Umstrittene Petunien

25 Jahre seit der ersten Gentech-Freisetzung in Deutschland

25 Jahre Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland sind ein Anlass zurückzuschauen. Um die Deutungshoheit über den ersten Freisetzungsversuch wird bis heute gerungen. Wir ringen mit.

„Rund 200 KritikerInnen waren am 14. Mai [1990] dem Aufruf der Kölner Initiative ‚BürgerInnen beobachten Petunien‘ gefolgt und blockierten die vier Zufahrtstore des Max-Planck-Instituts“. Das berichtete der Gen-ethische Informationsdienst (GID) über den Tag der Freisetzung der gentechnisch veränderten Petunien. Der Leiter der Forschungen, Professor Heinz Saedler, und einige seiner MitstreiterInnen hatten die Nacht im Institut verbracht, um ihr Freisetzungsexperiment trotz der Blockade durchführen zu können. Dieses Engagement verwundert nicht, handelte es sich doch um die erste Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen in der BRD.

Eine Debatte für SpezialistInnen

Im Gegensatz zu heute, wo es in vielen Teilen des Landes Gentechnik-kritische Gruppen gibt, war die Gentechnik-Debatte Anfang der 1990er Jahre noch etwas für SpezialistInnen. Auf der einen Seite die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Unternehmen, Universitäten oder eben in Forschungseinrichtungen wie dem Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung (MPI).1 Auf der anderen Seite gab es eine noch überschaubare Zahl von Menschen in Verbänden, Vereinen und lokalen Bürgerinitiativen. Gregor Bornes, einer der damaligen Sprecher der Kölner Initiative und langjähriges Mitglied im Vorstand des Gen-ethischen Netzwerkes, beschreibt das Engagement gegen den geplanten Freisetzungsversuch heute wie folgt: „Wir hatten im Kölner Gesundheitsladen mit der Gentech AG eine Gruppe, die sich allgemein mit der Gentechnik befasste. Daraus ist dann die Initiative ‚BürgerInnen beobachten Petunien‘ hervorgegangen, zu der noch deutlich mehr Menschen dazustießen.“2 In der Folge des ersten Antrages für den Petunienversuch ab dem Spätsommer 1988 konzentrierten sie ihre Arbeit auf das Organisieren von Veranstaltungen für die Öffentlichkeit, das Sammeln und Zusammenstellen von Informationsmaterialien und das Organisieren des lokalen Widerstandes. Über die Schwerpunkte der Arbeit schreibt die Gruppe: „Wir werden weiterhin großes Gewicht auf lokale Bezüge legen, ohne jedoch überregionale Zusammenhänge außer acht zu lassen.“3

Konkret führte dieser Anspruch dazu, dass sich die Mitglieder der Gentech AG und der Bürgerinitiative nicht nur für den Versuchsacker in Köln-Vogelsang - und die Blockade des Instituts - interessierten, sondern zum Beispiel auch für die Abmachungen zwischen dem MPI und dem Bayer-Konzern. Bayer hatte sich durch finanzielle Zuwendungen an das Institut den Zugang zu dem Know-how der WissenschaftlerInnen um Saedler und den damaligen Institutsdirektor Jozef Schell gesichert.

Max-Planck-Gesellschaft mit „Angst vor Selbstkritik“

Mittlerweile ist die Zeit der Geschichtsschreibung gekommen. Versehen mit der vielsagenden Zwischenüberschrift „Angst vor Selbstkritik“ verhandelt zum Beispiel der Medizinhistoriker Volker Roelcke den Umgang der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit dem Vorwurf, das Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtung habe als „Türöffner für die industrielle Nutzung der Gentechnik“ fungiert.4 In dem Band „Denkorte“ der MPG sollte die Historikerin Susanne Heim ein Kapitel über das Kölner Institut schreiben, in dem sie auch darauf einging, dass 1990 auf dem Institutsgelände der erste Freilandversuch in Deutschland mit gentechnisch veränderten Pflanzen stattgefunden hatte.5

