgruppe neben der deutschen auch mit der polnischen gentechnikkritischen Bewegung zusammenarbeitet, gebe es stets Neues über das Nachbarland zu erfahren. Informationsaustausch und Vernetzung mit Hilfe der Sozialwissenschaft sozusagen. Gottschlich und Seifert hingegen liegt die kritische Reflexion am Herzen, die sie für die gentechnikkritische Bewegung leisten können. Welche Natur- und Politikverständnisse stecken hinter den politischen Forderungen? Welche Geschlechterbilder werden damit transportiert? Diese und ähnliche Fragen will sie im Zusammenspiel mit und zum Nutzen der AktivistInnen beantworten, so Gottschlich. Gerade die sehr junge und bisher wenig institutionalisierte gentechnikkritische Bewegung in Polen - die neben der deutschen Bewegung ein Forschungsobjekt der Lüneburger darstellt - nehme dieses Angebot sehr gerne an und äußere sich positiv über die sozialwissenschaftliche Reflexion.

  • 1. Für Deutschland war das die Süddeutsche Zeitung, für Österreich Der Standard, für Frankreich Le Monde.

Anne Bundschuh arbeitet beim Forum Umwelt und Entwicklung und koordiniert dort das Netzwerk Gerechter Welthandel. Von 2012 bis 2017 war sie Mitarbeiterin des GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
218
vom Juni 2013
Seite 7 - 9

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