Transgener Weizen auf dem Acker

In der Schweiz kommt der Gatersleben-Weizen zu neuen Ehren

Das schweizerische Agrarforschungszentrum Agroscope startet dieser Tage einen Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Winterweizen. Die gleichen Linien wurden vor Jahren in Gatersleben, Deutschland, freigesetzt, was massiven Protest provozierte.

In Kooperation mit dem Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben führt Agroscope in der Schweiz einen Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Weizen durch. Dieser soll bis zu sechs Jahre dauern. Freigesetzt werden Weizenlinien, die nach Darstellung der WissenschaftlerInnen im Gewächshausversuch gegenüber der Ausgangslinie Ertragssteigerungen von fünf Prozent erzielten. „Nun soll sich zeigen, ob sein Ertragspotenzial auch im Feld höher ist“ - so steht es auf der Interseite des Forschungsstandortes. Die Fläche in der Protected Site am Agroscope-Standort Zürich (Reckenholz) ist umfassend gesichert, um die Versuche vor direkten Aktionen zu schützen. Aufgrund eines Moratoriums ist der kommerzielle Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der Schweiz derzeit verboten, Versuchsfreisetzungen sind jedoch erlaubt. Neben dem aktuellen und einem weiteren Versuch mit Weizen wird am Standort Reckenholz auch mit gentechnisch veränderten Kartoffeln und Äpfeln experimentiert.

Bekannte Weizenlinien

Die jetzt zur Freisetzung genehmigten Weizenlinien hatten in der Vergangenheit schon einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie waren zum Teil 2006 bis 2008 auf den Flächen des IPK in Gatersleben gewachsen. Der damalige Versuchsanbau hatte eine große Protestwelle ausgelöst, weil am gleichen Standort auch traditionelle Sorten aus dem Genbank-Bestand im Erhaltungsanbau vermehrt werden. KritikerInnen haben den Anbau letztendlich - nicht zuletzt wegen der Gefahr einer Kontamination - mit einer Feldbefreiung beendet. Der Zivilprozess in dieser Sache läuft noch heute.1

WeizenzüchterInnen aus Deutschland und der Schweiz haben sich in einem Offenen Brief gegen den Versuch ausgesprochen. Ihrer Meinung nach seien die „in der Beschreibung genannten Zielsetzungen (...) unzureichend in den sozialen und landwirtschaftlichen Kontext Europas eingebettet. Es [bleibe] unklar, ob die Weizenlinien für die Nutzung als Futter- oder Speiseweizen entwickelt wurden“. Gleichzeitig betonten die ZüchterInnen, die öffentliche Züchtungsforschung in Deutschland und der Schweiz bilde „die Grundlage für die Züchtung landwirtschaftlicher Kulturpflanzen in Mitteleuropa. Sie hat einen entscheidenden Einfluss auf die Zuchtziele und das Ausgangsmaterial, mit welchem Getreide für die Zukunft entwickelt wird“.2

Auch die Schweizer Allianz Gentechfrei (sag) kritisiert die am 27. Oktober vom Bundesamt für Umwelt BAFU bewilligte Genehmigung. Geschäftsleiter Paul Scherer stellt etwa die Koexistenz infrage und verdeutlicht dies an einem Beispiel aus den USA. Dort sei 2013 verwilderter gentechnisch veränderter Weizen aus einem über zwölf Jahre zurückliegenden Freisetzungsversuch entdeckt worden.3

Die Kritik macht auch vor den Pflanzen selbst nicht Halt: An den Linien, die jetzt in Reckenholz freigesetzt werden, ist der Züchtungsfortschritt nach all den Jahren Forschung komplett vorbeigegangen. Selbst wenn sich die Ertragssteigerung durch die gentechnische Veränderung in den Versuchen bestätigt, haben aktuelle Sorten einen entsprechenden Ertrag ohne Gentechnik. Auch ist mehr als fraglich, ob sich der Erkenntnisgewinn unmittelbar auf andere Linien übertragen lässt, da jede Pflanze anders auf eine gentechnische Veränderung reagiert.

Es bleibt die Frage der ökologischen GetreidezüchterInnen, ob dieser Versuch der richtige Weg ist „wie öffentliche Gelder in der Züchtungsforschung eingesetzt werden sollen“.

 

Quelle:

Die Genehmigung für die Freisetzung des Weizens findet sich auf den Seiten des Bundesamtes für Umwelt unter www.bafu.admin.ch.

Christof Potthof ist Mitarbeiter im Gen-ethischen Netzwerk und Redakteur des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
239
vom Dezember 2016
Seite 18