Roelcke schreibt: „Heim erwähnte, dass sich die manipulierten Pflanzen bei der Freisetzung nicht so verhielten, wie von Seiten der Forscher prognostiziert: ein ‚interessanter Flop‘, wie die ZEIT (47/1990) damals ihren Bericht titelte. Dies verstärkte bereits existierende Befürchtungen vor unvorhersehbaren Folgen der Freisetzung. Das Institut reagierte auf die Kritik mit einer Neukonzeption seiner Öffentlichkeitsarbeit - so, als sei die vorhergesagte, aber nicht eingetretene Kontrollierbarkeit genmanipulierter Pflanzen primär ein PR-Problem, und nicht eines von Wissenschaftlern mit mangelnder Selbstkritik.“ Die Herausgeber der Denkorte hielten diese Fakten, so Roelcke weiter, „offenbar nicht für passend zur Publikation im Jahr 2011: Nach Lektüre von Seiten des MPI für Pflanzenzüchtungsforschung wurde der Autorin mitgeteilt, dass die Forschungsleistungen des Instituts in der Nachkriegszeit ‚zu wenig berücksichtigt‘ worden seien. Akzeptiert wurde nur ihre Darstellung der Institutsgeschichte bis zum Ende der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der Text für die restliche Zeitspanne wurde kurzfristig bei einer Journalistin in Auftrag gegeben. Von den unvorhergesagten Ergebnissen der Freisetzungsversuche ist darin nicht mehr die Rede, die Kritiker der Versuche werden schlicht als Fortschrittsfeinde dargestellt.“

Im Forum des industrienahen Online-Portals transgen.de6 beteiligt sich Dirk Büssis, heute wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm, an der Geschichtsschreibung. Er betont in seinem Beitrag, dass „Forschung (...) hypothesen-getrieben, aber ergebnisoffen“ sei. Insofern sei es kein ungewöhnlicher Vorgang, dass die WissenschaftlerInnen - anders als von ihnen prophezeit - keine Transposons finden konnten.7 Büssis schließt sich somit der unkritischen Interpretation der Umstände des Petunien-Versuches an.

Verhältnis zur Industrie

Ohne jeden Satz von Büssis auf die Goldwaage legen zu wollen, liegt er mindestens in einem Punkt komplett daneben: Die transgenen Petunien sind entgegen seiner Aussage sehr wohl verkauft worden. Das bestätigte das Münchner Unternehmen Garching Instrumente, das die Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts vermarktet hatte. Die Namen der Unternehmen wurden nicht veröffentlicht, bestätigt wurde nur, dass es sich um Saatgut-Züchter aus den Niederlanden und aus Japan handelte. 8

Der Leiter des Petunien-Versuches Saedler hatte schon 1988 im Interview mit dem GID gesagt, dass „die Mitarbeiter der Firma Bayer (...) an unser Institut [das Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung - CP] gekommen waren, um die Methodik und das Know-how kennenzulernen, um beides dann zu Hause auf ihre Projekte anwenden zu können.“ Und weiter: „Der Transfer von Know-how“ habe „durchaus den Absichten des Bundesministerium für Forschung und Technologie, die Grundlagenforschung so zu entwickeln, daß sie in Anwendungsnähe kommt“ entsprochen.9 Die Höhe der Geldtransfers ist nicht bekannt.

Auch Gerd Spelsberg, damals selbst Kritiker der Versuche in Köln, heute Redakteur bei transgen.de und eher ein Fan der Gentechnologie, kann trotz der Beziehung des Max-Planck-Instituts zu Bayer nichts erkennen, was über Grundlagenforschung hinausging. Spelsberg schreibt in einem Rückblick aus Anlass des 25sten Jahrestages der ersten Freisetzung der gentechnisch veränderten Petunien: „Der Kölner Versuch war Grundlagenforschung, ohne konkreten Bezug zur kommerziellen Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen, die ein paar Jahre später begann.“10

Eine etwas andere Sprache spricht das Magazin Der Spiegel. Der Darstellung in einem Artikel aus dem Jahr des Versuches zufolge räumten die Molekularbiologen Heinz Saedler und Peter Meyer „zwar kleinlaut ein, das ursprünglich anvisierte Testziel verfehlt zu haben“. Die beiden Max-Planck-Forscher wussten das Blatt aber für sich zu wenden, hatten sie doch „‚überraschend aufgeworfene neue Fragen‘ entdeckt, Grund genug für einen zweiten Freilandversuch“.11 So funktioniert das in der Wissenschaft ... 

  • 1. Heute Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung.
  • 2. Gen-ethisches Netzwerk e.V.: „25 Jahre Widerstand - Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen verhindern“, veröffentlicht am 22. Mai dieses Jahres als Beilage der Tageszeitung (taz). Online zum Herunterladen unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/files/25jahre_gv-petunien_20150522.pdf. Siehe auch S. 5 des vorliegenden Hefts.
  • 3. BürgerInnen beobachten Petunien: „Lokale Bezüge und überregionale Zusammenhänge“, GID Nr. 57, Juli 1990, S. 12.
  • 4. Volker Roelcke (Universität Gießen): „Exzellente Wissenschaft - tödliche Forschung - Reflexionsbedarf bei der Max-Planck-Gesellschaft“, Neue Gesellschaft - Frankfurter Hefte 2011 No. 9. Im Netz unter www.frankfurter-hefte.de/upload//2011-09_Roelcke_web.pdf.
  • 5. Der Band „Denkorte“ beschreibt - wie es bei der Max-Planck-Gesellschaft heißt - „zum 100. Gründungsjahr der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft die Geschichte beider Einrichtungen“. Die Max-Planck-Gesellschaft war 1948 aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hervorgegangen.
  • 6. www.transgen.de oder www.kurzlink.de/gid230_1.
  • 7. Siehe dazu auch den Ausschnitt des Interviews mit Heinz Saedler auf S. 25 in dieser GID-Ausgabe.
  • 8. Die Firma Garching Instrumente GmbH wurde 1970 gegründet, um die kommerzielle Verwertung von Forschungsergebnissen der Max-Planck-ForscherInnen zu prüfen beziehungsweise zu verhandeln. Auch Patentierungsaufgaben und Coachings werden übernommen. Das Unternehmen heißt heute Max-Planck-Innovation GmbH. Es firmierte laut der Online-Enzyklopädie Wikipedia in den Jahren 1993 bis 2006 unter dem Namen Garching Innovation. Im Netz unter www.max-planck-innovation.de. Siehe dazu auch im GID Nr. 56, Juni 1990.
  • 9. Saedler im GID-Interview. Einen Ausschnitt über die Ziele des Freisetzungsversuches lesen Sie auf Seite 25 in dieser GID-Ausgabe. Das vollständige Interview ist in GID Nr. 37, Oktober 1988, zu finden.
  • 10. „25 Jahre Gentechnik im Freiland: Wie die Wissenschaftler den Kampf um die Deutungshoheit über die Kölner Petunien verloren“. Im Netz unter: www.gute-gene-schlechte-gene.de/25-jahre-gentechnik-freisetzung-petunien oder www.kurzlink.de/gid230_2.
  • 11. Der Spiegel 48, 1990.

Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
230
vom Juli 2015
Seite 23 - 24

Petunien von heute ...

Ausschnitt aus einem Interview, das Heinz Saedler dem Gen-ethischen Informationsdienst (GID) im Oktober 1988 gab - also etwa eineinhalb Jahre vor dem Beginn des Versuches mit gentechnisch veränderten Petunien.

 

GID: Ihre Petunie ist eines der ersten Freisetzungs-Experimente mit transformierten Pflanzen, das in der Bundesrepublik beantragt werden soll. Worum geht’s dabei?

Saedler: Ja, das stimmt. Wissenschaftlich geht es dabei um Folgendes. Normalerweise besitzen Petunien rote und blaue Pigmente, mit deren Hilfe alle mö̈glichen Farbschattierungen durch Mischung erzeugt werden kö̈nnen. Ist einer der enzymatischen Schritte in der Synthese dieser Blütenfarbstoffe genetisch blockiert, dann kann eine weiße Blüte resultieren. In eine derartig weißblühende Petunie wurde ein bestimmtes Gen aus Mais übertragen, so daß jetzt eine neue ziegelrote Farbe resultierte.

Nicht alle Ihre Petunien hatten ziegelrote Blüten, sondern es gibt solche mit roten Streifen und weiße.

Ja, das ist richtig. Bei der Übertragung des Mais-Al-Gens in die Petunie haben wir eine andere Methode benutzt, als bisher ü̈blich. Protoplasten, also nackte Zellen, wurden durch ein ringförmiges DNA-Molekü̈l, das sowohl das Maisgen wie auch ein anderes selektives Gen enthielt, transformiert. Dieses ringfö̈rmige Molekül kann nun an vielen verschiedenen Stellen in die pflanzlichen Chromosomen eingebaut werden. Dabei erfolgt die Ringö̈ffnung auch an unterschiedlichen Stellen, so daß sie gelegentlich auch die Intaktheit des Maisgens beeinflussen kann. Dies resultiert dann in den von Ihnen angesprochenen gestreiften oder wie wir sagen: mosaiken Blüten. Das sind die wissenschaftlich besonders interessanten Fä̈lle, weil ihre Analyse Aufschluß ü̈ber den Mechanismus der Integration geben kann. Ist dieser Prozeß erst einmal verstanden, dann wird er vielleicht auch steuerbar, d.h. wir werden vielleicht in die Lage versetzt werden, den Prozeß noch viel gerichteter und damit auch die gesamte Methode noch effektiver zu gestalten.

Wenn man die DNA in die Protoplasten hineinbringt, dann integriert die sich irgendwie ins Genom. Dabei wird also der Ring zerstört. Kann der nicht Wirkungen im Genom entfalten, so daß man nicht vorhersagen kann, welche Störungen im Chromosom entstanden sein könnten, auch wenn ich die ziegelrote Pflanze habe. Sie bekommen doch nur Antworten auf das, was Sie abfragen. Man wird nicht alles durchtesten kö̈nnen.

Die von uns verwendete Methode der Genübertragung beinhaltet, daß die nackten Zellen auch wieder zu ganzen Pflanzen regeneriert werden müssen. Das bedeutet einen solchen Streß für die Pflanze, der zu einer Umorientierung ihres Genombestandes führt, mit dem Ergebnis, daß häufig im Phä̈notyp veränderte Pflanzen auftreten. Dies wird somaklonale Variation genannt. Die Methode der Gewebekultur wird zur kommerziellen Vermehrung bestimmter Pflanzen benutzt, wie von Zierpflanzen, etwa Orchideen, so daß sie für wenig Geld erhältlich sind. Die Arbeit mit Gewebekulturen fü̈hrt jedoch zu einer hohen Rate von Mutationen, unabhä̈ngig von einer etwaigen Übertragung fremder DNA. So war es dann auch nicht verwunderlich, daß in Petunien-Transformations-Experimenten in der Tat ein Fall auftrat, in dem die Pflanze nicht nur eine rote Blüte zeigte, sondern sie auch absolut steril war. Mit einer derartigen Pflanze kann man nicht mehr viel beginnen, da sie geschlechtlich nicht vermehrt werden kann. Für eine Anwendung sind jedoch nur die transformierten Pflanzen interessant, die die neue ziegelrote Farbe zeigen, und die nur ein Maisgen bei der Übertragung erhalten haben.

Gibt es Verwertungsinteressen an Ihren Freisetzungs-Experimenten?

Es gibt eine ganze Reihe von ausländischen Firmen, die an uns herangetreten sind und die rotblühende Petunie gerne erwerben würden.

 

Auszug aus „Die Petunien von heute sind die Steaks von morgen“.

Interview mit Heinz Saedler vom Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, veröffentlicht im Oktober 1988 im Gen-ethischen Informationsdienst 37. Saedler hatte den ersten Antrag auf Freisetzung einer gentechnisch veränderten Pflanze in der Bundesrepublik Deutschland gestellt. Das Gespräch führten Gisela Kretzschmar und Joachim Spangenberg.

(pau)

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